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Die Rollgloben des Robert Haardt

Forschung

25.02.2021
Karten
Kleiner Globus mit Holzbasis, rotes Fähnchen am Nordpol

Der Wiener Maschinenbau-Ingenieur und Handelsvertreter Robert Haardt (1884–1962) entwickelte in den 1930er-Jahren einen speziellen Globustyp in drei Varianten. Der sogenannte „Rollglobus mit Erdmesser“, der „Schüler-Rollglobus“ und der „Kugellager-Rollglobus“ werden im Folgenden erstmals ausführlich beschrieben.

Autor: Jan Mokre

Für einen großen Teil der Bevölkerung ist der Begriff Urlaub heute mit dem einer Flugreise verbunden. Vor noch nicht allzu langer Zeit haftete Flügen jedoch etwas Exklusives an, und manchmal wurden den Passagieren beim Betreten der Kabine von der Fluglinie sogar Geschenke überreicht – zum Beispiel ein Rollglobus mit Erdmesser nach dem Patent des österreichischen Ingenieurs Robert Haardt. Mehrere Tausend dieser handlichen und anschaulichen Instrumente erwarb die Scandinavian Airlines (SAS) in den 1950er-Jahren, um sie auf ihren Flügen nach Los Angeles und Tokio an die Passagiere zu verteilen, unter anderem, weil sich mit diesen speziellen Erdgloben die transozeanische Fluglinienführung leicht nachvollziehen ließ. Monitore mit digital animierten Flugrouteninformationen gab es damals ja noch nicht.

Abb.1: Erdglobus (Rollglobus nach dem System von Ing. Robert Haardt), Durchmesser 12 cm, Columbus-Verlag, Berlin und Stuttgart, Anfang 1950er-Jahre. [Werbemittel der Scandinavian Airlines (SAS)]

Robert Haardt (1884–1962)1 studierte an der Technischen Hochschule in Wien Maschinenbau, danach trat er in die Emaillewarenfabrik seines Vaters Adolf Haardt (1847–1907) ein. Sein Interesse galt vor allem dem Export österreichischer Produkte; zu diesem Zweck unternahm er unter anderem mehrere Reisen nach Asien. Zwischen 1913 und 1925 wirkte er als Direktor der „Arihag—Industrie und Handels A.G.“ in Wien2, von 1926 bis 1956 war er (General-)Vertreter, nach 1956 Konsulent der deutschen Firma Philipp Rosenthal & Co. AG.3

1920 veröffentlichte Haardt ein schmales Buch, in welchem er seine Erfahrungen in Bezug auf Fernreisen vermittelte.4

Die erwähnten Überseereisen brachten ihn in Kontakt mit Landkarten und Erdgloben. Auf einem Spaziergang in Küb am Semmering kam er 1935 auf den Gedanken, den längen-, flächen- und winkeltreuen Erdglobus mit einem Messinstrument zum direkten Ablesen von Entfernungen sowie von Bogengrad-Differenzen zu kombinieren.5 Die Globuskugel lagerte er frei beweglich, auf einem Hohlkegelstumpf, dessen kleinerer Durchmesser so berechnet war, dass die durch ihn umschlossene Kreisfläche auf der Globuskugel 10 Millionen Quadratkilometer markierte. Eine dazugehörige, aus transparentem Kunststoff gefertigte Kalotte konnte für Flächenmessungen und –vergleiche verwendet werden. Haardt nannte dieses mehrere Funktionen vereinigende Instrument „Rollglobus mit Erdmesser“ und ließ seine Erfindung in Österreich, Deutschland, England, Frankreich, Italien und in den Vereinigten Staaten von Amerika patentieren.

Abb. 2: „Columbus-Rollglobus mit Erdmesser des Ing. Robert Haardt, Pat. a D.R.G.M.”, Durchmesser 34 cm, Columbus-Verlag, Berlin, um 1936.

Mit dem Berliner Columbus-Verlag fand er einen renommierten Globenhersteller, der die Rollgloben ab 1936 in drei Durchmessern, 20, 26 und 34 cm, produzierte.6 Den verkauften Globen wurde eine von Haardt verfasste Broschüre mit dem Titel „Ermesse die Welt“ beigegeben.7

Abb. 3: Ermesse die Welt… Die Methode des Columbus-Rollglobus mit Erdmesser des Robert Haardt. [Titelblatt der Druckschrift: Robert Haardt: Ermesse die Welt! Die neue Methode vom Columbus-Rollglobus mit Erdmesser (Berlin-Lichterfelde [1935]).]

Französischsprachige Ausgaben fertigte der Pariser Verlag Girard & Barrère in den Durchmessern 25 und 34 cm.

1937 entwickelte Haardt zwei weitere Varianten. Bei den sogenannten Schüler-Rollgloben im Durchmesser von 12 cm lag die Globuskugel frei beweglich auf einem aus Bakelit hergestellten Sockel in Form eines Hohlzylinders, der (oben und unten) Öffnungen unterschiedlichen Durchmessers aufwies. An den Rändern dieser Öffnungen angebrachte Skalen ermöglichten das direkte Messen von Entfernungen (in Kilometern und in englischen Meilen) sowie von Bogengrad-Differenzen auf der Globuskugel. Diese kleinen Globen waren vorrangig als billige Lehrmittel beziehungsweise Werbemittel gedacht.

Abb. 4: „Columbus-Schüler-Rollglobus mit Erdmesser des Ing. Robert Haardt D.R.P.“, Durchmesser 12 cm, Columbus-Verlag, Berlin und Stuttgart, Anfang 1950er-Jahre. Ein Exemplar als Werbemittel für die Scandinavian Airlines (SAS) gestaltet.

Die andere Variante sah vor, dass der Globus auf einem Kugellager frei bewegt werden konnte. Von dieser Konstruktion sind zwei Ausführungen bekannt. Bei der ersten lagerte die Globuskugel auf einem Kugellager, welches in eine Bodenplatte aus Holz eingesetzt worden war. Ein auf vier stehenden Metallbolzen befestigter, aus Kunststoff gefertigter Äquatorialkreis, in den drei Skalen eingraviert worden waren, ermöglichte das Messen von Entfernungen (in Kilometern und in englischen Meilen) sowie von Bogengrad-Differenzen auf der 34 cm-Globuskugel.

Bei der zweiten Ausführung erfolgte die Lagerung der Globuskugel auf einem in ein traditionelles Globusgestell montierten Kugellager. Hier diente der Horizontring als Messinstrument. Dieser Typ wurde vom Columbus-Verlag ab 1938 mit Erdgloben im Durchmesser von 51 cm produziert.

Abb. 5: „Columbus-Kugellager-Rollglobus mit Haardt-Erdmesser D.R.P.“, Durchmesser 51 cm, Columbus-Verlag, Berlin, um 1940.

Die bewegliche Lagerung auf Kugeln bewährte sich übrigens nicht, da der direkte Kontakt der aus lackiertem Papier bestehenden Globusoberflächen mit den Metallkugeln einen starken Abrieb – also Beschädigungen – hervorrief. Daher wurden die Rollgloben später in halbkreisförmig ausgeschnittenen, gekreuzt montierten und mit Skalen versehenen Holzelementen gelagert, deren der Globuskugel zugewandten Oberflächen mit Filz beklebt waren. Diese als „Wiegenglobus“ bezeichnete Konstruktion war besonders in den Vereinigten Staaten von Amerika – dort cradle globes genannt – verbreitet.8

Abb. 6: „Columbus-Erdglobus“, Durchmesser 26 cm, Columbus-Verlag, Berlin und Stuttgart, 1958. [Wiegenglobus]

In den 1950er-Jahren fertigte der Columbus-Verlag (nun in Beutelsbach bei Stuttgart) Neuauflagen der Rollgloben in Durchmessern von 20, 26, 34 und 51 cm, als Wiegengloben – montiert auf dem sogenannten Kreuzfuß –, sowie des Schüler-Rollglobus im Durchmesser von 12 cm auf dem ringförmigen Sockel aus Bakelit. In diesem Durchmesser und mit derselben Lagerung wurden in den 1950er-Jahren auch Himmelsgloben hergestellt.

In den frühen 1960er-Jahren lief die Produktion der Rollgloben beim Columbus-Verlag aus. Obwohl in hohen Auflagen produziert, sind Rollgloben mit dem Erdmesser von Robert Haardt heute selten und trotz des durchaus vorhandenen Interesses von Sammlern kaum noch erhältlich.

Das Globenmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek präsentiert Robert Haardts Erfindung im Rahmen des Themenbereichs „Besondere Globustypen“. Ausgestellt sind ein Exemplar des Schüler-Rollglobus auf dem Bakelit-Erdmesser9, das Gegenstück als Himmelsglobus10 sowie der Prototyp des Kugellagerglobus, den Robert Haardt 1937 unter Verwendung einer handelsüblichen Globuskugel fertigen ließ. Dieser weist im Gegensatz zu dem schließlich vom Columbus-Verlag hergestellten Produkt als Messinstrument einen halbkreisförmigen Metallblechstreifen mit eingravierter Skala auf.11

Abb. 7: „Erster Kugellager Rollglobus mit Haardt-Erdmesser 1937“, Durchmesser 21 cm, Wien, 1937.

Über den Autor: Herr Mag. Jan Mokre ist Direktor der Kartensammlung und, des Globenmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek.

Fußnoten:

1 Ernst Bernleithner: Das Lebenswerk von Dipl.-Ing. Robert Haardt. In: Der Globusfreund 15/16 (1967) 123-124.

2 Diese Firma war Generalvertreter der deutschen Porzellanfabrik Philipp Rosenthal & Co. AG.

3 Diese Firma fertigte nicht nur das bekannte Porzellangeschirr, sondern auch Industrieporzellan, zum Beispiel Isolatoren für die Elektroindustrie. Nach der Ausgliederung der Rosenthal-Isolatoren-GmbH, 1939, war Haardt für diese Firma tätig.

4 Robert Haardt: Zur Technik des Reisens (Wien 1920).

5 Robert Haardt: Gedanken um den Globus und ihre Realisierung. In: Der Globusfreund 11 (1962) 160-168, S. 160.

6 Zum Columbus-Verlag siehe zuletzt: René Lehmann: Erde, Sonne, Mond und Sterne. Berliner Globenhersteller 1790-1970 (Berlin 2010), S. 80-97.

7 Robert Haardt: Ermesse die Welt! Die neue Methode vom Columbus-Rollglobus mit Erdmesser (Berlin-Lichterfelde [1935]).

8 Carolyn Burrell: Rollgloben (cradle globes) in den USA: Ein kurzer Überblick. In: Der Globusfreund. Wissenschaftliche Zeitschrift für Globenkunde 51/52 (2005) 113-131.

9 „Columbus-Schüler Rollglobus mit Erdmesser des Ing. Robert Haardt“ (Berlin und Stuttgart, um 1955), Durchmesser: 12 cm. Signatur: ÖNB/KAR Gl. 72.

10 „Columbus-Himmels-Roll-Globus (…) mit Haardt-Messring“ (Berlin und Stuttgart, um 1955), Durchmesser: 12 cm. Signatur: ÖNB/KAR Gl. 73.

11 „Erster Kugellager Rollglobus mit Haardt-Erdmesser 1937“, Durchmesser 21 cm, auf einer achteckigen Holzplatte mit integriertem Kugellager montiert. Signatur: ÖNB/KAR Gl. 56.