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Von Indien in die Hofbibliothek

Forschung

08.02.2021
Bestände
Gezeichnetes Portrait von Apurva Krishna, Mann in edlem Gewand mit Kopfbedeckung

Ṭayyib Allāh / Apūrvakṛṣṇa: Lives of Maha Raja Apurva Krishna Bahadur, poet laureat to His Imperial Majesty of Delhi, and member of the Hamburg Academy, &c. &c. &c., his father and grandfather. Calcutta: Catholic Orphan Mission Press 1847.

Sign:  69021-B.Alt-Mag

Raja Apurva Krishna (Apūrvakṛṣṇa, 1815– 1867) war einer jener Angehörigen indischer Adelsfamilien, denen es im von den Briten kontrollierten Indien des 19. Jahrhunderts schwerfiel, ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten oder für sich neu zu definieren. In der vorliegenden (Auto)Biographie fanden der Stolz auf seine Abstammung und sein Selbstverständnis als Literat Ausdruck.

Der Autor (oder vielmehr Ghostwriter) der Biographie, Moonshee Taeb Alla (Munšī Ṭayyib Allāh) entwirft ein ideales Bild Apurva Krishnas, den er an einem Frühlingsabend im Kreis seiner Dichterfreunde antrifft und dessen Verse von ihnen, zum Unterschied von jenen der anderen, niemals korrigiert oder kommentiert werden – „nicht als Ausdruck von Kriecherei oder Unterwürfigkeit“, wie er beteuert, sondern aufgrund seines dichterischen Genius, der solches überflüssig mache. Die Schilderung der übrigen persönlichen Qualitäten des Rajas, die dieser schon als zehnjähriger Knabe im Beisein des britischen Generalgouverneurs und der englischen und einheimischen Elite gezeigt haben soll, ist eindrucksvoll.

Einige seiner in Urdu verfassten Werke widmete Apurva Krishna dem letzten Großmogul, Bahadur Shah Zafar II.[2] Dieser, der sich – wie in indischen vornehmen Kreisen üblich – selbst dichterisch betätigte, fand danach auch Gefallen an den persischen Werken des Rajas, einem Diwan[3] und dem Geschichtsepos „Šāh-nāme-i Hind“ („Indisches Königsbuch“), und gestattete ihm offenbar, sich als Hofpoet zu bezeichnen. Auf seinem Porträt, das das Titelblatt seiner Biographie schmückt, hält Apurva Krishna stolz ein Geschenk des Fürsten in der Hand, dessen eigenen Diwan – „King of Delhi’s Poem“.

Während der Großmogul Apurva Krishnas Poesie zu schätzen wusste, fielen andere Urteile dazu eher vage aus; so etwa Kritiken in der „Calcutta Review“[4] die ihm gerade eben einen „durchschnittlichen Stil“ zubilligten und etwas gönnerhaft anmerkten: „Wir freuen uns stets, wenn einheimische Gentlemen sich literarischen oder harmlosen Beschäftigungen dieser Art widmen, die sicher dazu dienen, eine nicht unerhebliche Anzahl aus dem privaten Freundeskreis des Autors zu informieren und zu unterhalten.“

Der Raja sandte seine Werke aber auch an ausländische Fürsten und Organisationen. Das vorliegende Buch enthält eine handschriftliche Widmung an Kaiser Franz Joseph, datiert mit 21. März 1863. In diesem Band sind zwei Versionen von Apurva Krishnas Biographie zusammengeführt worden: Die ursprüngliche in persischer Sprache und in Gedichtform[5], gedruckt im Jahr 1254 islamischer Zeitrechnung[6], und die 1847 gedruckte englische Prosaübersetzung. Gleichzeitig erhielt Franz Joseph auch ein Exemplar von Apurva Krishnas 1852 gedrucktem Geschichtsepos, dem „Königsbuch“.

Schon zuvor hatten Werke des Rajas die Hofbibliothek erreicht. Ein erstes Buchgeschenk war offenbar bereits 1847 nach Wien gekommen. Laut einem Akt der Hofbibliothek handelte es sich um ein im Jahr 1247 islamischer Zeitrechnung[7] gedrucktes Werk in Urdu, daher offenbar um sein in jenem Jahr erschienenes Gedicht „Maṯnawī-yi kunūz“, und um eine „Selbstbiographie des genannten Dichters und die Aufzählung der demselben zu Theil gewordenen Belohnungen und Auszeichnungen“. In der Korrespondenz zwischen Eligius von Münch-Bellinghausen, damals Erster Kustos der Bibliothek, und dem Obersthofmeisteramt wurde erörtert, welche Auszeichnung man diesem ansonsten „unbekannten Schriftsteller“ zukommen lassen könnte; denn unter den Abbildungen zur Biographie fand sich auch die Medaille, die Friedrich Wilhelm IV. von Preußen ihm zum Dank für ein solches Buchgeschenk verliehen hatte. Ob diese beiden Werke in der Hofbibliothek verblieben, ist schwer zu entscheiden; tatsächlich besitzt die Bibliothek je ein Exemplar dieser Drucke, die handschriftlichen Katalogisate weisen diese aber nicht als Geschenk des Rajas von 1847, sondern als eines der Ostindischen Handelskompanie von 1848 aus.[8]

In einem anonym erschienenen Artikel in der Zeitung „The Crayon“[9] beschreibt ein amerikanischer Reisender etwas ironisch seinen Besuch im Haus des Rajas in Delhi. Auf dessen Tischen findet sich neben prächtig illustrierten Abschriften seiner eigenen Werke und dem Diwan des Großmoguls auch ein Buch des amerikanischen Politikers Edward Everett mit persönlicher Widmung. Was der Besucher als eitle Selbstdarstellung sieht – das Versenden und Empfangen von literarischen Produkten, der Stolz auf Auszeichnungen durch fremde Potentaten, die Mitgliedschaft in zahlreichen Gesellschaften auf drei Kontinenten – kann aber auch anders gedeutet werden: Als echtes Interesse und Freude am Austausch mit der westlichen Welt.

Lives of Maha Raja Apurva Krishna Bahadur mit Widmung an Kaiser Franz Joseph

[1] Der Titel bzw. Namensteil Munšī bezeichnete ursprünglich einen Schreiber oder Sekretär, dann auch einen Lehrer oder Beamten. Offenbar wurde vermutet, dass der Name dieses Munšī einfach ein Pseudonym Apurva Krishnas sein könne.
[2] Dieser letzte Großmogul, der 1857 den Titel „Kaiser von Indien“ erhielt, wurde 1858 abgesetzt und starb 1862 im Exil in Birma.
[3] Gedichtsammlung.
[4] Calcutta Review Vol. IX, January-June 1848 sowie Vol. XI, January-June 1849.
[5] Masnawî (Maṯnawī, Mathnawi): Längeres, erzählendes Gedicht in doppelzeiliger Form.
[6] Entspricht den Jahren 1838/1839 n. Chr.
[7] Entspricht den Jahren 1831/1832 n. Chr.
[8] Laut Anmerkungen auf den ursprünglichen, handschriftlichen Katalogisaten.
[9] Sketches of India. V. The Poet Laureate of Delhi, in: The Crayon, Vol. 2, No. 15 (Oct. 10, 1855), S. 223f.

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