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Neue Bilder braucht das Land

Forschung

09.01.2019
Bilder und Grafiken
Schriftzug Analyse #newpictures
Das ORF Pilotprojekt #NewPictures

AutorInnen: Marielle Weiss, Alexander Zechmeister

Die alte Frau wird von einem Mann in weißem Kittel gestützt. Langsam und unsicher setzt sie bei jedem Schritt ihren Stock auf. Im Hintergrund läuft das Krankenhauspersonal von links und rechts durchs Bild. Schnitt. Die alte Frau sitzt auf einem Stuhl und spricht mit einem Arzt. Was sie sagt, hören wir nicht. Wir hören den Sprecher. In dem TV-Beitrag geht es um die Pensionsreform.

Die Schlange an der Supermarktkassa ist lange. Hektisch zieht die Kassiererin in der Uniform der bekannten Supermarktkette die buntverpackten Produkte über den Scanner und kassiert das Geld. In diesem TV-Beitrag geht es um die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern.


Abb. 1: Das Mulitmediale Archiv des ORF startete das Projekt #NewPictures, um die demografische Realität diverser Bevölkerungsgruppen möglichst repräsentativ darzustellen.

Das Fernsehen zeigt uns gerne die Bilder, die wir im Fernsehen erwarten. PensionistInnen sind von Schmerzen geplagte GreisInnen, berufstätige Frauen sind Ärztinnen, Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen, Sekretärinnen oder Verkäuferinnen. Doch die Realität sieht anders aus. Im Umfeld eines jeden von uns bewegen sich höchst aktive SeniorInnen. Und Frauen etablieren sich – auch wenn es ihnen nicht immer leicht gemacht wird – Gott sei Dank in allen Branchen.

Bilder – nicht zuletzt Fernsehbilder – haben jedoch großen Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Realität. Und um der damit verbundenen Verantwortung nachzukommen, startete das Multimediale Archiv des ORF das Pilotprojekt #NewPictures. #NewPictures soll das Bewusstsein für die Wichtigkeit zeitgemäßer TV-Bebilderung stärken und Redakteure dabei unterstützen, die demografische Realität diverser Bevölkerungsgruppen möglichst repräsentativ darzustellen, um so zu verhindern, dass Stereotype gefördert werden. Projektinitiator ist ORF-Mitarbeiter Michael Vielhaber, der diesen besonderen Bilderpool nach bestimmten Kriterien zusammenstellte und die einzelnen Items speziell beschlagwortete.

#NewPictures startete am 17. November 2016. Im ersten Schritt umfasste das Projekt die Themengebiete „Frauen im Beruf“, „PensionistInnen“ und „Landwirtschaft“ mit je etwas mehr als 50 Items. Die Projektevaluierung führten, in Kooperation mit dem Multimedialen Archiv, Daniela Limbeck, Gailutė Mikšytė, Marielle Weiss und Alexander Zechmeister durch. Sie diente zugleich als Abschlussarbeit für den Universitätslehrgang „Library and Information Studies“, den wir, die Arbeitsgruppe, an der Österreichischen Nationalbibliothek absolvierten.

Rahmenbedingungen

Die Rahmenbedingungen unserer Abschlussarbeit erforderten die Einschränkung der Analyse auf bestimmte Sendeformate und einen bestimmten Zeitraum. Wir analysierten die ZiB1, ZiB2 und ZiB24 und einen Vergleichszeitraum von 100 Tagen vor und 100 Tagen nach dem Start von #NewPictures. Ziel war es im weitesten Sinn herauszufinden, ob die #NewPictures die Bebilderung in ORF-Sendungen veränderten.

Um das Bildmaterial zu den drei Bereichen „Frauen im Beruf“, „PensionistInnen“ und „Landwirtschaft“ ausfindig zu machen, mussten wir die kompletten Sendungen anhand der Thumbnails durchsehen. Berücksichtigt wurden nicht nur explizit themenspezifische Beiträge, sondern auch Beiträge zu anderen Themen, die Bilder aus den drei Kategorien zeigen. Dies wiesen wir gemeinsam mit inhaltlichen Beschreibungen in den Tabellen speziell aus.

Die neuen Bilder zeigen Frauen in verschiedenen Berufsumfeldern und in verantwortungsvollen Positionen, Landwirte bei ihrer mittlerweile durch Technik unterstützten Arbeit und PensionistInnen als agile MitbürgerInnen außerhalb von Betreuungs- und Pflegesituationen. Dadurch unterscheiden sie sich deutlich von den in der ZiB hauptsächlich gezeigten Bildern, wie eine Grobsortierung nach Inhalten darlegt.

Grauzonen, Fehlerquellen, Blindflug

Ein Projekt wie #NewPictures gab es bislang noch nicht, also hatte auch unsere Abschlussarbeit zumindest anfangs einiges von einem Blindflug, der uns gehörig Nerven kostete. Nach dem Trial and Error-Prinzip versuchten wir Fehlerquellen und Grauzonen möglichst lückenlos auszuschließen, was uns aufgrund des engen Zeitkorsetts nur bedingt gelang. Zu diesen Fehlerquellen gehören etwa Unsicherheiten bei der Unterscheidung zwischen Archiv- und Rohmaterial oder die nur eingeschränkten Vergleichsmöglichkeiten zwischen dem ZiB-Material und den #NewPictures. Dazu kommen Interpretationsunterschiede innerhalb der Projektgruppe.

Ergebnisse

Die Ergebnisse unserer Arbeit teilen sich in zwei große Blöcke. Auf der einen Seite stehen die Resultate der Analyse der ZiB-Bebilderung, auf der anderen Seite die Ergebnisse aus der Analyse des #NewPictures-Materials.

Wir überprüften bei den ZiB-Items die Häufigkeit der #NewPictures und berücksichtigten in diesem Zusammenhang auch die aktuelle, redaktionelle Relevanz der drei Themengebiete vor und nach dem Projektstart. Besonders für die Bebilderung von unspezifischen Sendungsthemen ist dies relevant. Die ausgewählten Bilder hängen schließlich eng mit dem aktuellen Geschehen, über das berichtet wird, zusammen.

Dass dieser Punkt höchste Beachtung verdient, zeigte sich eindrucksvoll beim Thema „Frauen im Beruf“. Im Zeitraum nach dem Start von #NewPictures kam es zu wesentlich mehr Verwendungen thematisch zugehöriger Bilder, wobei vor allem Ärztinnen und Krankenhauspersonal gezeigt wurden. Wir sehen darin allerdings keine Wirkung von #NewPictures, sondern berücksichtigen den im Untersuchungszeitraum stattgefundenen Ärztestreit und die Diskussionen rund um die Ärztekammer.

Abb. 2: Items in ZiB1, ZiB2 und ZiB24 nach Themen in den 100 Tagen nach Projektstart zu „Frauen im Beruf“

Abb. 3: Items in Items in ZiB1, ZiB2 und ZiB24 nach Themen in den 100 Tagen nach Projektstart zu „PensionistInnen“


Abb. 4: Items in ZiB1, ZiB2 und ZiB24 nach Themen in den 100 Tagen nach Projektstart zu „Landwirtschaft“

Im nächsten Schritt wollten wir wissen, wie die #NewPictures von den Redaktionen angenommen werden und wie oft sie in den 100 Tagen nach Projektstart genutzt wurden. Spoiler: Es könnte deutlich, deutlich öfter sein. Von diesen 160 zur Verfügung stehenden Items wurden im Untersuchungszeitraum nur 23 tatsächlich in verschiedenen ORF-Sendungen verwendet, also etwa 14 Prozent des Pools. Die Redaktionen bestellten (inklusive Mehrfachbestellungen) allerdings 101 Items. 63 der 160 Items wurden zumindest einmal bestellt. Das bedeutet, fast vier von fünf bereits bestellten und vermutlich gesichteten Bildern wurden wieder verworfen.

 
Abb. 5: Die #NewPictures-Items grob nach Themen geordnet und ihre tatsächliche Nutzung zu „Frauen in der Arbeit“

 
Abb. 6: Die #NewPictures-Items grob nach Themen geordnet und ihre tatsächliche Nutzung zu „PensionistInnen“

 
Abb. 7: Die #NewPictures-Items grob nach Themen geordnet und ihre tatsächliche Nutzung zu „Landwirtschaft“

An dieser Stelle drängt sich die Gretchenfrage auf: Warum werden nur so wenige #NewPictures verwendet?

Wir haben darauf mehrere Antworten gefunden: Zum Zeitpunkt unserer Analyse startete das Projekt gerade frisch. Wir analysierten die ersten 100 Tage. Nach dem Motto „Gut Ding braucht Weile“ vermuten wir, dass es dauert, bis sich solch ein Projekt in einem Medienhaus von ORF-Dimensionen etabliert. Zudem sprechen wir vom redaktionellen Dienst, bei dem es bekanntlich oft hektisch zugeht. Es ist durchaus denkbar, dass in Stresssituationen eine eingelernte Herangehensweise an die Sendungsgestaltung vorherrscht. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass die #NewPictures nicht der gesellschaftlichen Realität entsprechen und deswegen nur eingeschränkt verwendet werden. Wir als Arbeitsgruppe glauben nicht an diese Aussage, konnten aber im Rahmen unsere Arbeit diese Aussage nicht nachweisbar falsifizieren.

Inzwischen optimierte Michael Vielhaber die Auffindbarkeit der einzelnen Items, was ebenfalls zu einer höheren Nutzung führen sollte.

Die Arbeit „Analyse #NewPictures: Projektarbeit im Rahmen der Grundausbildung des Universitätslehrgangs Library & Information Studies 2016/17 an der Österreichischen Nationalbibliothek in Kooperation mit dem Multimedialen Archiv des ORF“ wurde 2018 mit dem renommierten Marianne-Englert-Preis ausgezeichnet.

Dieser Blog-Beitrag bietet nur einen kleinen Ausschnitt. Die gesamte Arbeit kann über das Ausbildungszentrum der Österreichischen Nationalbibliothek eingesehen werden.

Über die AutorInnen:

Alexander Zechmeister ist leitender Redakteur im Österreichischen Wirtschaftsverlag. Er studierte Publizistik, Philosophie und Journalismus und absolvierte 2016/2017 den Universitätslehrgang „Library and Information Studies“ an der Österreichischen Nationalbibliothek. Zuletzt war er während einer einjährigen Elternkarenz im Bibliotheksbereich tätig.

Marielle Weiss ist Systembibliothekarin bei der OBVSG – Die Österreichische Bibliothekenverbund und Service GmbH – und war zuvor bei einem österreichischen Sachbuchverlag im Bereich Lektorat und Presse tätig. Sie studierte Germanistik und absolvierte 2016/17 den Universitätslehrgang „Library and Information Studies“ an der Österreichischen Nationalbibliothek.

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