Selbstgewählte Isolation

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08.04.2020
Geschichte in Geschichten
Die letzte, bewohnte Einsiedelei Österreichs steht derzeit leer und sucht eine/n neue/n EinsiedlerIn, wie einige Zeitungen im Februar » berichteten. Sie liegt in Saalfelden bei Salzburg und wurde im 17. Jahrhundert erbaut. Als die Stelle 2017 ausgeschrieben wurde, erregte das internationale Aufmerksamkeit (Bericht aus den » Salzburger Nachrichten 21.01.2017). Nachdem der damals gefundene Eremit nun sein Amt niederlegt hat und die Stelle dieses Jahr erneut inseriert wurde, waren die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie noch nicht abzusehen.

Autor: Franz Halas


Abb.1: » Einsiedelei in Saalfelden, um 1936

Eremitentum und Einsiedelei


Abb. 2: » Lesender Eremit in römischer Ruine, 1821

Die Vorstellung von einem Leben in der freiwilligen Isolation war zu diesem Zeitpunkt für die Mehrheit der Menschen sicherlich nicht mehr als eine romantische Fantasie, die man weitab des eigenen Lebens verortete. Mag ein Vergleich mit der Situation aufgrund des Imperativs zum Social / Physical Distancing heute naheliegender erscheinen, so muss doch festgehalten werden, dass das selbstgewählte Eremitentum wenig mit den derzeit verordneten Einschränkungen gemein hat.


Abb. 3: » De vita solitaria, das ist: Von dem Einsiedler-Leben, wie es nach Gottes Wort, und der alten heiligen Einsiedler Leben anzustellen sey [um 1762]

Das Leben in der Abgeschiedenheit ist seit den Anfängen vor allem eine religiöse Lebensform und fußt auf einer freiwilligen Entscheidung zur Entsagung des Weltlichen. In einer umfangreichen Handreichung aus dem 18. Jahrhundert werden die Einsiedler dabei in zwei Kategorien geteilt:

„Ein Theil sind dem Leibe nach Einsiedler, die anderen aber mit dem Gemüth und Vorsatz, und diese letztere sind den anderen vorzuziehen.“ (S. » 15)

Was das heißt, erfährt man drei Seiten weiter:

„[…] daß nicht allein Einsiedler seyn, welche in Wüsteneyen und Einöden wohnen, sondern auch diejenigen, welche in einer Stadt mitten unter den Leuten sich aufhalten, aber die Welt gar nicht achten, ihr Gemüthe von den Welt-Kindern absondern; Doch nur die Laster, nicht die Leute fliehen.“ (S. » 18)


Abb. 4: » Österreichs einziger Eremit, Saalfelden

Als Eremit ist es also gar nicht unbedingt notwendig, sich in physische Isolation zu begeben, um dem Ideal „nach Gottes Wort“ zu entsprechen. Folglich mag es auch kein Problem für die Eremiten der Einsiedelei Saalfelden sein, dass ihr Wohnort und die dortige Kapelle ein beliebtes Ziel für Wanderungen sind. Die Tageszeitung „Der Standard“ betrachtet sogar den Einsiedler selbst als die Touristenattraktion (» 18.02.2020), die BesucherInnen anzieht.


Abb. 5: » Umgebung Palfenkapelle St. Georg und Einsiedelei

Der Ort ist zudem attraktiv, da er ohne große Anstrengungen zu erreichen ist und einen schönen Ausblick verspricht, wie das Landesverkehrsamt in Salzburg schon früher hervorhob:

„Die Einsiedelei […] ist in einer reizenden Wanderung, die auch an dem historisch bedeutsamen Schlosse Lichtenberg vorbeiführt, von Saalfelden in einer Stunde mühelos zu erreichen. Vom Vorgärtchen der Einsiedelei aus eröffnet sich dem Besucher ein wunderbarer Blick gegen den Zeller See, die Hohen Tauern, die Pinzgauer Schieferalpen, das Leoganger Tal und macht es verständlich, warum die Einsiedler gerade hier ihre einsame Klause bauten. Und wahrlich: angeregt durch die Schönheit der Landschaft ringsumher hat wohl auch der Besucher einen Augenblick teil an dem Gefühl, das die Einsamen bewegt haben mag, ihr Leben hier oben zu verbringen.“ (Salzburger Volksblatt, 12.02.1938, » S. 5)


Abb. 6: » Blick von der Peter Wichental Hütte auf den Mitterpinzgau von Saalfelden bis zum Zeller See (von Nordnordosten), undat.


Abb. 7: » Saalfelden, um 1915 

Wir hoffen, dass die Einsiedelei in Saalfelden bald wieder uneingeschränkt zugänglich ist und freuen uns darauf, den neuen Eremiten dort zu treffen oder einfach nur die Schönheit der Natur im Pinzgau zu genießen.

Solange viele von uns allerdings noch zu Hause bleiben müssen, sei auf ein Genre der Literatur verwiesen, das thematisch in dieselbe Richtung weist, aber doch mehr vom Weltlichen handelt:

Die Robinsonade


Abb. 8: » Aus: Daniel Defoe, Robinson Crusoe, 1720 

Im Gegensatz zum Eremitentum erfolgt die soziale Isolation hier meist unfreiwillig, z.B. durch Schiffbruch, wie im gattungsbildenden Roman „Robinson Crusoe“. Es folgt dann aber in der Regel eine Zeit der Entdeckungen, die voll von Abenteuern ist und letztendlich die Rückkehr in die Welt der Mitmenschen schildert. Auch das ein Kontrast zur Vorstellung vom stillen Leben der gottesfürchtigen Einsiedler, die ganz bewusst der Welt entsagen. Für all jene, die sich bis zur Wanderung zur Einsiedelei in Saalfelden lesend oder vorlesend die Zeit vertreiben wollen, und dabei auch noch das eine oder andere Abenteuer erleben möchten – und seien sie auch nur geistiger Natur – empfehlen wir einen Blick in unsere digitalen Bestände:

Zum Nach- und Neu-Lesen

Das Original:

„Das Leben und die seltsamen überraschenden Abenteuer des » Robinson Crusoe aus York, Seemann, der 28 Jahre allein auf einer unbewohnten Insel an der Küste von Amerika lebte, in der Nähe der Mündung des großen Flusses Oroonoque; durch einen Schiffbruch an Land gespült, bei dem alle außer ihm ums Leben kamen. Mit einer Aufzeichnung, wie er endlich seltsam durch Piraten befreit wurde. Geschrieben von ihm selbst.“

Zum Entdecken:

» Georg Treumuth, der österreichische Robinson: Ein Volksbuch zur nützlichen Unterhaltung und zur Erweckung guter Gesinnungen ; auch zu Prämien für die fleißige und wohlgesittete Jugend

Diverse » Robinsonaden sowie Fachliteratur dazu finden Sie auch online über das » Datenbank Infosystem und nach Wiederöffnung der Bibliothek über unseren Katalog » QuickSearch.

Über den Autor: Franz Halas ist Mitarbeiter der Abteilung Kundenservices, Leserberatung und Schulungsmanagement innerhalb der Hauptabteilung Benützung und Information.

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