Blogs

„Großmama Berta ist die fabelhafteste Frau die ich kenne.“

Forschung

06.04.2017
Literatur
Zuckerkandl

Autorin: Vera Brantl

So beschreibt der 14-Jährige Emile seine Großmutter, die bedeutende Journalistin und  Salonière Bertha Zuckerkandl, in einem seiner Tagebücher [1]. Diese sind von 1931 bis 1945/46 fast vollständig erhalten geblieben. Als bedeutende kulturhistorische Quellen bilden sie eines der Kernstücke der dritten Sammlung Emile Zuckerkandl, die nun im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek ihre letzte Heimat gefunden hat.

Bertha Zuckerkandl – die wichtigste Autogrammjägerin im Auftrag ihres Enkels

Für Emile, der den Namen seines Großvaters, des berühmten Anatomen Emil Zuckerkandl (1849-1910) trägt, nimmt seine „Großmama“ eine zentrale Rolle in seinen Tagebüchern und so auch in seinem Leben ein – er liebt, bewundert und respektiert sie sehr. Und für Bertha ist er als einziger Enkel ihr Ein und Alles, ihr ganzer Stolz, kurz ihr „Bubi“. Sie nimmt Emile in die Wiener Staatsoper mit, ins Burgtheater, zu Konzerten und anderen kulturellen Veranstaltungen und weckt durch ihre Kontakte in die Welt der Kunst und Literatur auch seine Sammelleidenschaft. So befinden sich in den Tagebüchern, die besonders anfangs noch akribisch datiert wurden, eingeklebte Opern- und Kinokarten, Programmhefte, Veranstaltungshinweise und vieles mehr. Bereits als 9-Jähriger hält der kleine Emile regelmäßig seine Erlebnisse und kulturellen Erfahrungen fest. Seine Tagebücher sind nicht nur einzigartige Dokumente für die Bildungsgeschichte eines Kindes aus großbürgerlich-jüdischer Familie sondern auch von großer kulturhistorischer Bedeutung.

Tagebuch von Emile Zuckerkandl, VI. Band, 1936-1939, Blatt 25vf.
Abbildung 1: Tagebuch von Emile Zuckerkandl, VI. Band, 1936-1939, Blatt 25vf. (Quelle: Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Bertha Zuckerkandl / Sammlung Emile Zuckerkandl 3, Sign.: 438/W24)

Neben Größen des künstlerischen und kulturellen Lebens wie Max Reinhardt, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal oder Gustav Klimt ist auch der kleine Emile Zuckerkandl regelmäßiger (und vermutlich jüngster) Gast in ihrem Salon in der Oppolzergasse 6, in Wien 1. Wie durch zahlreiche Briefe und Tagebucheintragungen dokumentiert ist, entwickelt sich zwischen dem heranwachsenden jungen Mann und der einflussreichen Salonière aus der sogenannten „Zweiten Gesellschaft“, wie das großbürgerliche jüdische Milieu damals genannt wurde (vgl. Klugsberger/Pleyer 2013: 82), im Laufe der Jahre eine echte Freundschaft auf Augenhöhe.

Zwischen Wien, Paris und Algier – Emigration und Flucht

Die Zeitspanne, die durch die Tagebücher dokumentiert ist, reicht von Anfang der 1930er-Jahre, der Zeit in Österreich, der Exilzeit in Frankreich bis in die 1940er-Jahre, als sich die Familie Zuckerkandl bereits in Nordafrika befand. Eine Zeit geprägt durch Träume und Hoffnungen, Verlust und Angst, schließlich durch immer wiederkehrende schmerzhafte Trennungen und umso glücklichere Wiedersehen. Bereits Jahre vor ihrer Flucht aus Österreich lebte die Familie aufgeteilt zwischen Österreich und Frankreich. Berthas Sohn Fritz war bereits seit 1935 in Paris. Dort versuchte er sich als Wissenschaftler zu etablieren, während seine Frau Gertrude und sein Sohn Emile in Österreich blieben. Sie wohnten im Sanatorium Purkersdorf bei Wien, welches sich im Familienbesitz befand (vgl. Klugsberger/Pleyer 2013: 93). Da sich der Erfolg von Fritz nur bedingt einstellte, war es Bertha, die ihre Schwiegertochter finanziell unterstützte und der es auch durch ihre beharrlichen Bemühungen und zahlreichen Paris-Aufenthalte immer wieder gelang Geschäfte zu lukrieren. So konnte sie ihrem Enkel ermöglichen die Sommermonate mit seiner Mutter in Frankreich zu verbringen, in Paris bei seinem Vater oder aber auch in L‘Aubraie auf dem Anwesen Paul Clemenceaus, dem Ehemann von Berthas Schwester Sophie und Bruder des französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau. Nicht zuletzt ist es auch dieses Engagement, das ihr Emiles Respekt und Bewunderung sichert.

Emile beschäftigen jedoch nicht nur diese familiären Angelegenheiten, er äußert sich auch immer wieder politisch und bezieht Stellung. So notiert er bereits im Sommer 1936:

„Es genügt, daß ich sage, daß ich Jude bin. Und das ist ein schweres Schicksal. Was soll in einer Zeit des ausgearteten Nationalismus und Antisemitismus, in einer Zeit des Sieges der faschistischen Diktatur, in einer Zeit der Mißachtung jedes edlen Sinnes, jeder wahren Kunst, jeder geistigen Arbeit, […] was soll in einer solchen Zeit aus uns werden? ...“[2]

Am 24. März 1938 flohen zunächst Bertha und Emile mit zwei kleinen Koffern nach Paris. Die Flucht markiert auch eine klare Zäsur im Tagebuch, wie man aus den nachträglichen Aufzeichnungen von Emile erfährt. Als die SA in Purkersdorf eine Hausdurchsuchung machte, beschwor Gertrude ihren Sohn, jene Seiten, auf denen er über die Zeit des sogenannten „Anschlusses“ schreibt, zu verbrennen.

Auch die zweite Flucht vor den Nationalsozialisten aus Frankreich im Jahr 1940 gelang der Familie. Zunächst schafften Gertrude und Emile es, den Kontinent per Schiff zu verlassen. Sie kamen nach Casablanca. Dort bestand  Emile sogar seine Matura mit Auszeichnung, wie ein Telegramm an seine Großmutter belegt. (vgl. Klugsberger/Pleyer 2013: 67) Bertha kam zunächst nach Bourges, wo sich die Kompanie der ihr Sohn angehörte, gerade in Auflösung befand. Mutter und Sohn gelang die Flucht nur getrennt – doch schließlich schafften es alle vier nach Nordafrika und in Algier waren sie wieder vereint.  

Das Tagebuch als Quelle

Insgesamt » 27 Tagebücher der » Sammlung Emile Zuckerkandl 3 bereichern den im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek vorhandenen Nachlass Bertha Zuckerkandls. Es handelt sich bei diesen Lebensdokumenten um besonders sensible Quellen. Zunächst inhaltlich, weil darin subjektive Gedanken und Gefühle eines Heranwachsenden enthalten sind. Besonders interessant ist, dass der 16-Jährige Emile seinen Schreibprozess bereits reflektiert, indem er sich kritisch mit seinen Tagebucheintragungen auseinandersetzt und auch versucht den Schwerpunkt seiner Ausführungen zu verlagern:

„Denn ich beginne langsam einzusehen, daß es weniger von Bedeutung ist, was i c h tue sondern, das vor allem wichtig ist was s i c h tut.“ [3]

Immer wieder dokumentiert er in seinen Tagebüchern das aktuelle Zeitgeschehen, auch mit dem Hinweis auf künftige Historikergenerationen und generell auf die Nachwelt, unter anderem durch zahlreiche eingeklebte Zeitungsausschnitte.

Aus konservatorischer Sicht bzw. auch in Bezug auf ihre bibliothekarische Aufarbeitung handelt es sich bei den Tagebüchern um sensibles Material, weil sich darin viele lose Briefe sowie auch eingeklebte, eingeheftete bzw. zum Teil auch mit Stecknadeln befestigte Materialien befinden. Diese Objekte zeugen nicht nur von Emiles Sammelleidenschaft, sondern auch von einer besonderen Hingabe, mit der er sich dem Schreiben bzw. Gestalten gewidmet hat. Zahlreiche Briefe, hauptsächlich von seiner heißgeliebten „Großmama“, hat er auch in Kuverts aufbewahrt und ebenfalls in seine Tagebücher integriert.

Tagebuch von Emile Zuckerkandl, Band V.a, Sommer 1936, Blatt 58vf.
Abbildung 2: Tagebuch von Emile Zuckerkandl, Band V.a, Sommer 1936, Blatt 58vf. (Quelle: Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Bertha Zuckerkandl / Sammlung Emile Zuckerkandl 3, Sign.:  438/W23)

Die Herausforderung bei der Aufarbeitung war es, diese in ihrer individuellen Form, Einzigartigkeit und Einheit so gut wie möglich zu erhalten, gleichzeitig aber so viel Information wie möglich daraus zu filtern und diese zugänglich zu machen. Demgemäß wurden beispielsweise alle Briefe, die sich in den Tagebüchern in eigenen Kuverts oder auch lose befanden, zusätzlich auch als » Korrespondenzen katalogisiert.

Quelle:

Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek: B. Zuckerkandl / Sammlung Emile Zuckerkandl 3

Literatur:

Klugsberger, Theresia; Pleyer, Ruth (Hg.) (2013): Berta Zuckerkandl – Flucht! Von Bourges nach Algier im Sommer 1940, Wien: Czernin Verlag.

 

[1] Emile Zuckerkandl: Tagebuch, VI. Band, Blatt 1r, Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien, B. Zuckerkandl / Sammlung Emile Zuckerkandl, Sign.: 438/W24

[2] Emile Zuckerkandl: Tagebuch, Sommer 1936, Blatt 61v f., LIT Wien, B. Zuckerkandl / Sammlung Emile Zuckerkandl, Sign.: 438/W23

[3] Tagebuchblatt von Emile Zuckerkandl, 27. September 1938, Blatt 1r , LIT, Wien, B. Zuckerkandl / Sammlung Emile Zuckerkandl, Sign.: 438/W24-Beil.34

Achtung
Lesesäle am Heldenplatz und Papyrusmuseum

Aufgrund von Dreharbeiten sind die Lesesäle am Heldenplatz sowie das Papyrusmuseum von Freitag, 1. März ab 15 Uhr bis Samstag, 2. März, 15 Uhr geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.

Prunksaal und Augustinerlesesaal

Aufgrund von Dreharbeiten bleibt der Prunksaal vom 27. Februar bis inklusive 12. März 2024 geschlossen. Die laufende Sonderausstellung „BILD MACHT POLITIK“. Yoichi Okamoto. Ikone der Nachkriegsfotografie“ ist noch bis Sonntag, 25. Februar zu sehen.

Der Augustinerlesesaal bleibt von 27. Februar bis inklusive 8. März 2024 geschlossen.
In dieser Zeit sind Aushebungen im Prunksaal nicht möglich. Als Ersatz steht der Studienlesesaal der Sammlung von Handschriften und alten Drucken (Josefsplatz 1 im linken Gebäudeflügel, Handschriftenstiege 2. Stock) zu den regulären Öffnungszeiten zur Verfügung. Wir danken für Ihr Verständnis.