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Sub tabula: Großformate im Fokus der Restaurierung

Forschung

13.10.2021
Restaurierung

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Der Beitrag beschreibt die vielfältigen Arbeitsschritte der konservatorischen Maßnahmen bis zur Digitalisierung der „großen Kostbarkeiten“. Am 13. Oktober 2021 startet eine Crowdfunding Aktion zur Finanzierung der arbeitsaufwendigen Maßnahmen.

Autorinnen: Sabrina Bee und Birgit Speta

Einleitung 

Der Sub tabula Bestand ist ein Konvolut von etwa 260 großformatigen, meist reich illustrierten, wertvollen Bänden und Mappenwerken des 17. bis 20. Jahrhunderts in der Sammlung von Handschriften und alten Drucken der Österreichischen Nationalbibliothek. Der Name bezieht sich auf den ursprünglichen Aufbewahrungsort unter den Tischen im Prunksaal; heute lagern die Bände im Tiefspeicher der Österreichischen Nationalbibliothek. 

Abb. 1: Zustand vor der Restaurierung

Das Themenspektrum der Sub tabula Bände ist breit gefächert. Naturwissenschaftliche, kunsthistorische, genealogische, sprachwissenschaftliche und militärhistorische Bücher sind ebenso vertreten wie kartographische Werke, ein Erste-Hilfe-Leitfaden, die seltene Folge von Farblithographien zur Entwicklung der Kaiser Ferdinands-Nordbahn oder ein 1814 in St. Petersburg gedruckter Bildband der ersten russischen Weltumsegelung mit über 100 Stichen von Landschaften und indigenen Bewohnern der Erde, Landkarten und Panoramen. Unter den botanischen Werken finden sich besonders schön illustrierte Bände, wie ein Buch über die Orchideen Zentralamerikas des britischen Botanikers James Bateman (1811-1897), einem Pionier der Orchideenzucht,  – oder ein ungewöhnliches Werk mit eindrucksvollen Abbildungen von Meeresalgen des russischen Naturforschers und Künstlers Alexander Postels (1801-1871). Herausragend sind die Publikationen zu kunsthistorischen Themen mit Schwerpunkt Architektur, darunter aufwendig gestaltete Bücher von Francesco Piranesi und Karl Friedrich Schinkel. 

Umlagerung 

Abb. 2: Zustand vor Umlagerung

Die Umlagerung der Sub tabula Bände vom Prunksaal in den Bücherspeicher brachte mehrere Vorteile mit sich. Zum einen ist im Bücherspeicher die Staubbelastung wesentlich geringer und die Bände sind besser vor mechanischen Schäden geschützt. Sie werden in den Metallregalen so gelagert, dass sie aus einer adäquaten Arbeitshöhe ausgehoben werden können. Auf diese Weise kann mechanischer Belastung durch die Manipulation der überdimensionalen, schweren Formate vorgebeugt werden. 

Zu Beginn des Projektes wiesen viele Bände Benutzungsspuren wie abgeriebene Bezugsmaterialien, lose Einbandteile oder eingerissene Seiten auf.

Reinigung 

Ein in seiner Wichtigkeit nicht zu vernachlässigender Arbeitsschritt in der Konservierung ist die Reinigung. Staub stellt nicht nur ein optisches und hygienisches Problem für den Menschen dar, sondern gefährdet auch das Objekt. Unter entsprechenden klimatischen Bedingungen bildet Staub einen guten Nährboden für Mikroorganismen und Insekten. 

Im Fall des Sub tabula Bestandes sind die Einbände und auch viele Blätter stark verschmutzt. Die Bände werden außen mit einem Museumsgerät vorsichtig abgesaugt. Danach werden sowohl die Einbände, als auch verschmutzte Seiten mit einem Latexschwamm trocken gereinigt.  

Abb. 3: Sub tab 17 während der Reinigung

Seidenpapiere 

Zahlreiche grafische Illustrationen sind mit Seidenpapieren abgedeckt. Die sauer gefertigten Papiere sind im Lauf der Alterung vergilbt. In manchen Fällen hat sich ein Negativbild der Grafik auf das Seidenpapier übertragen. Diese sauren Zwischenlagepapiere werden entfernt. Neue Archiv-Seidenpapiere schützen kolorierte Grafiken. 

Abb. 4: Sub tab 9 Abdruck des Seidenpapiers

Konservierung/Restaurierung des Sub tabula Bestandes 

Im Rahmen des Projektes werden ausgewählte Bände mit starken Schäden an Einband und Buchblock restauriert. Dafür kommen sowohl traditionelle als auch neue Techniken zum Einsatz. Von den restlichen Sub tabula Bänden wird der Zustand dokumentiert, sodass eine zukünftige konservatorische Bearbeitung geplant werden kann. 

Nahezu bei allen Bänden finden sich Risse im Papier, die mit Japanpapier geschlossen werden. Bedingt durch das überdimensionale Format weisen einige Seiten senkrechte Falten auf. Um diese Seiten wieder zu glätten, werden sie leicht befeuchtet und zum Trocknen beschwert. Leder am Einband, das über die Jahre stark abgebaut wurde, muss zum Teil nachgegerbt und gefestigt werden.  

Das sogenannte Nachgerben von Leder ist notwendig, wenn das Leder aufgrund schlechter Qualität „roten Zerfall“ aufweist, was durch eine rote, pudrige Oberfläche zu erkennen ist. Bei rotem Zerfall ist das Leder übersäuert. Mit Aluminiumalkoxid soll eine nachgerbende Wirkung erzielt und so der Faserverband wieder stabilisiert werden. Um den fortschreitenden sauren hydrolytischen Abbau zu hemmen, wird das Leder im Anschluss leicht gepuffert. Nach dieser Behandlung ist  es weniger wasserempfindlich. 

Leder, das durch Alterung oder mechanische Einwirkungen abgebaut oder abgerieben ist, kann mit Hydroxypropylcellulose gefestigt werden. Zum Einsatz kommen Typen, die auch in polaren Lösungsmitteln wie Ethanol oder Isopropanol löslich sind. Diese sind mit dem wasserempfindlichen Leder besser verträglich.  

Ein häufiger Schaden an den Lederbänden der Sub tabula sind ein- oder durchgerissene Ledergelenke, sowie Fehlstellen im Lederrücken. Fehlstellen werden mit Leder ergänzt. Das neue Leder wird in seiner Form an die einzelne Fehlstelle angepasst und unter das Originalleder gezogen. Im Fall von brüchigem Leder wird das neue Leder an den Rändern noch feiner ausgeschärft und leicht überlappend über das Originalleder gesetzt. Eine weitere Möglichkeit ist der Einsatz von gefärbtem Japanpapier. Welche Methode gewählt wird, hängt davon ab, wie stabil der Einband sein muss und welcher Belastung er standhalten soll. 

Ist eine zusätzliche Verstärkung der Verbindung zwischen Buchblock und Buchdeckel notwendig, z.B. bei gerissenen Gelenken und Bünden, kann der Rücken hinterklebt werden. Auf der Deckelinnenseite werden die Spiegel mit Kompressen schonend befeuchtet, sodass ein Teil des Spiegels angehoben werden kann, um die Flügel der Hinterklebung innen auf dem Deckel hochziehen zu können.

Abb. 5: Verstärkung der Verbindung zwischen Buchblock und Buchdeckel

Umfangreiche Restaurierung des Sub tabula Bandes 78 

In dem Band „Architecture civile theorique et pratique, enrichie de l'histoire descriptive des edifices ... les plus remarquables“ der um 1830 entstanden ist, wird profane Architektur in Stichen gezeigt und beschrieben. Das Werk ist als Halbledereinband gebunden und jede gezeigte Architektur mit einem Papierregister am Vorderschnitt gekennzeichnet. Der Großteil der Seiten war stark verschmutzt und die Blattränder, sowie die Register sehr häufig eingerissen. Der Lederrücken war stark abgebaut, im Gelenk eingerissen und zeigte mehrere Fehlstellen. An den Deckelkanten waren das Überzugspapier und die Lederecken abgerieben, sowie die Kartondeckel gespalten. Der unterste Bund ist durchgerissen, sodass die Verbindung zum Vorderdeckel in diesem Bereich nicht mehr gegeben war. 

Abb. 6: Sub tab 78 vor der Restaurierung

Der Einband und die einzelnen Seiten wurden mit einem Latexschwamm trocken gereinigt, mit besonderer Vorsicht bei den Registern und den eingerissenen Blatträndern. Die Falten auf der ersten Seite wurden geglättet, indem das Blatt mit einem feinen Zerstäuber befeuchtet und zum Trocknen beschwert wurde. Risse wurden mit Methylcellulose und Japanseidenpapier verklebt.

Das an der Oberfläche mehrfach gebrochene und labile Rückenleder wurde mit Hydroxypropylcellulose in Isopropanol gefestigt. Um im unteren Teil des Buchblockrückens wieder eine Verbindung zum Vorderdeckel herzustellen, wurde in diesem Bereich eine Rückenhinterklebung aus Segelflugzeugleinen angebracht. Die Flügel der Rückenhinterklebung wurden in den bereits gespaltenen Deckel gezogen. 

Abb. 7: Sub tab. 78: Vorbereitung der Hülsen zwischen den Bünden auf dem Buchblockrücken; Ausbesserung der Deckelkanten
Abb. 8: Sub tab 78: Zustand des Buches nach der Rückenhinterklebung
Abb. 9: Sub tab. 78: Buchrücken mit neuem Rückenleder

Da das originale Leder dem Buchrücken keine ausreichende Stabilität mehr geben kann, wurde in diesem Fall entschieden, den Buchrücken zur Gänze mit einem neuen Leder zu versehen und anschließend das Originalleder darauf zu kleben.  Um das Öffnen des Bandes zu erleichtern und die Belastung auf das Rückenleder zu minimieren, wurde der Rücken nicht mehr fest, sondern hohl gearbeitet. Wenn ein Rücken hohl ist, ist er nicht mit dem Buchblockrücken verklebt. Auf Grund der Größe und des Gewichtes des Buchblocks wurden dafür zunächst Hülsen zwischen den Bünden auf dem Buchblockrücken angebracht. Diese Hülsen wurden aus einem sehr starken, reißfesten Japanpapier aus 100 % Kozofasern hergestellt. 

Aus vegetabil gegerbtem Ziegenleder wurde ein neuer Lederrücken zugeschnitten und mit Lederfarben auf den Farbton des originalen Leders eingefärbt. Anschließend wurde das Leder geschärft, sodass es an den Rändern sehr dünn ausläuft und keine Stufen bildet, wenn es unter das originale Überzugsmaterial gezogen wird. 

Zwischen zwei Holzbrettern wurde der Band in eine Holzblockpresse auf dem Arbeitstisch gesetzt. Leicht gekippt konnte so eine gute Arbeitshöhe erreicht werden. Der Buchrücken wurde mit dem neuen Ledernutzen und Reisstärkekleister eingeledert. Nach der Trocknung wurden die Häubchen geformt.  

Zu guter Letzt wurde das Originalleder mit Reisstärke auf den neuen Lederrücken appliziert. Stellen, wo die Oberfläche stark aufgerieben ist oder abblättert, wurden mit dünnem, eingefärbtem Japanpapier überklebt.

Abb. 10: Sub tab.78: nach der Restaurierung mit neuer Aufbewahrungsbox

Schutzumschlag, Aufbewahrungsboxen 

Für jeden Sub tabula Band wird ein Schutzumschlag aus säurefreiem Archivpapier hergestellt. Dafür können Bögen bis zu einem Maß von 150 x 300 cm zum Einsatz kommen. Mappenwerke und Kassetteninhalte werden in stabile, säurefreie Boxen aus Wellpappe umgelagert und die Mappen und Kassetten in den meisten Fällen separat aufbewahrt. Umschläge und Boxen schützen die Bücher vor Staub und erleichtern die Handhabung. 

Abb. 11: Zuschneiden eines Schutzumschlages
Abb. 12: Fertiger Umschlag

Digitalisierung und Metadaten 

Ein weiterer Teil des Projektes umfasst  die Digitalisierung des Sub tabula Bestandes sowie die Optimierung der Metadaten durch die Sammlung von Handschriften und alten Drucken.  So werden diese besonderen Kostbarkeiten über den Katalog der Österreichischen Nationalbibliothek weltweit zugänglich und sichtbar. Das „virtuelle Blättern“ in den Großformaten schont die Originale. 

Sabrina Bee und Mag. Birgit Speta sind Mitarbeiterinnen am Institut für Restaurierung der Österreichischen Nationalbibliothek.

Crowdfunding – Jeder Euro zählt 

Vom 13. Oktober bis 18. November 2021 läuft eine große Crowdfunding Aktion auf wemakeit.com, um die Finanzierung dieses umfangreichen Restaurierungsprojektes zu unterstützen. 

Mit Ihrer Spende unterstützen Sie uns bei der Erhaltung dieser wertvollen Bestände. Sie können dabei aus einer Vielzahl an attraktiven Belohnungen wählen – darunter ein Blick hinter die Kulissen des Instituts für Restaurierung, eine Tour „vom Keller bis zum Dach“ inklusive Löschanlage im Bücherspeicher und einem Blick über die Dächer von Wien – - oder Sie entdecken die geheimen Wege, die von den Lesesälen am Heldenplatz zum Prunksaal am Josefsplatz führen. Ein Geschenkkarten-Set (limited Edition), Eintrittsgutscheine und ein Genusspaket runden das Angebot ab. 

Unterstützen Sie unsere Crowdfunding Aktion „Große Kostbarkeiten“ vom 13. Oktober bis 18. November 2021 auf https://wemakeit.com/projects/nationalbibliothek  

Jeder Euro zählt! 

Achtung
Lesesäle am Heldenplatz und Papyrusmuseum

Aufgrund von Dreharbeiten sind die Lesesäle am Heldenplatz sowie das Papyrusmuseum von Freitag, 1. März ab 15 Uhr bis Samstag, 2. März, 15 Uhr geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.

Prunksaal und Augustinerlesesaal

Aufgrund von Dreharbeiten bleibt der Prunksaal vom 27. Februar bis inklusive 12. März 2024 geschlossen.

Der Augustinerlesesaal bleibt von 27. Februar bis inklusive 8. März 2024 geschlossen.
In dieser Zeit sind Aushebungen im Prunksaal nicht möglich. Als Ersatz steht der Studienlesesaal der Sammlung von Handschriften und alten Drucken (Josefsplatz 1 im linken Gebäudeflügel, Handschriftenstiege 2. Stock) zu den regulären Öffnungszeiten zur Verfügung. Wir danken für Ihr Verständnis.