wenn es sich darum handelte einen Einfall auszuarbeiten, ein Thema zu entwickeln, dann war sie unermüdlich und konnte stunden- und tagelang an einem oder ein paar Takten sitzen

Sophie-Carmen Eckhardt-Gramatté war eine herausragende Musikerin, sowohl als Pianistin als auch an der Geige, sowie eine eigenwillige Komponistin. Ihr ausgeprägter Wille zur künstlerischen Selbstbehauptung wurde Grundlage ihres Erfolgs. Mehrfach in ihrem Leben baute sie sich nach Umzügen eine vollkommen neue berufliche Existenz auf – in Berlin, Wien und schließlich in Kanada. In den immerhin 14 Wiener Jahren von 1939 bis 1953 gründete sie in der Kriegszeit einen illustren Musiksalon in ihrer Wohnung, erlebte Aufführungen in den größten Häusern und brachte sich maßgeblich in die österreichische Komponistenszene ein.

Sophie-Carmen Eckhardt-Gramatté 1941 in Wien. (F26.Eckhardt-Gramatté.94/138)

Schwer zu fassen

Die Umrisse von Sophie-Carmen Eckhardt-Gramattés (geb. Sonia de Fridman-Kočevskaja) Leben sind außergewöhnlich schwer fassbar. Weder wurde ihre Geburt registriert, noch gab es einen Taufschein. Das Geburtsjahr war vermutlich 1899, der Ort ist ungewiss. Nach einem kurzen Aufenthalt in England wuchs sie in Paris auf. Ihre musikalische Laufbahn führte sie bald an die Öffentlichkeit: Schon im Jahr 1910 gab sie – nach zwei Jahren Studiums am Conservatoire de Paris – ihr Debut als Geigerin und Pianistin; im gleichen Jahr erschien auch der erste Druck eines Werks von ihr.

Fotokopie des Erstdrucks von Eckhardt-Gramattés erstem Werk, komponiert 1909 in Paris. (F26.Eckhardt-Gramatte.45)

Berliner Jahre in kongenialer Ehe

Aus dem Conservatoire schied sie als Vierzehnjährige im Streit mit dessen Direktor Gabriel Fauré, weil sie sich unterschätzt fühlte. Sie zog mit ihrer Mutter und Schwester im Frühjahr 1914 völlig mittellos nach Berlin. Dort verdingte sie sich als Musikerin und lernte 1919 ihren ersten Ehemann, den expressionistischen Künstler Walter Gramatté kennen.

Die Heirat im Jahr 1920 legte den Grundstein für eine Beziehung intensiver künstlerischer Verbundenheit. Das Schaffen der Gramattés war ausgesprochen persönlich und eng aufeinander bezogen. In ihre Violin Caprice Nr. 7, „Le départ d'un train“ komponierte Sonia, wie Sophie-Carmen zeitlebens genannt wurde, zum Beispiel einen Abschied voll Trauer und Ungewissheit ein, nachdem sie ihren schwerkranken Mann am Bahnhof in Berlin verabschieden hatte müssen.

Die Beziehung zu ihrem ersten Mann war, auch über dessen Tod hinaus, von außergewöhnlicher Verbundenheit. Ca. 1927. (F26.Eckhardt-Gramatte.94/97)

Caprice Nr. 7, Le départ d’un train. Molly MacKinnon, Violine. Ein Projekt der Redshift Music Society und des Canadian Music Centre.

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Caprice Nr. 7, Le départ d’un train. Molly MacKinnon, Violine. Ein Projekt der Redshift Music Society und des Canadian Music Centre.

Sowohl wirtschaftlich als auch seelisch machte Gramatté während ihrer ersten Ehe mangelnde Anerkennung – besonders als Komponistin, weniger als Interpretin – zu schaffen. Umso mehr bedeutete ihr die Chance, im Mai 1928 in Paris ihr Werk Leopold Stokowski vorstellen zu können, damals als Dirigent des Philadelphia Orchestras von herausragender Popularität. Die Perspektive, als Komponistin in die erste Reihe zu dringen, setzte in ihr enorme Schaffenskraft frei. Sie begab sich in Frankreich in Klausur, um viele Stunden täglich zu komponieren und in Vorbereitung der Konzerte ihre Werke für Orchester zu arrangieren.

Gleichzeitig verschlechterte sich der gesundheitliche Zustand ihres Mannes. Wenige Monate nach ihrer Rückkehr starb er im Februar 1929 an Darmtuberkulose. Die Witwe stand am Rande des Suizids und war über viele Jahre psychisch stark beeinträchtigt. Die avisierten Konzerte in Amerika fanden jedoch statt. Sie boten ihr finanzielle Sicherheit.

Die Orchesterbearbeitung der Violincaprice „Danse marocaine“ entstand für die Aufführung in den USA. Fotokopie der Kopistenhandschrift. (F26.Eckhardt-Gramatte.55)

In stabilen Verhältnissen

Anfang der 30er Jahre entwickelte sich eine Beziehung zum Österreicher Ferdinand Eckhardt, mit dem sie in Berlin lebte und den sie 1934 heiratete. Im Jahr 1936 begann Eckhardt-Gramatté auf Empfehlung Stokowskis Kompositionsunterricht bei Max Trapp an der Preußischen Akademie zu nehmen. Sie war zwar als komponierende Interpretin schon sehr erfolgreich gewesen, suchte aber eine fundierte technische Ausbildung. Motiviert durch berufliche Notwendigkeiten ihres Mannes folgte 1939 der Umzug in dessen Heimatstadt Wien, wo sie die Kriegsjahre verlebten.

Eckhardt-Gramattés zweiter Ehemann Ferdinand Eckhardt bemühte sich sowohl um ihr Erbe als auch das ihres ersten Mannes. 1967. (F26.Eckhardt-Gramatte.94/193)

Gramatté war in dieser Zeit als Komponistin sehr produktiv und komponierte vor allem Orchesterwerke, Kammermusik und Musik für Klavier. Im Jahr 1942 erlebte sie eine wesentliche Uraufführung als einzige Komponistin unter neun Männern in einem „Querschnitt durch das Schaffen der Gegenwart“. Dieses Konzert im Wiener Konzerthaus fand im deutschsprachigen Raum breite Resonanz. Auch in den Nachkriegsjahren war Eckhardt-Gramattés Musik in Wiener Konzertsälen wiederholt präsent und erhielt mehrere Preise.

Das „Capriccio Concertante“ war Eckhardt-Gramattés Beitrag zum Konzert „Querschnitt durch das Schaffen der Gegenwart“. (F26.Eckhardt-Gramatte.19)

In ihrem Musiksalon empfing sie etablierte Größen des Musiklebens wie Wilhelm Furtwängler und Clemens Krauss und zahlreiche Komponisten wie Hans Erich Apostel, einen Schönberg- und Berg-Schüler, und den Spätromantiker Joseph Marx. Die Hauskonzerte waren wesentlich für die Präsentation neuer Werke, sie wurden dort unter anderem mit Mitgliedern der Wiener Philharmoniker uraufgeführt.

Das Duo für Viola und Violoncello, hier im Erstdruck, wurde von den Philharmonikern F. Stangler und W. Kleinecke beim Hauskonzert am 27.5.1944 uraufgeführt. (F26.Eckhardt-Gramatte.15)

Zudem war sie wesentliche Akteurin in beruflichen Netzwerken der Musikszene. Sie war an der Neugründung der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik im Jahr 1945 beteiligt und fungierte in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg als Vorstandsmitglied. Als einzige aus dem Kreis des Vorstands war sie nicht mit dem Schönberg-Kreis verbunden, der auch schon vor dem Verbot der IGNM 1938 deren Grundausrichtung geprägt hatte. Trotzdem wurde Sophie-Carmen Eckhardt-Gramatté von der IGNM in mehrerlei Hinsicht unterstützt: Einerseits durch Interventionen beim Kulturamt der Stadt Wien, um eine Erhöhung ihrer Lebensmittelklasse zu erreichen, andererseits durch Aufführungen. Sie komponierte auch für IGNM-Vorstandsmitglieder oder in deren Auftrag. So erging es nicht allen Komponistinnen in der IGNM. Das lässt erkennen, welcher Stellenwert ihr als Komponistin beigemessen wurde.

Drei Jahre später wurde sie zudem Gründungsmitglied der „Österreichischen Gesellschaft für Zeitgenössische Musik“. Diese Beispiele stehen dafür, welche unterschiedlichen Rollen Komponistinnen im 20. Jahrhundert im Musikleben gespielt haben. Sie waren bedeutende Trägerinnen kulturellen Handelns und damit Stützen des kulturellen Lebens. Die Würdigung ihres Werks kam vor und war möglich, jedoch die Ausnahme. Das lässt sich gesamtheitlich an den Aufführungsstatistiken und auch der Präsenz in den entscheidenden Gremien ablesen.

Übersee

Im Jahr 1953 folgte sie erneut den beruflichen Veränderungswünschen ihres Mannes nach Kanada und ließ das in Wien Aufgebaute hinter sich. Winnipeg sollte zu ihrem Hafen werden. Der erneute Umzug führte zunächst zu einer Schaffenskrise. Schon bald baute sich Eckhardt-Gramatté aber aufs Neue einen Ruf als Komponistin und Interpretin auf.

Ihre Anerkennung drückt sich wohl am stärksten in dem Kompositionsauftrag aus, den sie anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums ihres neuen Heimatbundesstaates Manitoba 1970 erhielt. Aus diesem ging ihre 2. Symphonie, die „Manitoba Symphony“ hervor. Vier Jahre später starb sie während einer Operation in Deutschland. Sie wurde – genau wie 1994 ihr zweiter Ehemann – an der Seite Walter Gramattés in Berlin bestattet.

Werk

Bis zum Unterricht bei Max Trapp war Sophie-Carmen Eckhardt-Gramatté als Komponistin Autodidaktin. Ihre Musik nahm in den Anfängen deutlich die Einflüsse auf, die sie im Paris der 1910er Jahre umgaben, und verband sie mit Ideen, die sie von ihrer besonderen Klaviertechnik ableitete. Ihre Entwicklung durch innere, oft unvorhersehbar originelle Verarbeitung äußerer Einflüsse führte im Laufe ihres Schaffens zu unterschiedlichen Stilen, die nebeneinander existierten und sich auf Elemente von Jazz, Bitonalität und von Zwölftonmusik stützten, ohne sich dem Regelwerk streng zu unterwerfen. Ihr Spätwerk brachte die von ihr so bezeichnete Arbeit als „Intervallikerin“ hervor.

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Der genialisch-wilde Schaffensprozess wurde von ihrem Ehemann Friedrich Eckhardt dokumentiert. (F26.32/2)
Friedrich Eckhardt hat auf Wunsch seiner Frau ihr Leben und ihre Ehen ausführlich dargestellt.

Eckhardt-Gramatté hat ein umfassendes Oeuvre von über 170 Werken hinterlassen. Ihre Anfänge als Klavier- und Geigenvirtuosin lassen sich daran ablesen, dass Instrumentalmusik ihr Leben lang der Mittelpunkt bleibt. Gerade in den ersten Jahren komponiert sie für sich selbst: Capricen für Violine oder Klavier, Kammermusik für kleine Besetzung unter Beteiligung der beiden Instrumente.

Große Orchesterwerke treten ab ihrem Unterricht bei Max Trapp hinzu, darunter zwei Symphonien (Nr. 1 1938-41, Nr. 2 1970/74) und zahlreiche Konzerte. Vokalmusik und damit auch die Oper spielt eine untergeordnete Rolle in Eckhardt-Gramattés Werk, wobei ein Opernfragment existiert, „Die Wirtin von Gent“ aus dem Jahr 1953.

Nachlass F26.Eckhardt-Gramatte: data.onb.ac.at/rec/AC13809991

Glen Carruthers: Sophie-Carmen Eckhardt-Gramatté. Eine Musikerin von Gottes Gnaden, in: Annäherung IX an 7 Komponistinnen, Kassel, 1998, S. 25­–52. http://data.onb.ac.at/rec/AC04070401

Eckhardt, Ferdinand: Sophie-Carmen Eckhardt-Gramatte. (Das Leben der Komponistin.), 1977. data.onb.ac.at/rec/AC14344557.

Monika Voithofer: Die Rolle von Komponistinnen, Interpretinnen und Musikwissenschaftlerinnen in der Institution Internationale Gesellschaft für Neue Musik (IGNM), 2015. http://data.onb.ac.at/rec/AC16569163.

Nutzung der Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Eckhardt-Gramatté Foundation.

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