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Jubiläum: 30 Jahre Bücherspeicher Heldenplatz!

Bibliothek

29.09.2022
Geschichte in Geschichten
Bücherlift, der mit Wagerln auf Schienen Bücher transportiert

Der Bücherspeicher der Österreichischen Nationalbibliothek wird 2022 30 Jahre alt! Lesen Sie die Entwicklungsgeschichte des Buchdepots auf dem Sie vielleicht bereits standen, ohne es zu wissen. Er befindet sich nämlich unter der Terrasse des Burggartens. Neben Magazinsräumen gehört zum Bücherspeicher, der 1992 fertiggestellt wurde, ein großzügiger Benützungsbereich, der für Sie 2022 rundum erneuert wurde.

Autor: Daniel Skina

Worunter leiden viele Bibliotheken? Es ist der Platzmangel. Platznot infolge von laufend anwachsenden Beständen einhergehend mit der Ausweitung von Bearbeitungs- und Benützungsservices ist ein Thema, das bereits die frühe k.u.k Hofbibliothek begleitete und auch in der heutigen Österreichischen Nationalbibliothek aktuell ist. Bereits unter Generaldirektor Josef Bick (1923-1938 und 1945-1949) wurde festgelegt, dass sich die Bibliothek vom Prunksaal am Josefsplatz in Richtung Neue Burg ausdehnen sollte.

Josef Bick: Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek von 1923 bis 1938 und von 1945 bis 1949.

Geplanter Bibliotheksturm

In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde von dem Wiener Architekturbüro Theiss und Jaksch ein Plan vorgestellt, der nicht nur die Platzprobleme der Österreichischen Nationalbibliothek, sondern auch anderer Bibliotheken in Wien hätte lösen sollen: Der Neubau einer Zentralbibliothek auf den sogenannten „Bürgerversorgungsgründen“ Ecke Währingerstraße/Spitalgasse, Wien 9. (Österreichische Nationalbibliothek Tiefspeicher, Wien 1992). Dieser Bibliotheksturm sollte nicht am Areal der Hofburg realisiert werden - wodurch der Bibliotheksbetrieb allerdings die Verbindung zu seinem Bestandskern verloren hätte. Das Bauvorhaben wurde verworfen, die Platznot blieb.

Hartnäckigkeit und Einzug in die Neue Burg

Die Raum- und Platzprobleme wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erneut akut (zum Thema Österreichische Nationalbibliothek in der NS-Zeit finden Sie Informationen in unserer Timeline).

Der von 1949 bis 1967 amtierende Generaldirektor Josef Stummvoll verfolgte mit Hartnäckigkeit und Konsequenz die Erweiterungsbemühungen, die bereits unter Josef Bick initiiert wurden.

Josef Stummvoll: Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek von 1949 bis 1967.

Unter Stummvoll gelang es in den 1960er-Jahren, die Österreichische Nationalbibliothek auf die Neue Burg am Heldenplatz auszudehnen. Ziel dieser Maßnahme war in erster Linie, für Lesesäle, Kataloge und Magazine der Druckschriftensammlung Platz zu finden. Die Magazinsräume, die sich in den Kellergeschossen unter dem Heldenplatz befanden, reichten für ca. 500.000 Bände, wodurch bereits damals klar war, dass auch dies keine dauerhafte Lösung sein konnte.

Modell des Hauptlesesaals am Heldenplatz um 1964

Noch 1991 beschrieb die Zeitschrift Salto, eine Vorgängerpublikation der Volksstimme, ein Zustandsbild des Bücherspeichers der Österreichischen Nationalbibliothek, das wohl einigermaßen überzeichnet das Image einer verstaubten Institution mit unzumutbaren Zuständen im „Bergwerk“ Bücherspeicher vereint:

„Kleine, schwache Kellerlampen spenden spärlich Licht. Aus einem pulsierenden Versorgungsmoloch strömt lautstark Frischluft. Zwielicht. Lurch. Staubluft. langsam schleppt sich ein gebückter Bergmann die schmale Holztreppe hinauf. Er kommt von ganz unten, aus dem Stollen der Großstadt.“ (Salto 1/1991.)

Dieser Text – so plakativ er auch sein mag – verdeutlicht, dass die Not nach konservatorischen Richtlinien entsprechendem, geeignetem Speicherplatz im „Wissenspeicher der Nation“ groß geworden war.

Von der Idee zur Umsetzung

Die Pläne für die Errichtung des heutigen, größten Bücherspeichers der Österreichischen Nationalbibliothek gehen bis in die frühen 1960er-Jahre zurück. Schon damals bestand die Absicht, im Anschluss an die Kellerräume der Neuen Hofburg, die mit dem barocken Hauptgebäude am Josefsplatz bereits durch einen Tunnel verbunden waren, einen entsprechend großen unterirdischen Bücherspeicher entlang der gesamten Südfront der Neuen Hofburg (auf der Seite des Burggartens) zu schaffen. (Vgl. Jaksch 1986)

Infolge der andauernden Raumnot der Bibliothek waren bereits über das gesamte Areal der Hofburg Buchbestände verstreut aufgestellt worden. Dazu zählten – siehe Schilderung oben - nicht nur geeignete, sondern leider auch in konservatorischer Hinsicht ungeeignete Räume. Die Aushebezeiten waren zudem durch die langen Wege unzufriedenstellend: Eine Bereitstellung von Büchern für Leserinnen und Leser dauerte bis zu einem Werktag. Das Bestreben war daher, die großen Mengen disloziert untergebrachter Bücher der Druckschriftensammlung möglichst geschlossen nahe an den Lesesälen und damit ihren Benutzerinnen und Benutzern zu lagern. Der Bau sollte ohne Eingriff in das denkmalgeschützte Ensemble der Hofburg, ohne Trennung vom historischen Kern, dem Prunksaal, umgesetzt werden. Geplant – und letztendlich auch umgesetzt – wurde daher der Zugang zum Speicher direkt aus dem Herzstück der damals so genannten „Modernen Bibliothek“, aus der ehemaligen Kataloghalle, in der sich die heutige Kommunikationslounge befindet.

Kataloghalle nach Bezug der Neuen Burg, 1969 – Heute befindet sich darin die Kommunikationslounge.

Auch ein bereits vorhandener Luftkanal, die sogenannte „Kaiserlüftung“, wurde von Anfang an in das Bauvorhaben der Magazinserweiterung miteingeplant. Ursprünglich war vorgesehen, den Speicher ausschließlich als Depotraum zu nutzen. Da allerdings der Hauptlesesaal in der Neuen Burg ohnehin schon aus allen Nähten platzte, wurde im Bereich des geplanten Bücherspeichers zusätzlich ein weiterer Benützungsbereich mit Lesesälen vorgesehen.

Planausschnitt Einbau Bücherspeicher unter der Burggarten-Terrasse

Vom Spatenstich zur täglichen Logistik

Der Bau des vom Architekturbüro Melicher, Schwalm-Theiss&Gressenbauer geplanten Speichers startete am 1. März 1988, im Herbst 1990 wurden die Bauarbeiten abgeschlossen, sodass mit der Inneneinrichtung begonnen werden konnte.

Eines der wenigen Farbfotos vom Bau des Bücherspeichers, 1988
Bauarbeiten zum Einbau des Bücherspeichers unter der Terrasse des Burggartens, 21. September 1988
Innenausbau Bücherspeicher, 1992

Trotz wiederholter Aufschübe, Planungsunterbrechungen, Probebohrungen, Bodenuntersuchungen, zuletzt auch noch Änderungen im Finanzierungsmodus, konnte der Speicher nach vier Jahren am 25. Juni 1992 eröffnet werden. Die Kosten für den Einbau, der hinsichtlich seiner Dimension durchaus mit dem Bau einer U-Bahn-Station vergleichbar ist, beliefen sich auf ÖS 300 Mio. Baukosten sowie ÖS 42 Mio. für die Einrichtung (Österreichische Nationalbibliothek Tiefspeicher, Wien 1992).

Die Presse vom 26. Juni 1992 zur Eröffnung des Bücherspeichers „… größte bauliche Erweiterung der Bibliothek seit der Errichtung des barocken Prunksaals im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts.“
Eröffnung des Bücherspeichers 1992 in Anwesenheit von Generaldirektorin Magda Strebl und dem damaligen Wissenschaftsminister Erhard Busek sowie dem damaligen Wirtschaftsminister Wolfgang Schüssel.

Das Areal für die Unterbringung des Büchermagazins liegt am Rande der historischen Altstadt der Wiener Innenstadt und bildet in Verlängerung der Babenbergerstraße eine Achse, die auf den Josefplatz zuläuft. Dieser Bereich liegt fast ausschließlich unter dem Niveau der 12 Meter breiten „Burggartenstraße“, und zwar so, dass die bestehenden Terrassen und Fundamente der Hofburg kaum tangiert werden.

Auch die historische Parkanlage des Burggartens wurde nicht beeinträchtigt und der wertvolle Baumbestand konnte zur Gänze erhalten werden. Die Gesamtlänge des Speichers beträgt knapp 200 Meter, die Breite schwankt zwischen 12 und 36 Meter. Die Tiefe unter Niveau liegt bei ca. 15 Meter und der Grundwasserspiegel des Speichers liegt drei Meter unter der Speichersohle. Die verbaute Fläche umfasst 5.000 Quadratmeter; geschaffen wurde damit eine Nutzfläche für Leseräume und Bücher von 16.300 Quadratmeter.

Blick in die erste Ebene des Bücherspeichers von 1992 – Gelagert werden hier großformatige Bände.

Gemessen wird die Funktion eines Bücherspeichers nicht nur an den konservatorisch optimalen Lagerbedingungen (19 Grad, 45 % Luftfeuchtigkeit) sondern vor allem auch an der Bereitstellungsdauer von Werken für LeserInnen. Nach genauer Definition der Anforderungen wurde für den Transport der Bücher von den unter Tage liegenden Ebenen 2, 3 und 4 zur Buchausgabe im Erdgeschoss der Neuen Burg und zurück das System Telelift ausgewählt.

Telelift Transportanlage im Bücherspeicher

Telelift arbeitet mit elektrisch angetriebenen, selbstfahrenden Förderbehältern mit um 360 Grad drehbarem Spezialaufbau für den Büchertransport, die in einem einseitig halboffenen Aluminiumschienenprofil fahren. Die Tragkraft der Förderbehälter beträgt 10 Kilogramm, die Fahrgeschwindigkeit 0,6 bis 1,2 Meter pro Minute. Um Wartezeiten durch Gegenverkehr zu vermeiden, ist die Fördertrasse durchgehend zweispurig. Die Schienen sind in Gängen und Schächten geführt und teilweise von den Decken abgehängt.

Bücherspeicher und Benützungsbereich

Ein optimales Handling des Aushebe-Workflows konnte erreicht werden, da vor allem Zeitungen und andere großformatige Druckwerke in der obersten Ebene aufgestellt wurden. Dadurch können ohne Höhenüberwindung und auf kurzen Transportwegen den Benutzerinnen und Benutzern die bestellten Medien direkt bei der eigens 1992 ebenfalls neu eingerichteten Buchausgabe für Großformate übergeben werden. Deren Benützung erfolgt bis heute im direkt angrenzenden Großformatelesesaal.

Buchausgabe für Großformate mit Einrichtung aus 1992
Lesesaal für Großformate, ebenfalls im optischen Charme der 1990er-Jahre

Der Bücherspeicher diente seit Anbeginn nicht nur der Lagerung von Büchern, sondern stellte auch eine Erweiterung der Benützungsräume für Leserinnen und Leser dar.

Der gesamte mit dem Magazinseinbau 1992 realisierte „Benützungsbereich Tiefparterre“ wurde 2022, nach 30-jähriger Nutzung (und entsprechender Abnutzung), einer Generalsanierung unterzogen: der Großformatelesesaal, der Recherchebereich und die dazugehörigen Erschließungsflächen wurden neu gestaltet. Zusätzlich wurde ein neues Wissenszentrum mit modernster IT-Infrastruktur etabliert: das Center für Informations- und Medienkompetenz, das ab 18. Oktober für alle Interessierten eröffnet wird. Angeboten werden innovative und gezielte Trainings, die einfach und anhand von Praxisbeispielen vermitteln, wie Wissen schnell und gezielt elektronisch gefunden und seriöse Informationsquellen identifiziert werden können. Dieses Angebot geht weit über einmalige, punktuelle Einweisungen in die Benützung der Bibliothek hinaus: es geht um die Vermittlung von grundlegenden und längerfristig wirksamen Kompetenzen beim Umgang mit Informationen und Medien.

So erhält der Publikumsbereich des nun schon sein 30. Jubiläum feiernden, nach wie vor voll funktionsfähigen Bücherspeichers, nicht nur einen zeitgemäßen technischen und optischen Relaunch, sondern darüber hinaus ein neues Nutzungskonzept als „Teaching Library“.

Zur Eröffnung des Centers für Informations- und Medienkompetenz werden vielfältige Trainings- und Vermittlungsangebote vor Ort, virtuell oder hybrid von 18. bis 20. Oktober 2022 angeboten. Anmeldungen sind ab sofort unter diesem Link möglich.

Unser gesamtes Trainingsprogramm für Erwachsene und Schulklassen bis Jahresende finden Sie hier: Center für Informations- und Medienkompetenz - Österreichische Nationalbibliothek (onb.ac.at).

Wir freuen uns, Sie schon bald in unserem Center für Informations- und Medienkompetenz und dem rundum neugestalteten Benützungsbereich begrüßen zu dürfen!

Zum Autor: Mag. Daniel Skina ist Leiter der Abteilung Bereitstellungsservices und Magazine innerhalb der Hauptabteilung Benützung und Information.

Literatur:

Jaksch, Walter, Edith Fischer, Franz Koller. Österreichischer Bibliotheksbau – Architektur und Funktion II. Band 1945–1985. Wien: Verlag Böhlau, 1986, S. 45.

Theiss, Werner: Eine wissenschaftliche Zentralbibliothek für Wien. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen (Bd. 52), Leipzig 1935, S. 202-204.

Österreichische Nationalbibliothek, Tiefspeicher, Wien 1992.

Achtung
Lesesäle am Heldenplatz und Papyrusmuseum

Aufgrund von Dreharbeiten sind die Lesesäle am Heldenplatz sowie das Papyrusmuseum am Samstag, 2. März, ganztägig geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.

Prunksaal und Augustinerlesesaal

Aufgrund von Dreharbeiten bleibt der Prunksaal vom 27. Februar bis inklusive 12. März 2024 geschlossen.

Der Augustinerlesesaal bleibt von 27. Februar bis inklusive 8. März 2024 geschlossen.
In dieser Zeit sind Aushebungen im Prunksaal nicht möglich. Als Ersatz steht der Studienlesesaal der Sammlung von Handschriften und alten Drucken (Josefsplatz 1 im linken Gebäudeflügel, Handschriftenstiege 2. Stock) zu den regulären Öffnungszeiten zur Verfügung. Wir danken für Ihr Verständnis.