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Die Wunder der Schöpfung und die Merkwürdigkeiten der vorhandenen Dinge

Forschung

22.01.2020
Handschriften und alte Drucke
Menschlicher Stier mit Rock und roten Punkten überall
Von der Kosmographie des islamischen Gelehrten al-Qazwīnī, verfasst um 1270, sind zahlreiche, oft reich illustrierte, Abschriften erhalten. Eine typische persische Bilderhandschrift im Besitz der Österreichischen Nationalbibliothekstellen wir hier vor.

Autorin: Solveigh Rumpf-Dorner

Handschrift, persisch. 297 Blatt, 2 ornamentale Zierseiten, 2 figurale Miniaturen mit ornamentalem Rand, die beiden ersten Textseiten mit Zierrahmen, alle Textseiten mit bunten Rahmenleisten. Über 470 Miniaturen, halbseitig und kleiner.
Einband: Lackeinband mit Klappe, bunte Blumen und Goldranken auf dunklem Grund. 
Dublüre mit Lederfiligranschnitt über mehrfarbigem Papiergrund. 
Ohne Ort. Abschrift vollendet im Monat Šawwāl 984 d. H. (Dezember/Jänner 1576/77 n. Chr.) Schreiber: ʿAlī al-Ḥāfiẓ.
Vorbesitzer: Wacław Seweryn Rzewuski.
ONB-Signatur: Cod. Mixt. 324

Wie ist die Welt entstanden? Was alles umfasst die göttliche Schöpfung? Was schließen wir aus der Beobachtung der Gestirne, was finden wir auf der Erde vor? In allen Kulturen hat man sich mit diesen Fragen beschäftigt, sie zuerst durch Mythen erklärt, und erst nach und nach durch „naturwissenschaftliche“ Beobachtungen und Theorien ersetzt. Die Systeme der antiken griechischen Naturphilosophie wurden in der islamischen wie auch in der christlichen Welt des Mittelalters aufgegriffen und modifiziert. Hier wie dort suchten Gelehrte alles zusammenzuführen, was die Welt und ihren Aufbau beschrieb und erklärte. Kosmologien beschrieben die Erde als Mittelpunkt des Kosmos, umgeben von den Himmelssphären; Kosmographien ergänzten diese Beschreibungen um jene der sichtbaren Welt, mit Informationen zur Geographie und Länderkunde, zum Tier- und Pflanzenreich, zu den Bodenschätzen, zum Menschen.

Ein vielseitiger Gelehrter als Autor

Eine der bekanntesten kosmographischen Enzyklopädien des islamischen „Mittelalters“ ist jene des Abū Yahyā Zakariyā' ibn Muḥammad al-Qazwīnī (gest. 1283). Der persische Gelehrte, dessen Beinamen seine Herkunft aus der Stadt Qazwin verrät, stammte aus einer Familie, die ihre Herkunft auf einen Gefährten des Propheten Mohammed zurückführte, also arabischen Ursprungs war. Den eher spärlichen Informationen zu seiner Biographie kann man entnehmen, dass er im Iran, Mesopotamien und Syrien viel herumkam, an einigen Orten das Richteramt ausübte und als Arzt, Astronom und Geograph bekannt war – einer jener überaus vielseitigen Gelehrten, die Wissen aus unterschiedlichen Sparten in sich vereinten. Sein Weg führte ihn schließlich nach Bagdad. Der Gouverneur der Provinz, der persischstämmige Aṭā-Mulk Ǧuvainī, war selbst Verfasser eines Werks zur „jüngeren Geschichte“, das die Eroberung Persiens durch die Mongolen beschrieb. Er hatte selbst im Gefolge des Mongolenkhan Hülegü die Einnahme und grausame Plünderung Bagdads miterlebt. Ihm widmete Qazwīnī seine Enzyklopädie, die er (vermutlich in den 1260er Jahren) in arabischer Sprache schrieb, der Sprache der Religion und der Wissenschaften.[1]

„ʿAǧāʾib al-maḫlūqāt wa-ġarāʾib al-mauǧūdāt“, so lautet der ursprüngliche Titel des Werks. Auf Deutsch könnte man ihn etwa mit „Die Wunder der Schöpfung und die Merkwürdigkeiten der vorhandenen Dinge“ wiedergeben. Die persische Übersetzung trägt bisweilen den Titel „Tuḥfat al-Ġarāʾib“ (etwa: „Das Kleinod der Merkwürdigkeiten“).[2] Das ist ein wenig missverständlich, da einige andere Werke der sogenannten Wunderliteratur ebenfalls unter diesem Titel bekannt sind.  Der » Cod. Mixt. 324 der Österreichischen Nationalbibliothek ist unbetitelt, doch auf der zweiten Textseite finden wir den Namen des Autors.

Ob im arabischen Original oder in persischer oder türkischer Übersetzung – das Werk fand großen Anklang und wurde für Jahrhunderte ein „Bestseller“. Bücher wie dieses boten sich zudem geradezu an, um mit vielen und auch ausgefallenen Bildern ausgeschmückt zu werden. Das Bilderverbot, das im Koran nicht direkt ausgesprochen wird und auf Interpretationen der islamischen Traditionsliteratur fußte, sollte in erster Linie der Anbetung von Götzenbildern vorbeugen und wurde bzw. wird von verschiedenen islamischen Rechtsgelehrten unterschiedlich ausgelegt. Darstellungen Gottes waren in keinem Fall zulässig, solchen von menschlichen und tierischen Figuren, selbst des Propheten Mohammed (oft mit Gesichtsschleier), begegnet man hingegen oft; ausgenommen davon waren in jedem Fall religiöse Werke. Schöne Literatur, wie zum Beispiel das persische „Königsbuch“ (Šāhnāme) und andere Heldenepen, war hingegen prädestiniert für Illustrationen, bei naturwissenschaftlichen Werken dienten Bilder auch dem Zweck der Identifizierung von Lebewesen, Pflanzen oder Mineralien. Da Illustrationen aber einen nicht unbeträchtlichen Kostenfaktor darstellten, finden sich auch viele unbebilderte Abschriften von Qazwīnīs Kosmographie.[3] Schließlich ging es im Kern nicht um die verschwenderische Ausstattung, sondern um den Informationsgehalt. 

Den Blick für die göttliche Schöpfung schärfen

Wie andere Werke, die das Wort „ʿaǧāʾib“ („wundersame Dinge“) im Titel tragen, wird auch dieses oft in das Genre der „Wunderliteratur“ eingereiht. Diese Zuordnung wird aber relativiert durch das, was Qazwīnī in seinen ausführlichen Erklärungen zum Titel schreibt: „Die Verwunderung (ʿaǧab)  ist eine Ratlosigkeit, die den Menschen ergreift wegen seiner Unfähigkeit, die Ursache von etwas oder die Wirkung der Ursache darin zu erkennen.“[4] Als Beispiel für dieses Erstaunen führt er einen Bienenstock an, den auch wir heute durchaus als ein „Wunder der Natur“ bezeichnen würden. Doch die Fähigkeit, das Wunderbare an einer Sache wahrzunehmen, schwinde mit der Gewöhnung, so Qazwīnī. Sein Ziel ist es, den Blick der LeserInnen für die göttliche Schöpfung wieder zu schärfen. Zwar finden sich in seiner Kosmographie Beschreibungen von Engeln (als Himmelsbewohner) und Dämonen (die in abgelegenen Erdgegenden oder im Meer hausen), von allerlei bizarren Wundertieren und Gestalten der nahöstlichen Sagenwelt; doch diese sind eben Teil des Schöpfungsplans. Und wenn es Menschen gibt, die einen gemeinsamen Unterkörper, aber zwei Oberkörper haben (vgl. Abb. 1: Siamesische Zwillinge), warum dann nicht auch solche, die im Wasser leben?


Abb. 1: Siamesische Zwillinge

Qazwīnīs Werk ist in zwei Teile gegliedert, deren erster (nach antikem Vorbild) die supralunare Welt beschreibt, die neun Himmelssphären. Dazu zählen jene der sieben „Planeten“ (Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn), die achte Sphäre der Fixsterne (Abb. 2: Corona Borealis) und die neunte, die „Sphäre der Sphären“, die alle anderen umschließt. Daran schließen sich die Kapitel über Zeit und Zeitrechnung an und jene über die Engel. Der zweite Teil beschreibt die sublunaren Erscheinungen, die sichtbare, begreifbare Schöpfung: Die Elemente und Wetterphänomene, die Meere und die Erde mit ihren physischen Merkmalen und ihren tierischen und menschlichen Bewohnern, die Mineralien und Pflanzen. Auch die Arbeit des Menschen und menschliche Errungenschaften fanden Eingang in diese Enzyklopädie (vgl. Abb. 3: Nilometer, Wasserstandsmesser für den Nil) ebenso wie menschliche Eigenschaften, Befindlichkeiten und Krankheiten.  


Abb. 2: Corona Borealis


Abb. 3: Nilometer, Wasserstandsmesser für den Nil

Dass die vielen, über Jahrhunderte hinweg entstandenen erhaltenen Abschriften dieses umfassenden Werks oft beträchtliche Textunterschiede (insbes. Kürzungen) aufweisen, überrascht nicht. Noch größer ist die Bandbreite bei den Illustrationen: Während z.B. die Darstellungen des Engels Isrāfīl (Abb. 4) einem typischen Muster folgen – dieser Engel, der zum jüngsten Gericht blasen wird, ist stets mit einer Posaune in der Hand dargestellt –, sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt, wenn verschiedene Arten von Dämonen (Abb. 5) gezeigt werden. Vom Zodiak bis zur Fliege, vom Drachen (Abb. 6) bis zur Roten Rübe (Abb. 7) zeigen uns die (meist anonymen) Maler alle Wunder der Schöpfung.


Abb. 4: Engel Isrāfīl


Abb. 5: Dämon


Abb..6: Drachen


Abb. 7: Rote Rüben

Hinweis: Im Rahmen der Veranstaltungsreihe » Das besondere Objekt kann "Die Wunder der Schöpfung" noch bis zum 8. März im Prunksaal besichtigt werden.

[1] Die mongolische Verwaltung bediente sich des Persischen als Kanzleisprache.

[2] So zum Beispiel Cod. N.F. 155 der ONB.

[3] In der ONB etwa Cod. Mixt. 152b, A. F. 105.

[4] Zitiert nach: Syrinx von Hees, Enzyklopädie als Spiegel des Weltbildes, Wiesbaden 2002. S. 98.

Über die Autorin: Mag. Solveigh Rumpf-Dorner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sammlung von Handschriften und alten Drucken der Österreichischen Nationalbibliothek.

Literatur:

Ferdinand Wüstenfeld [Hrsg.]: Zakarija Ben Muhammed Ben Mahmud el-Cazwini's Kosmographie. Theil 1. Die Wunder der Schöpfung. Aus den Handschriften der Bibliotheken zu Berlin, Gotha, Dresden und Hamburg, Göttingen 1849.

Syrinx von Hees: Enzyklopädie als Spiegel des Weltbildes. Qazwīnīs Wunder der Schöpfung - eine Naturkunde des 13. Jahrhunderts, Wiesbaden 2002.

Al-Qazwînî, Alma Giese [Übers.]: » Die Wunder des Himmels und der Erde, Tübingen 1986.

Gustav Flügel: Die arabischen, persischen und türkischen Handschriften der Kaiserlich-Königlichen Hofbibliothek zu Wien, Bd. 2, Wien 1865. Nr. 1439.

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