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Handschriften & alte Drucke, Forschungsprojekte, 650 Jahre

Das Evangeliar des Johannes von Troppau – Resümee und Forschungsfragen

31.01.2018 Forschungsblog

Objekt des Monats Jänner im Rahmen des Jubiläumsjahres 650 Jahre Österreichische Nationalbibliothek

Autor: Andreas Fingernagel

Das Evangeliar des Johannes von Troppau (Wien, ÖNB, Cod. 1182)[1] ist eines der am intensivsten beforschten Objekte der Österreichischen Nationalbibliothek.[2] Seiner in mehrfacher Hinsicht herausragenden Bedeutung wegen war es seit dem späten 19. Jahrhundert im Fokus der Forschung, die viele Fragen zufriedenstellend klären konnte. Die Basisdaten sind gut abgesichert: eine ausführliche Schlussschrift (Kolophon) nennt das Datum der Fertigstellung (1368) und Johannes von Troppau als Schreiber und Maler dieser Kostbarkeit. Dass er das Werk nicht alleine ausgeführt hat, legt die kunsthistorische Analyse der Ausstattung offen: demnach war neben einem Gehilfen des in Prag anzusiedelnden Ateliers des Meisters auch noch ein als Illuminator des Neumarkt-Missales bezeichneter Buchmaler beteiligt.

Auch das ikonographische Programm des ganz in Gold geschriebenen Evangeliars ist weitgehend entschlüsselt.[3] Im Wesentlichen beruht es auf der Verschränkung von zwei Bilderzyklen. Zum einen auf den tafelbildartig gestalteten Miniaturen zu Beginn der vier Evangelien, denen jeweils eine Zierseite gegenübergestellt wurde. Die Evangelienanfänge werden von szenisch-erzählerischen Darstellungszyklen eingeleitet; die jeweils 12 Bilder, die in vier horizontalen Registern zu drei Szenen angeordnet sind, folgen bildinhaltlich weitgehend der Legenda aurea des Jakobus de Voragine (1228/29-1298) und stellen Begebenheiten aus dem Leben der Evangelisten dar. Ein zweiter Bilderzyklus bedient sich ausschließlich der Initiale als Bildraum und enthält, die Evangelientexte illustrierend, 85 Darstellungen. Eine ganzseitige Miniatur der Deesis (Christus in der Mandorla, angebetet von Maria und Johannes, umgeben von Engeln mit den Leidenswerkzeugen) (Abb. 1) schließt die beiden Bilderreihen ab.

Christus in der Mandorla, angebetet von Maria und Johannes, umgeben von Engeln mit den Leidenswerkzeugen; Evangeliar des Johannes von Troppau, (Wien, ÖNB, Cod. 1182): Deesis Prag, um 1368 (oder später)
Abb. 1: Evangeliar des Johannes von Troppau,
(Wien, ÖNB, Cod. 1182): Deesis
Prag, um 1368 (oder später)

Die entscheidenden Beobachtungen (Gerhard Schmidt)[4] zur Ausstattung des Evangeliars betreffen einmal die formale Gestaltung der gerahmten Textseiten, die offensichtlich auf vorromanische Vorbilder zurückgehen, wie sie etwa in einem frankosächsischen Evangeliar des ausgehenden 9. Jahrhunderts überliefert sind (Prag, Kapitelbibliothek Cim. 2); auch die den Evangelientexten vorgeschalteten, mehrteiligen Bildtafeln folgen wohl älteren Vorbildern und wenden sich von „üblichen“ Evangeliar-Illustrationen, die meist ein Bild des schreibenden Evangelisten enthalten, ab. Zurecht wurde dieser offensichtlich bewusste Rückgriff auf ältere Evangeliare mit der Frage des gedachten Verwendungszweckes und der nach dem möglichen Auftraggeber für diese Handschrift verbunden. Einen ersten Hinweis darauf gibt die 1368 datierte Handschrift selbst durch die Wappendarstellungen, die jeweils an den vier Ecken der ganzseitigen Miniaturen eingetragen sind und die Länder Österreich, Steiermark, Kärnten und Tirol bezeichnen. Aufgrund der Zeitstellung des Evangeliars kann diese Wappenfolge Herzog Albrecht III. (1349/50–1395) zugeordnet werden. Als geistiger Urheber wird aber auch sein 1365 verstorbener älterer Bruder Rudolf IV. (geb. 1339) in Betracht gezogen, zu dessen weitreichenden politischen Ansprüchen die Bestellung eines „Krönungsevangeliars“ der österreichischen Herzöge wohl besser passt. Mit den Wappendarstellungen wird gleichsam eine dritte bildinhaltliche Ebene eröffnet, die sich nicht unmittelbar aus dem Inhalt des Evangeliars generiert; Michael Denis (1729–1800), dem wir eine erste ausführliche Katalogbeschreibung der Handschrift verdanken,[5] sieht auch in dem Stammbaum Christi (Abb. 2), der dem mit den Wappen versehenen Beginn des Matthäusevangeliums gegenübergestellt ist (fol. 2r), gleichsam in Ergänzung zu der Wappenfolge, eine mögliche Anspielung auf die Genealogie der österreichischen Herrscher.

Stammbaum Christi, Evangeliar des Johannes von Troppau, (Wien, ÖNB, Cod. 1182): Beginn des Matthäus- Evangeliums, Prag, 1368
Abb. 2: Evangeliar des Johannes von Troppau,
(Wien, ÖNB, Cod. 1182): Beginn des Matthäus-
Evangeliums (Stammbaum Christi)
Prag, 1368


Das Evangeliar wird Habsburgischer Familienbesitz

Über den weiteren Verbleib des Evangeliars gibt die Handschrift selbst wieder eindeutige Hinweise. Seitlich der Miniatur mit den Szenen zum Leben des Evangelisten Matthäus (fol. 1v) sind die „Devise“ A.E.I.O.U. und die Jahreszahl 1444 eingetragen[6]. Der Codex befand sich demnach im Besitz von Friedrich III. (1415–1493), damals römisch-deutscher König, der sich um die Zusammenführung des Familienbesitzes bemühte und seine, oft mit einem Datum kombinierte Devise, auf zahlreichen Bau- und Kunstwerken hat anbringen lassen (vgl. Abb. 5). Ein weiterer Eintrag dieser Art ist auch noch auf einer Schließe des Einbandes (eine zweite gilt als verloren) angebracht, die neben der Devise nun die Jahreszahl 1446 überliefert.

Mehr als ein Einband

Dieser Einband (Abb. 3) ist ein weiterer Grund, wieso dem Evangeliar des Johannes von Troppau ein so hoher Stellenwert zugeschrieben wird, gilt er doch als einer der wenigen erhaltenen spätgotischen Prachteinbände aus diesem Kulturraum. Vorder- und Rückseite sind weitgehend gleich gestaltet. Über den, mit einer Samtunterlage belegten, lederüberzogenen Holzdeckel wurden jeweils fünf Löwenköpfe angebracht, denen breitere Feldteilungen in Form eines Andreaskreuzes bzw. ein dazwischen sich ausbreitender Strahlenkranz hinterlegt sind. Die umgebenden Rahmenleisten werden aus Maßwerkmotiven gebildet.

Bislang wenig beachtet wurde die „Ikonographie“ des aus vergoldetem Silberblech gestalteten Einbandes. Die erhabenen Löwenköpfe erfüllen zunächst eine rein technische Funktion. Analog zu den „gewöhnlichen“ gotischen Einbänden, die überwiegend fünf Buckel in Quincunx-Anordnung (wie die fünf Augen eines Würfels) aufweisen, schützen diese den Einband bei liegender Aufbewahrung vor Beschädigungen. Auch die Form des Andreaskreuzes, das in breiten Streifen angelegt, Vorder- und Hinterdeckel ziert, mag auf den gotischen Gebrauch zurückzuführen sein, das Mittelfeld mit Streicheisenlinien diagonal zu gliedern. Das auffälligste Motiv an dem Einband sind jedoch die Löwenköpfe, die so gestaltet sind, dass der mittlere die flankierenden im Durchmesser übertrifft. Im Vergleich mit älteren Prachteinbänden von Evangeliaren[7], die vielfach Christus in der Mitte, flankiert von den vier Evangelisten zeigen, liegt der Schluss nahe, dass auch diese „Idee“ dem Einband zugrunde liegt. Unterstützt wird diese Annahme durch die Tatsache, dass auch bei anderen Einbänden von Evangeliaren unfigürliche Varianten auftreten, wobei Christus und die Evangelisten etwa durch antike Kameen oder Edelsteine „vertreten“ werden. Eine weitere, gleichsam parallel mitzudenkende Bedeutungsebene ergibt sich auch aus den Löwenköpfen selbst, die auffälliger Weise so gestaltet sind, dass die Lefzen in den Mundwinkeln kreisförmig erweitert sind. In dieser Form entsprechen sie so den Ausnehmungen bei mittelalterlichen Löwenkopf-Türziehern[8], die für die Anbringung des Ringes vorgesehen waren (Abb.4). Wurde dem Betrachter bzw. „Benützer“ des Evangeliars somit bewusst vermittelt, dass er das Evangeliar öffnet so wie der Gläubige durch die Betätigung der Löwenkopf-Türzieher das Gotteshaus betritt?

Goldener Einband mit Löwenköpfen, Evangeliar des Johannes von Troppau, (Wien, ÖNB, Cod. 1182): Vorderdeckel Prag, um 1368 (oder später)
Abb. 3: Evangeliar des Johannes von Troppau,
(Wien, ÖNB, Cod. 1182): Vorderdeckel
Prag, um 1368 (oder später)

Gregor der große, Moralia in Iob (Teil 2) (Wien, ÖNB, Cod. 674): Löwenkopf-Türzieher Salzburg, 13. Jhdt.
Abb. 4: Gregor der große, Moralia in Iob (Teil 2)
(Wien, ÖNB, Cod. 674): Löwenkopf-Türzieher
Salzburg, 13. Jhdt.

Originaleinband oder Nachtrag?

Diese ikonographische/ikonologische Frage ist nicht ganz unberührt von der Datierung des Einbandes, der als Stiftung Friedrichs III. und damit dem eingravierten Datum folgend 1446 datiert wird oder aber als der ursprüngliche angenommen und „um 1368“ angesetzt wird[9]. Neben den Löwenköpfen spielt vor allem auch die Beurteilung der aus Maßwerkformen gebildeten Rahmenleisten eine große Rolle. Tatsächlich lassen sich die Formen sowohl der Parler-Zeit (aus Schwäbisch Gmünd stammende, im 14. Jahrhundert tätige Familie von Steinmetzen, Bildhauern und Baumeistern) zuordnen, aber auch sehr gut mit Werken aus der Zeit des späteren Kaisers Friedrich III. verbinden, wie etwa dem Maßwerk der Predella des sog. Wr. Neustädter Altares (Abb. 5), der 1447 von Friedrich III. gestiftet wurde und wieder die bekannte Devise aufweist.

Wiener Neustädter Altar (Wien, St. Stephan) Predella, mit Datierung 1447 und der Devise A.E.I.O.U.
Abb. 5: Wiener Neustädter Altar
(Wien, St. Stephan)
Predella, mit Datierung 1447 und der Devise A.E.I.O.U.

Für eine Entstehung in fridericianischer Zeit spricht wohl auch der Vergleich mit dem Nürnberger Heiltumsschrein (Nürnberg, Germ. Nationalmuseum, Inv. Nr. KG 187) aus der Zeit von 1438 bis 1440, der in den diagonal angeordneten Maßwerkleisten, die mit menschen(!)köpfigen Sonnen besetzt sind, eine mit dem Einband des Evangeliars ähnliche Gestaltungsform aufweisen. Unterstützt wird diese These noch von der Tatsache, dass Friedrich sich unmittelbar nach der Fertigstellung des Schreines in der Reichsstadt aufgehalten hat, also das für ihn so bedeutsame Werk auch gesehen haben wird.

Die Datierung des Einbandes führt schließlich auch zu der Frage der weiteren Geschichte dieser Handschrift, die, wie oben dargelegt, von Friedrich III. in Besitz genommen wurde. Die Annahme der älteren Literatur (Jenni, S. 27), der Codex sei von Friedrich an das 1444 von ihm gestiftete Neukloster in Wr. Neustadt übergeben worden, wurde durch die neueren Forschungen bestätigt, die die Handschrift für den Zeitraum von 1526 bis 1663 archivalisch als im Besitz des Klosters befindlich nachweisen konnte (s. Jenni, S. 27). Die hohe Bedeutung, die Friedrich seiner Stiftung zukommen ließ, drückt sich auch darin aus, dass er es als Grablege für seine Frau Eleonore von Portugal und drei seiner Kinder gewählt hatte.

Das Evangeliar – Der Gründungscodex

Die für das in diesem Jahr zu feiernde Jubiläum so bedeutsame Frage, ob das Evangeliar des Johannes von Troppau als Gründungscodex anzusprechen ist, muss differenziert beantwortet werden. Während die ältere Literatur[10] die Frage der Entstehung der Hofbibliothek in Zusammenhang mit den Ausführungen des Codex weitgehend ausspart bzw. die Anfänge in die Zeit Kaiser Maximilians II. (1564–1576) verlegt, begründen Ernst Trenkler (1902–1968) in seinem Kommentar zu dem Troppauer-Evangeliar und mit ihm Alphons Lhotsky (1903–1968)[11] wohl am vehementesten die These von Herzog Albrecht III. als dem „Ahnherr der Hofbibliothek“ und dem Evangeliar als dem „Gründungscodex“ dieser Einrichtung. Diese Festlegung ist unter der begründeten These zu sehen, die ab Albrecht III. (1349/50–1395) fassbaren habsburgische Bücherinteressen als den Kern der späteren Hofbibliothek zu definieren, deren Etablierung hinsichtlich des umfassenden und geregelten Bucherwerbes sowie der organisatorischen und räumlichen Gegebenheiten erst in späterer Zeit erfolgt ist.


[1] Das Volldigitalisat des Codex ist online verfügbar: data.onb.ac.at/rec/AC13953158


[2]
Zusammenfassend s. den Kommentarband zum Evangeliar des Johannes von Troppau [Lachen am Zürichsee] 2005

[3] Wie Anm. 2, S. 59ff. (M. Theisen)

[4] In: Studien zur Buchmalerei und Goldschmiedekunst des Mittelalters. Festschrift für K. H. Usener, Marburg 1967, S. 275–292

[5]www.ksbm.oeaw.ac.at/_scripts/php/cat_onb2pdf.php?cat=denis&vol_page=1-1 120-122

[6] Vgl. die Abbildung im Forschungsblogbeitrag: www.onb.ac.at/forschung/forschungsblog/artikel/news/identitaet-im-wandel/

[7] Frauke Steenbock, Der kirchliche Prachteinband. Berlin 1965

[8] Ursula Mende, Die Türzieher des Mittelalters. Berlin 1981

[9] Wie Anm. 2, S. 41ff. (U. Jenni)

[10] Wie Anm. 2, S. 143ff. (U. Jenni)

[11] Wie Anm. 2, S. 7 (A. Fingernagel)


Zum Autor: Dr. Andreas Fingernagel ist Direktor der Sammlung von Handschriften und alten Drucken der Österreichischen Nationalbibliothek.


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