Für mich ist Musik ein lebendes, pulsierendes Ereignis, eines, das sehr tief in der Geschichte und der menschlichen Erfahrung verwurzelt ist.

Nancy Van de Vate ist eine 1930 in den USA geborene Komponistin, die in den 80er Jahren den Weg nach Europa fand. In den USA fühlte sie sich als Komponistin, wie sie sagte, fremd – und meinte das nicht nur bezogen auf ihre Berufswahl, sondern auch auf ihren Stil. Bei aller Modernität bewahrte sie immer eine Neigung zur Melodie und zur Klangfarbe, womit sie sich in Europa verstandener fühlte. Nancy Van de Vate wurde vielfach aufgeführt und ausgezeichnet. Es existieren auch viele Einspielungen ihrer Werke bei unterschiedlichen Labels. Für die Realisierung ihrer Musik setzte sie alles ein, Energie, Zeit, aber auch eigene finanzielle Mittel, denn, wie sie sagte: „Komponistin zu sein ist eine Lebensentscheidung.“

Nancy Van de Vate 2000 am Wellesley College anlässlich der Verleihung des Alumnae Achievement Awards. (F163.Van.de.Vate.969)

Eine klare Entscheidung

Nancy Van de Vate wurde 1930 als Nancy Jean Hayes in Plainfield, New Jersey geboren und lernte ab dem dritten Lebensjahr Klavier, als zweites Instrument trat später die Viola hinzu, die sie ebenfalls ein Leben lang spielte. Mit 16 Jahren gab sie ihr Konzertdebüt als Pianistin. Ein Jahr darauf schrieb sie sich ins Konzertfach Klavier an der Eastman School of Music in Rochester ein, das sie aufgrund ihrer Begabung mit Leistungsstipendien finanzieren konnte.

Nancy Van de Vate als „Freshman“ im Jahrbuch der Eastman Schook of Music, Rochester, 1948. (F163.Van.de.Vate.971)

Damit schienen die Weichen in Richtung eines Berufslebens als Pianistin gestellt – doch hatte sie Interesse an einer breiteren Ausbildung und absolvierte 1952 den Bachelor in Musiktheorie am Wellesley College, MA. Die Familiengründung mit ihrem Mann Dwight Van de Vate, der ebenfalls noch studierte, forderte in diesen Jahren viel Zeit. Mit verschiedenen Jobs kompensierte sie die Einnahmen, die durch das Studium ihres Mannes fehlten.

Es war die Geburt ihrer ersten Tochter im Jahr 1955, die sie die eindeutige Wahl zwischen dem Beruf der Pianistin und der Komponistin treffen ließ: Da zeitlich nicht beide Karrieren verwirklichbar waren, steckte sie all ihre Energie in das Komponieren. „Musik“ bedeutet für sie ab diesem Zeitpunkt: Schaffen neuer Musik.

Sie schloss an ihren Bachelor einen Master in Komposition in Mississippi an. Ihre Abschlussarbeit war ein Orchesterwerk, „Music for Orchestra in Three Movements“ (1958) – ein Hinweis auf ihre bleibende Vorliebe für große Besetzungen, zu der sie auch ihr Lehrer Arthur Kreutz inspiriert hatte. Zehn Jahre später absolvierte sie das Doktorat in Komposition an der Florida State University, das sie mit dem Werk „Concerto für Piano and Orchestra“ (1968) abschloss.

Auf der Suche nach dem persönlichen Ausdruck

Ab 1958 komponierte Nancy Van de Vate regelmäßig und bemühte sich um Lehraufträge und Lektoratsstellen an Universitäten, die für sie wesentlicher Teil ihres Berufslebens waren. Sie entwickelte eine Klangsprache, die die musikalische Struktur mehr und mehr vereinfachte, ohne dabei an Ausdruck und Qualität einzubüßen. Dafür stehen beispielhaft auch die Werke, die sich explizit an Kinder und Jugendliche richten, wie „How fares the night“ (1958) für Mädchenchor oder die „Music for Student String Quartet“ (1977, zurückgezogen). Das „Trio for Strings“ (1974) lässt sich durchgehend in der ersten Lage spielen. Auch Amateur*innen können es daher vom Blatt musizieren.

Autograph des String Trio for Amateur Players, 1974. (F163.Van.de.Vate.14)

Dem gegenüber stehen Werke wie die Suite for Solo Violin (1975), die alte und neue Satztechniken mischt, dabei streng atonal bleibt und auf Grundlage einer vordefinierten Reihe komponiert ist. Auch Clusterbildungen – also enge, dissonante Akkorde – sind ein kompositorisches Mittel.

Autograph der Suite for Solo Violin. (F163.Van.de.Vate.27/1)

Auch aufgrund eigener Erfahrungen mit Diskriminierung als Frau bei der Suche nach Lehrstellen war Nancy Van de Vate politisch engagiert und Mitglied oder Beirat unterschiedlichster Organisationen wie der „New England Women’s Symphony“ oder der Greenwood Press, die über Komponistinnen publizierte. Sie war als Komponistin ausgesprochen vernetzt und kämpfte unermüdlich für die Anliegen weiblicher Komponisten. Als Gründerin und Vorsitzende der „League of Women Composers“ (später „International League of Women Composers“) setzte sie sich für die Rechte und die Wahrnehmung ihrer Kolleginnen ein. Das geschah nicht nur durch Aufführungen, sondern vor allem auch durch öffentlichen Diskurs, in dem sie publizistisch regelmäßig präsent war und die geringe Teilhabe von Frauen in öffentlichen Radiosendern, Wettbewerben oder Anthologien von Aufnahmen kritisierte.

Gründungsgeschichte der International League of Women Composers. (F163.Van.de.Vate.975)

Auf verschlungenen Wegen nach Wien

Einer ihrer Lehraufträge führte Nancy Van de Vate 1975 nach Hawaii. Der Aufenthalt war für ein halbes Jahr geplant. Überwältigt von der befreienden Wirkung dieser für sie neuen Kultur und Umgebung, sah Van de Vate keinen Weg zurück in ihren als eng empfundenen Alltag. Das führte zur Scheidung. Sechs Jahre blieb sie auf Hawaii und schloss eine zweite Ehe mit Clyde Smith. Auf Hawaii, einer ethnisch sehr vielfältigen Gesellschaft, wurde sie auch mit neuen musikalischen Einflüssen konfrontiert, unter anderem der Gamelanmusik aus Java und Bali. Dieser sollte sie bald wieder begegnen, folgte sie doch von 1982–1985 ihrem Mann, einem Angehörigen der Navy, in die Hauptstadt Indonesiens, nach Jakarta.

Nancy Van de Vate auf dem Diamond Head, Hawaii, 1978. (F163.Van.de.Vate.950)

In den frühen 80er Jahren besuchte Nancy Van de Vate mehrfach den Warschauer Herbst, ein Festival für Neue Musik. Bei einer dieser Europareisen urlaubten sie und ihr Mann auch Wien. Überwältigt von dem Stellenwert, den Musik in der Stadt hatte, beschlossen sie spontan, ihren Wohnsitz nach Wien zu verlegen.

Wendepunkte

In einem Gespräch mit Doris Kloimstein für die Zeitschrift @cetera machte Nancy Van de Vate die Entwicklung hin zu ihrer letzten Schaffensphase an drei Wendepunkten fest: an der Teilnahme am Institut für Elektronische Musik, die vor allem ihre Haltung zu Klangfarben beeinflusste, am Aufenthalt in Indonesien, wo ihr Interesse am Schlagzeug geweckt wurde, und nicht zuletzt an ihren Hörerfahrungen beim Warschauer Herbst. Musik ist für sie ein Ereignis, das tief in der Geschichte und der menschlichen Erfahrung verwurzelt ist.

Ihr elfminütiges Orchesterwerk „Dark Nebulae“ (1981) wird als ein entscheidender Meilenstein gesehen, an dem sie die vielen Einflüsse und Wege, die sie musikalisch beschritten hatte, zu einem eigenen Stil zusammenführte.

Dark Nebulae, Autograph der Stimmen. Die Anfertigung von Stimmen war vor dem Computerzeitalter für Komponist*innen zeitraubend – oder teuer, wenn sie beauftragt wurden. (F163.Van.de.Vate.83/1)
Nancy Van de Vate in Washington, D.C. 1981. (F163.Van.de.Vate.950)

Auf dieser musikalisch vielfältigen Basis wandte sie sich in ihren Wiener Jahren vermehrt der Gattung der Oper zu. Diese bot ihr die größte Vielfalt an musikalischen Ausdrucksmitteln – und in Europa waren die Möglichkeiten, sie auch tatsächlich auf die Bühne zu bringen, gegeben. Sechs Opern entstanden. Am erfolgreichsten wurde „Im Westen nichts Neues“ (2000, nach Erich Maria Remarque) – sie wurde zehnmal in Osnabrück und anschließend auch in New York aufgeführt.

In der Auswahl der Stoffe wurde Nancy Van de Vate politischer. Sie malte dabei nicht historische Ereignisse dramatisch nach, sondern richtete sich direkt an die Emotionen des Publikums mit der Absicht, ihre Zuhörer*innen wacher und bewusster zu machen. Große Wirkung hatte ihr Orchesterwerk „Tschernobyl“ (1987), das die Reaktorkatastrophe thematisiert. Das Chor-Orchesterwerk „Katyn“ (1989) nimmt auf das Massaker der Sowjets an tausenden Pol*innen in Katyn Bezug, das „Krakow Concerto for Percussion and Orchestra“ (1988) auf die jahrhundertelange wechselhafte, von wiederholten Eroberungen geprägte Geschichte der Stadt Krakau.

Obwohl es Aufnahmen ihrer Werke gab, fand nur ein Bruchteil ihrer Orchesterwerke seinen Weg auf Tonträger. Nur wenige Verlage nahmen den finanziellen Aufwand auf sich, auch groß besetzte Musik in ihre Kataloge zu bringen. Um dem nicht nur für sich, sondern auch für andere Komponist*innen Abhilfe zu verschaffen, gründete sie gemeinsam mit ihrem Mann das Label „Vienna Modern Masters“, das sich auf Einspielungen von Orchestermusik fokussierte. Auch Stipendien für Aufnahmen vergab das Label. Der Auswahlprozess legte großen Wert auf Anonymität und zielte darauf ab, jede Form von Klüngelei zu verhindern. Das war eine Konsequenz ihrer Erfahrung, dass sie das höchstdotierte Stipendium des National Endowment for the Arts erst 1986 erhielt – in dem Jahr, in dem erstmals anonyme Einreichungen möglich waren.

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Die Annual Recording Awards wurden vergeben, um das neu gegründete Label Vienna Modern Masters bekannter zu machen. (F163.Van.de.Vate.206)
Mehrere Jahre lang fand jährlich eine Ausschreibung für Werke mit bis zu 90 ausführenden Musiker*innen statt.
Auch viele Komponistinnen wurden veröffentlicht, der Fokus lag aber auf Orchestermusik, nicht auf der Förderung von Frauen.

Werk

Neben zehn Opern und einigen kleineren Bühnenwerken komponierte Nancy Van de Vate Musik aller Gattungen, Kammermusik genauso wie Vokalmusik und Orchesterwerke. Letztere bilden mit fast 30 Kompositionen einen Schwerpunkt ihres Schaffens. Es handelt sich in vielen Fällen um programmatische Werke. Die Kammermusik hingegen ist nur selten einem Thema unterworfen und trägt oft generische Namen. Die Besetzungen sind vielfältig und teils ausgesucht, wie die Music for Viola, Percussion and Piano (1976), das Divertimento für Harp and String Quartet (1996) oder „Listening to the Night“ (2001) für Sopran und 7 Instrumente. Elektronische Musik hatte einen großen Einfluss auf ihre Entwicklung, schlägt sich aber nur in drei Werken aus ihren Studienjahren unmittelbar nieder.

Vorlass F163.Van.de.Vate: data.onb.ac.at/rec/AC13912687

Edeltrud Ditter-Stolz: Nancy Van de Vate: „Ich war immer fremd in meinem eigenen Land...“, in: Annäherung VI an 7 Komponistinnen, Kassel, 1995, S. 22–32. data.onb.ac.at/rec/AC04070401

Laurdella Foulkes-Levy und Burt J. Levy: Journeys through the life and music of Nancy Van de Vate, 2005. data.onb.ac.at/rec/AC04789464

Doris Kloimstein: Nancy Van de Vate: Komponistin in Wien, in: @cetera: Wege zur Kunst, 2000, Nr. 3, S. 2–4. data.onb.ac.at/rec/AC04070459

Jane Weiner LePage: Women composers, conductors, and musicians of the twentieth century: selected biographies, 1980, Band 2, S. 256–275. http://data.onb.ac.at/rec/AC16461325

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