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Karl VI. und seine wichtigsten Komponisten

Forschung

10.12.2021
Musik, Quellen zur Österreichischen Geschichte
Zeichnung von Mann mit lockiger, weißer Perücke

Autor: Marc Strümper

Der Bestand an musikalischen Handschriften aus der Bibliothek Karls VI., der in einem von den Österreichischen Lotterien geförderten dreijährigen Projekt derzeit digitalisiert wird, besteht aus einer Sammlung von Kompositionen, die für die unterschiedlichsten Anlässe geschrieben und aufgeführt wurden. Dabei handelt es sich um Werke einer Vielzahl von Komponisten. Einige der wichtigsten und produktivsten sollen hier exemplarisch vorgestellt werden.

In der dynastischen Macht- und Einflussplanung des Hauses Habsburg war Erzherzog Karl (1685–1740) eigentlich als Erhalter der spanischen Linie vorgesehen und schon 1703 seine Ernennung zum spanischen König Carlos III. durchgesetzt worden. 1711 folgte er als Karl VI. aber seinem plötzlich verstorbenen älteren Bruder Joseph I. als römisch-deutscher Kaiser nach. In den kommenden dreißig Jahren, wie auch schon während der Regentschaft seines Vaters, Kaiser Leopold I., nahmen Kunst, Kultur, Architektur, insbesondere aber die Musik, einen besonders hohen Stellenwert am Wiener Hof ein. Außerordentlich hohe finanzielle Aufwendungen wurden für Konzerte, Ballette und Opern gemacht. Auch die Errichtung des Prunksaals der Hofbibliothek am Josefsplatz fällt in die Regierungszeit Karls VI.

Wie immer bei einem Wechsel an der Spitze des Hofes wurden die Mitglieder der Hofmusikkapelle entlassen, um dem neuen Herrscher die Möglichkeit der eigenen Auswahl zu geben. Einer der Musiker, die von Karl in seinen Hofstaat übernommen wurden, war Johann Joseph Fux (1660–1741). Dieser war schon 1698 von Leopold I. zum Hofkomponisten ernannt worden und hatte ebenfalls in diesem Jahr im Auftrag des jungen Erzherzogs Karl eine Instrumentalmusik zum Geburtstag seines Bruders Joseph komponiert. Fux wurde 1713 rückwirkend ab 1711 (dem Regierungsantritt Karls) zum Vizekapellmeister ernannt, 1715 schließlich zum Hofkapellmeister.

Abb.1: Johann Joseph Fux, anonymer Stich, Bildarchiv und Grafiksammlung

Für den Einsatz von Musik im religiösen Umfeld bietet der liturgische Kalender recht genaue Vorgaben, was Art und Dauer der Kompositionen betrifft. Dagegen gaben die zahlreichen Geburts- und Namenstage, Taufen, Hochzeiten, Todestage, Sieges- oder Friedensfeiern den Komponisten am Hofe Gelegenheiten für mehr oder weniger ausschweifende musikalische und musiktheatralische Werke. Zu nennen sind hier beispielsweise die Formen Dramma per musica, Favola pastorale, Festa musicale, Azione teatrale oder Componimento per Musica.1

Neben der Komposition musikalischer Werke gehörte aber auch die Verwaltung der Hofmusikkapelle zu den Aufgaben der Hofkapellmeister, ein nicht unerheblicher Arbeitsaufwand bei der Zahl der Musiker, die unter Karl VI. immerhin auf gut 250 angewachsen war.

Abb. 2: Johann Joseph Fux, Angelica vincitrice di Alcina, Titelblatt Mus.Hs.17281/1-3

Zur Geburt des lange erwarteten Thronfolgers Erzherzog Leopold (*/† 1716) wurde die aufwändige Oper Angelica vincitrice di Alcina inszeniert, worüber uns die zeitgenössische Besucherin Lady Mary Montagu informiert:

“(...) daß ich letzten Sonntag in der Oper war, die im Garten der Favorita aufgeführt wurde und die mir so sehr gefallen hat, daß ich es noch nicht bereut habe, sie gesehen zu haben. Nichts dieser Art war jemals prächtiger, und ich kann leicht glauben, was man mir sagte, nämlich, daß die Dekorationen und Kostüme den Kaiser 30 000 Sterling kosten. Die Bühne war über einen sehr breiten Kanal gebaut und am Beginn des zweiten Aktes in zwei Teile geteilt, so daß man das Wasser entdecken konnte, auf welchem sofort zwei Flotten mit goldenen Schiffen von verschiedenen Seiten erschienen, die eine Seeschlacht aufführten. Es ist nicht leicht, sich die Schönheit dieser Szene vorzustellen, die ich besonders aufmerksam betrachtete, doch auch alles übrige war vollendet schön in seiner Art. Die Handlung der Oper ist die Verzauberung der Alcina, die Gelegenheit für den Einsatz zahlreicher Maschinen und Szenenwechsel gibt, die mit überraschender Geschwindigkeit vollzogen werden. Das Theater ist so groß, daß es dem Auge schwerfällt, sein Ende zu erkennen und die Kostüme, 108 an der Zahl, von äußerster Pracht. Kein Haus könnte so große Dekorationen fassen, aber die Damen, die alle in freier Luft sitzen, sind dadurch großen Unbequemlichkeit ausgesetzt, denn es gibt nur einen einzigen Baldachin für die kaiserliche Familie, und als am Abend der ersten Aufführung ein Platzregen niederging, wurde die Oper unterbrochen, und die Gesellschaft flüchtete in solcher Verwirrung, daß ich fast zu Tode gequetscht wurde."2

Abb. 3: Bühnenbild zur Aufführung von Johann Joseph Fux’ Angelica vincitrice 1716; Grafik aus dem Klebeband Nr. 15 der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek Arolsen
Abb. 4: Bühnenbild zur Aufführung von Johann Joseph Fux’ Angelica vincitrice 1716; Grafik aus dem Klebeband Nr. 15 der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek Arolsen

Durch die Aufführung im Park der Favorita (dem heutigen Theresianum), für die auch zwei Inseln in einem großen Teich genutzt wurden, ist die Besetzung des Werkes der Freiluftaufführung angemessen und greift auf einen besonders großen Blechbläserapparat zurück.

Abb. 5: Beginn des ersten Aktes von Johann Joseph Fux’ Angelica vincitrice di Alcina, 1716

Ein weiteres wesentliches Werk Johann Joseph Fux’ stellt die während der Krönung Karls VI. zum König von Böhmen in Prag 1723 aufgeführte Oper Costanza e Fortezza dar. Da die Krönung zeitlich mit dem Geburtstag der Kaiserin Elisabeth Christina zusammenfiel, sollte die obligatorische Geburtstagsoper diesmal besonders festlich ausfallen. Auch dieses Dramma per musica, dessen Titel auf dem Wahlspruch Karls VI., “Constantia et Fortitudo” beruht, erregte schon bei seiner Aufführung große Bewunderung, sowohl wegen der musikalischen Qualitäten als auch der aufwändigen Inszenierung am Prager Hof. Während die Solist*innen aus Wien angereist kamen, wurden der Chor und das Orchester überwiegend vor Ort rekrutiert, die Besetzung belief sich auf etwa 100 Sänger*innen und 200 Instrumentalist*innen. Auch hier war die musikalische Gestaltung durch die Bedingungen der Inszenierung bestimmt, es dominierte eher üppige Klangfülle als subtile kontrapunktische Feinarbeit.

Abb. 6: Johann Joseph Fux, Costanza e Fortezza, Beginn des ersten Aktes, 1723

Nach der Beförderung Fux’ zum Hofkapellmeister folgte ihm Antonio Caldara (1670–1736) im Amte des Vizekapellmeisters nach. Caldaras Kontakte zu Karl VI. reichen bis in dessen Zeit als König von Spanien in das Jahr 1708 zurück, als eine Komposition zur Namensfeier der frisch mit Karl vermählten Elisabeth Christine aufgeführt wurde. Mehrfach bemühte sich Caldara in der Folge um eine feste Anstellung am Hofe, zunächst für den Spanischen, dann ab 1711 für den Wiener Hof. Erst 1715, mit dem Tod des Maestro di Capella Marc’Antonio Ziani und dem Aufrücken von Fux auf die Hofkapellmeisterstelle, hatte er Erfolg und konnte schließlich die freiwerdende Vizekapellmeisterstelle von Fux besetzen.

Abb. 7: Antonio Caldara, anonymer Stich, Bildarchiv und Grafiksammlung

Caldaras italienisch beeinflusster, sehr abwechslungsreicher Stil und der Geschmack des Kaisers trafen sich gut und der sehr fruchtbare Komponist schuf mehr als 3400 Werke vor allem im Bereich der Vokalmusik, darunter mehr als 80 Opern, 43 Oratorien sowie etwa 150 Messen, Serenaden und Kantaten. Die Fülle der Werke lässt sich u. a. damit erklären, dass Caldara die Aufgabe hatte, zu den Namens- und Geburtstagen des Kaisers und der Kaiserin Bühnenwerke zu komponieren, ab 1726 auch noch die großen Karnevalsopern. Weitere Bühnenwerke entstanden anlassbezogen für verschiedene Feste und Feierlichkeiten wie Geburten, Hochzeiten oder wichtige Staatsbesuche. Hinzu kamen auch noch geistliche Werke in dramatischen oder liturgischen Gattungen.

Abb. 8: Einband zum zweiten Akt von Antonio Caldaras Oper Euristeo (Mus.Hs.17186/2-3)

Einige Mitglieder der kaiserlichen Familie waren auch Schüler des Komponisten und der selbst sehr musikalische Karl leitete die Aufführung der Oper Euristeo (1724) anlässlich der Geburt seiner Tochter Maria Amalia sogar selbst vom Cembalo aus. Die Tänzer*innen waren Adlige des Hofes, selbst die damals erst siebenjährige Maria Theresia nahm aktiv an der Aufführung teil, wie diesem Eintrag zu entnehmen ist:

Abb. 9: Auflistung der TänzerInnen des Secondo Ballo im zweiten Akt von Antonio Caldaras Oper Euristeo (Mus.Hs.17186/2-3)

Einer der Musiker, der in Opern von Bononcini, Fux oder Caldara häufig mit solistischen Aufgaben betraut wurde, war der Lautenist Francesco Bartolomeo Conti (1682–1732). Contis Aufstieg am Wiener Hof ist bemerkenswert, er wurde 1701 erst zwanzigjährig von Leopold I. in die Hofmusikkapelle geholt. Als Theorbist spielte er sowohl bei den Aufführungen groß besetzter Werke auf der Opernbühne und in der Kirche eine tragende Rolle, wie auch bei den intimeren kammermusikalischen Werken bei Hofe. Einige Jahre später, 1708, wurde er aufgrund seines großen Talents als Nachfolger von Fux zum Hofkomponisten auf Lebenszeit ernannt. In seinen groß besetzten Werken zog Conti Nutzen aus dem üppigen Musikerbestand der Hofkapelle und setzte auch die für den Wiener Hof spezifischen Instrumente (z.B. Chalumeau, Mandoline oder Baryton) häufig in solistischer Funktion ein.

Abb. 10: Francesco Conti, Il Trionfo dell’amicizia e dell’amore, 2. Akt (Mus.Hs.17047/1-3)

Die folgende Abbildung ist ein gutes Beispiel für die Aufführungsverhältnisse der Hofmusiker*innen abseits der Opernbühne. Die Ritterstube, der Zeremoniensaal der Hofburg und im 18. Jahrhundert größer als heute, wurde für Staatsakte verwendet, für Audienzen oder auch Bankette. Auch die Taufen der Kinder des Kaiserpaares fanden hier statt. Auf der Empore sind neben einigen Sängern und zwei Trompetern auch vier Violinisten und der Hofkapellmeister Ziani zu sehen. Ebenfalls und besonders gut dargestellt sind zwei Theorbisten, von denen der linke Francesco Conti sein dürfte.

Abb. 11: Ausschnitt aus der "Erbhuldigung [der niederösterreichischen Stände]. Die Kaiserliche Tafel in der Ritterstube." Zeichnung von Johann Cyriak Hackhofer, gestochen von J.A. Pfeffel und C. Engelbrecht. Bildarchiv und Grafiksammlung

Im Vergleich mit den Werken von Fux und Caldara, welche beide zwar unterschiedlich, aber doch konservativ komponierten, zeigen sich Contis Werke eher von der moderneren neapolitanischen Stilrichtung geprägt. Seine Hauptwerke sind Opern, kleinere dramatische Werke, Oratorien und Kantaten.

Besondere Erwähnung finden soll noch ein Werk, welches nicht von einem der am Hof angestellten Komponisten oder Kapellmeister geschaffen wurde. Zu besonderen Anlässen wurden dem Hof immer wieder Widmungskompositionen zugesandt, sei es mit der Hoffnung auf eine finanzielle Entlohnung, eine Anstellung oder vielleicht auch nur die Ehre, bei Hofe aufgeführt zu werden. Aus dem Jahr 1713 befindet sich in der Sammlung der Carolina auch Pallade e Marte, ein Componimento drammatico der Bologneser Komponistin Maria Margherita Grimani (1680–1720). Ihr Werk zum Namenstag des Kaisers wurde als erstes Bühnenmusikwerk einer Komponistin am Kaiserhof aufgeführt. In den folgenden Jahren wurden außerdem zwei Oratorien aus ihrer Feder musiziert. Ihre Werke sind für kleinere Besetzungen geschrieben.

Abb. 12: Widmungspartitur von Maria Margherita Grimanis Pallade e Marte (Mus.Hs.17741)

Ein Großteil der insgesamt 70 Regalmeter umfassenden Musikbibliothek Kaiser Karl VI. sind Unikate. Dass ein wesentlicher Teil dieser Bibliothek nun durch die Digitalisierung weltweit zugänglich gemacht wird, eröffnet der Forschung und der Musikpraxis viele neue Möglichkeiten. Die Österreichische Nationalbibliothek bedankt sich sehr herzlich bei den Österreichischen Lotterien für ihre großzügige finanzielle Unterstützung dieses Digitalisierungsprojekts.

Biblioteca Carolina Digital

Über den Autor: Dr. Marc Strümper ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.

Quellen:

1 Friedrich W. Riedel: Typen dramatischer Musik im Spätbarock, in: Günter Holtus (Hg.) Theaterwesen und dramatische LIteratur,. Beiträge zur Geschichte des Theaters. Tübingen 1987, S. 275-288
2 Zitiert nach: Lady Mary Montagu: Briefe aus Wien. Übertragen und herausgegeben von Maria Breunlich. Verlag Dr. A. Schendl. Wien 1985. S.19ff