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Die Österreichische Exilpresse in ANNO

Forschung

06.08.2020
Handschriften und alte Drucke
Rot-weiß-rotes Buchcover
Im digitalen Zeitungsportal ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek sind ab sofort auch 28 österreichische Exilzeitungen und -zeitschriften aus der Zeit zwischen 1938 und 1945 zugänglich.

Autor: Hans Petschar

Unmittelbar mit dem „Anschluss“ an Deutschland im März 1938 wurden Presse, Rundfunk und Wochenschauen zu den wichtigsten Propagandainstrumenten zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich. Im Juni 1938 trat das „Schriftleitergesetz“ von 1933 per Verordnung in Kraft. Bereits vorher hatten viele österreichische Journalistinnen und Journalisten ihren Beruf verloren, mussten flüchten oder wurden inhaftiert und in Konzentrationslager gesperrt.

Die Zeitungen wurden arisiert und gleichgeschaltet, sämtliche Publikationen der NS-Doktrin unterworfen und durch ein System von schriftlichen Anweisungen kontrolliert und dirigiert.

Gegenpol zur gleichgeschalteten Presse der NS-Zeit

Ein Gegengewicht zur NS-Propaganda zwischen 1938 und 1945 schuf einzig die Exilpresse. Bereits 1933 mussten österreichische Sozialdemokraten und Kommunisten nach dem Verbot der Parteien durch das Dollfuß-Regime aus Österreich fliehen. Die Sozialdemokraten publizierten ihre Zeitungen und Zeitschriften, allen voran die inzwischen illegale „Arbeiterzeitung“, in verschiedenen kleinen Druckereien in der Tschechoslowakei, später in Frankreich, London, New York und Lateinamerika.

Etwa 450 Zeitschriften sind zwischen 1933 und 1945 von deutschen und österreichischen Emigranten in ihren Zufluchtsländern publiziert worden. Der Anteil der österreichischen Presse ist dabei nicht immer einfach zu identifizieren.

Als Gegenpol zur gleichgeschalteten Presse der NS-Zeit der Jahre 1938 bis 1945 hat die Österreichische Nationalbibliothek nun 28 österreichische Exilzeitungen und Zeitschriften digitalisiert und in ihrem Zeitungsportal ANNO publiziert.

Es sind unerschöpfliche Quelle zur österreichischen Zeitgeschichte, zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, aber auch zu den Nöten und Kämpfen der untereinander zersplitterten und einander mistrauenden und feindseligen gegenübertretenden Gruppen der österreichischen Emigrantinnen und Emigranten.

In Paris erscheinen für eine kurze Zeit die „Nouvelles d‘ Autriche“. Die Ausgabe vom Juni 1939 bringt einen berührenden Nachruf zum Tod von Joseph Roth, der im Mai 1939  verstorben ist.

In London gab eine Gruppe von nach Großbritannien emigrierten sozialdemokratischen EmigrantInnen seit 1940 die „London Information“ heraus und wunderte sich über die politische Inaktivität der Genossen in den USA.

In New York gründete Anfang 1939 der Soziologe Ernst Karl Winter das Austrian American Center als erste österreichische Exilorganisation in den USA.
Winter war sofort nach dem Anschluss 1938 auf Anraten Hans Kelsens in die Schweiz geflüchtet. Seine Familie folgte wenige Tage später. Über die Schweiz, Frankreich und Großbritannien erreichte die Familie im Oktober 1938 die USA.

Das Austrian American Center war im Jänner 1939 als überparteiliche Plattform gegründet worden. Da der Gründer Ernst Karl Winter sich ausdrücklich weigerte, Kommunisten auszuschließen, traten nach kurzer Zeit die Legitimisten aus und gründeten die „Austrian-American League“, die von Februar 1940 bis Anfang 1941 die „Mitteilungen der Austrian-American League“ und von April bis Dezember 1941 die Zeitung „Austria“ herausgab. 

Im Dezember 1940 wurde mit der Unterstützung Otto Habsburgs von Hans Rott das „Free Austrian Movement“ in Toronto gegründet, das 1941 nach Chicago und Anfang 1942 nach New York übersiedelte. In offiziellen Aufrufen trat das „Free Austrian Movement“ für die Befreiung und Wiederherstellung Österreichs ein. Der politisch gut vernetze Otto Habsburg trat für die Errichtung eines „Austrian Battalion“ in der U.S. Army ein, ein Unterfangen, das von den nach New York emigrierten Sozialdemokraten, die sich im Austrian Labor Committee organisierten, vehement bekämpft wurde.

Das Austrian Labor Committee wandte sich entschieden gegen eine österreichische Exilregierung und führte Kampagnen gegen die Legitimisten um Otto Habsburg, agitierte aber auch gegen andere sozialistische Exilgruppen wie die „Assembly for a Democratic Austrian Republic“, die für eine Zusammenarbeit mit anderen Exilgruppen eintraten.
Diese Gruppe gab ihre eigene Zeitschrift heraus, die „Freiheit für Österreich“, die 1943 zur „Austro American Tribune“ wurde.

„Anti Hitler Magazine“

Die Sozialdemokraten des Austrian Labor Committee publizieren für ihre eigenen Leute die „Austrian Labor Information“ auf Deutsch und für die amerikanische Öffentlichkeit die „Austrian Labor News“ auf Englisch. „Anti Hitler Magazine“ steht auf dem Titelblatt der ersten Ausgabe, die ausgerechnet am 20. April 1942, Hitlers 53. Geburtstag, erscheint. Friedrich Adler, der Ende Oktober 1940 mit seiner Frau Kathia in New York angekommen war, bestimmte wesentlich die Blattlinie der vom „Austrian Labor Committee“ herausgegebene Monatsschrift von 1942 an bis zur Erklärung der Moskauer Deklaration durch die Alliierten am 30 Oktober 1943. Adler lehnte im Unterschied zu den meisten Emigranten eine vorbehaltlose Unterstützung der Moskauer Deklaration vehement ab. In der Novemberausgabe von 1943 begrüßte das „Austrian Labor Committee“ in einer Erklärung die Beschlüsse der Moskauer Konferenz als „einen wichtigen Schritt zur Befreiung Österreichs von der Nazi-Herrschaft“. 

In der selben Nummer formulierte Friedrich Adler noch einmal in einem  Essai mit dem Titel „Die Legende vom glücklichen Österreich“ seine Sicht der Dinge unter Rückbezug auf den Vertrag von St. Germain, der Österreich in die Isolation geführt und das Selbstbestimmungsrecht der Völker und damit einen friedlichen Anschluss an Deutschland verwehrt hätte. „Die Kompromittierung es Anschlusses an Deutschland gehört zu Hitlers Verbrechen.“

Für den überzeugten Internationalisten Friedrich Adler, der sich vorbehaltlos zur „deutschen Kulturgemeinschaft“ bekannte und für den im November 1943 „zu den Legenden, die um Österreich gesponnen werden, auch die kindische Farce von der ‚österreichischen Nation“ gehört“, war die Zustimmung der Austrian Labor Mitglieder zur Moskauer Deklaration und den damit verbundenen Konsequenzen zur Errichtung eines selbstständigen Österreich und zu einer Trennung von Deutschland ein schwerer Schlag, der letztlich zu seinem Rückzug aus dem Austrian Labor Committee führte.

Etwa 200.000 Österreicherinnen und Österreicher wurden zwischen 1934 und 1945 aus Österreich vertrieben, allein zwischen 1938 und 1941 130.000 bis 150.000, ein Großteil davon waren jüdischer Herkunft.

Ihre Veröffentlichungen sind lebendige Zeugnisse der österreichischen Zeitgeschichte und Zeugnisse des Ringens um ein individuelles, politisches und historisches Selbstverständnis der österreichischen Emigrantinnen und Emigranten.


Über den Autor: Dr. Hans Petschar ist Direktor von Bildarchiv und Grafiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.


Literatur:

Hausjell, Fritz. Österreichischer Journalismus Im Exil 1933/34 – 1945. Wien: Kumulative Habilitationschrift  2002. 2 Bde.

Held, Susanne. Österreichischer Journalismus Im US-amerikanischen Exil : Exilzeitschriften-Bibliographie, Journalist(inn)en-Biographien Sowie Anmerkungen Zu Den Erfahrungen Und Lebensbedingungen österreichischer Exiljournalist(inn)en in Den USA ; (1936 Bis 1948). Wien: Diplomarbeit 1991.

Link, Benjamin. Die österreichische Emigrantenpresse in Den Subkulturen Von New York City 1942 Bis 1948 : (Inhalts- Und Strukturanalyse Der Anpassungsleistung Und Des Politischen Inhalts). Salzburg: Diss.  1972.

Lughofer, Johann Georg. Austria Libre : Die Exilzeitschrift Der Antifaschistischen Österreicher in Mexiko. Wien: Diplomarbeit 2000.

Putschögl, Martin. Gegen Hitler Und Habsburg : Die in New York Erschienene österreichische Exilzeitschrift "Austrian Labor Information" 1942-1945; Eine Monographie. Wien: Diplomarbeit 2005.

Türk, Dietmar. Österreichische Exilpublizistik in Großbritannien 1939 bis 1946 : Der "Zeitspiegel" ; Möglichkeiten Und Grenzen Rezipientenorientierter Ansätze in Der Exilforschung. Wien, Diss. 1993.

Waldhör, Jana. Zeitspiegel : Eine Stimme Des österreichischen Exils in Großbritannien 1939-1946. Wien, Hamburg: New Academic Press 2019.


Zitierte Quellen:

ANNO: » anno.onb.ac.at

 

» Nouvelles d'Autriche. Österreichische Nachrichten.

1939

Erscheinungsort
Paris (Lutetia, Lutecia, Parisia)

Verlag
Verlag des Mädchen-Lyzeums Liste

Impressum-Details
Druck von Karl Fischer (vorm. Ferd. Ullrich & Sohn)

 

» London Information of the Austrian Socialists in Great Britain

1940-1946

Erscheinungsweise
zweimal im Monat

Erscheinungsort
London

Verlag
Austrian Socialists in Great Britain. Später unter der Name: London Bureau of the Austrian Socialists

Redaktion
Johann Korbuly

Impressum-Details
Gründer und Herausgeber: Johann Korbuly

Hinweis
Paralleltitel: London-Information der österreichischen Sozialisten in England

 

» Austria

1941

Erscheinungsweise
unregelmäßig

Erscheinungsort
New York

Verlag
The Austrian-American League

Redaktion
Robert Haas

 

» Austrian Labor Information

1942-1945

Erscheinungsort
New York


Liste der Exilzeitungen und Zeitschriften in ANNO:

(gleiche Titel mit geändertem Erscheinungsort zusammengefasst)

» anno.onb.ac.at/them_einstieg.htm

  • Arbeiter Zeitung (Wien, Paris, Brünn)
  • Austria
  • Austria Libre (Montevideo)
  • Austria. A paper of conservative-democratic opinion
  • Austrian Democratic Review / Österreichische Rundschau
  • Austrian Labor Information
  • Der Sozialist. Mitteilungsblatt der Landsmannschaft Österreichischer Sozialisten in der Schweiz
  • Die Nation
  • Die Österreichische Post = Courrier Autrichien
  • Donau-Echo <Toronto>
  • Donau-Echo = Echo du Danube = Danubian-Echo
  • Frei Österreich
  • Freies Österreich
  • Freiheit für Österreich
  • Jugend im Kampf / The Young Austro American
  • London Information of the Austrian Socialists in Great Britain
  • News of Austria
  • Nouvelles d'Autriche. Österreichische Nachrichten
  • Österreichische Nachrichten. Organ der Frei-österreichischen Bewegung in der Schweiz
  • Österreichische Zeitung: ÖZ
  • Österrikiska Informationer / Österreichische Information
  • Revue de la presse internationale
  • The Austrian Republic
  • Young Austria
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