Rezension: Bibliothekarinnen in und aus Österreich

Forschung

30.08.2021
Frau und Gender
Buchcover mit schwarz-weißem Foto von Frau in Bücherei, lila Rand

Der Sammelband „Bibliothekarinnen in und aus Österreich“ ist in zwei Teile gegliedert. Zunächst beschäftigen sich die AutorInnen in 21 Artikeln mit der beruflichen Gleichstellung von Frauen im Bibliothekswesen. Der zweite Teil besteht aus einem biographischen Lexikon mit über 180 Einträgen zu österreichischen Bibliothekarinnen. So lassen sich die im ersten Teil erarbeiteten strukturellen Bedingungen anhand individueller Berufsbiografien nachvollziehen.

Rezension von Hannah Hieber

Bibliothekarinnen in und aus Österreich. Der Weg zur beruflichen Gleichstellung / Ilse Korotin und Edith Stumpf-Fischer (Hg.), 2019.

„Bibliotheksgeschichte stellte sich lange Zeit als eine Geschichte von Männern – meist Leitern großer Bibliotheken –  dar“, so die Herausgeberinnen Ilse Korotin und Edith Stumpf-Fischer und keine Frage, dass sie diesem Missstand mit ihrem Sammelband begegnen möchten. Bereits 1998 riefen die beiden das Projekt „biografiA. Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen“ in die Welt. Mit ihrem Sammelband zu österreichischen Bibliothekarinnen nehmen Korotin und Stumpf-Fischer diesmal das Feld der Bibliotheksgeschichte in den Blick.

Im ersten Teil des Sammelbandes haben sie Beiträge namhafter Persönlichkeiten aus der österreichischen Bibliotheks- und Forschungslandschaft versammelt, die sich mit dem „langen und hindernisreichen Weg zur beruflichen Gleichstellung“ von Bibliothekarinnen in Österreich beschäftigen. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt eine umfassende Darstellung der Erwerbsarbeit von Frauen in den einzelnen Bibliothekstypen (z.B. Universitäts-, Museums, Stadt- und Landesbibliotheken, Bibliothek der Arbeiterkammer in Wien).

So vielfältig diese Bibliotheken sein mögen, so ähnlich scheinen die Bedingungen für Bibliothekarinnen: Zunächst vom Berufsstand ausgeschlossen, erarbeiten sich Frauen mit der Zeit ein neues Berufsfeld. Zu Beginn waren sie Hilfskräfte, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlangen sie höhere Positionen, bis sie in den letzten Jahrzehnten auch in Führungspositionen vorrücken. Diese Entwicklungen stehen auch im Zusammenhang mit Veränderungen im Ausbildungswesen, denen ein eigener Artikel gewidmet ist. Bildungspolitische Reformen und Zugang zum Arbeitsmarkt sind ohne die Forderungen einer Interessensvertretung nicht denkbar, weshalb sich ein eigener Artikel mit Frauen in der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare (VÖB) beschäftigt.

Neben der detailreichen Dokumentation der einzelnen Bibliothekstypen bietet der Sammelband aber auch eine epochenübergreifende Perspektive: Angefangen mit dem Amt der Bibliothekarin in mittelalterlichen Frauenklöstern, über weibliche Bibliothekstätigkeit um 1900, bis hin zur EDV-Anwendung in modernen Bibliotheken versammelt der Band ein breites Spektrum an Artikeln zur Bibliotheksgeschichte aus frauen- und genderspezifischer Perspektive. Dabei wird auch das Kapitel des Nationalsozialismus nicht ausgespart, eine Zeit, in der zahlreichen verfolgten Bibliothekarinnen ihre Posten weggenommen wurden und sie durch NS-Mitglieder im Bibliothekswesen ersetzt wurden. Ein eigener Artikel zeigt auf, welch wichtige Bedeutung der Beruf Bibliothekarin im Exil hatte, da er einen raschen Einstieg in den Arbeitsmarkt erlaubte.

Abgerundet wird der Aufsatzteil des Bandes mit einem Artikel zu Stereotypen über Bibliothekarinnen in Literatur und Film. An zahlreichen Beispielen wird hier aufgezeigt, wie gesellschaftlich-strukturelle Bedingungen sich in Literatur und Film wiederspiegeln. Lange Zeit sind in deutschsprachigen Medien schlicht keine Bibliothekarinnen sichtbar, später tauchen sie dann langsam als Reinigungspersonal auf. Das Klischee der Bibliothekarin ist das einer reizbaren, unverheirateten Frau, die über Bücher wacht und dadurch ihre vermeintliche Nicht-Erfüllung als Ehefrau und Mutter kompensiert. Dabei wird vollkommen unberücksichtigt gelassen, dass die Beschäftigung in Bibliotheken lange Zeit nur unverheirateten Frauen offenstand. Eine Frau schied mit der Heirat automatisch aus dem Staats- und daher auch dem Bibliotheksdienst aus. Dass Frauen mittlerweile in sämtlichen Bereichen der Bibliotheksarbeit zu finden sind, zeigt sich auch an immer differenzierteren Darstellungen von Bibliothekarinnen in zeitgenössischer Literatur.

Der zweite Teil des Sammelbandes besteht aus einem biographischen Lexikon mit über 180 Einträgen zu österreichischen Bibliothekarinnen. Die in den Artikeln des ersten Teils erarbeiteten strukturellen Bedingungen lassen sich hier anhand individueller Lebensläufe nachvollziehen. Neben umfassenden Archivrecherchen haben die AutorInnen auch zahlreiche Interviews geführt, sodass Bibliothekarinnen vom 12. Jahrhundert bis heute verzeichnet sind. Die Einträge enthalten Informationen zu Name, Beruf, Lebensdaten und -orten sowie in einigen Biografien auch Fotografien. Gegliedert sind die Einträge nach Herkunft, Verwandtschaften, LebenspartnerInnen und Kindern, Ausbildungen, Laufbahn, Quellen, Werken und Literatur. Für eine Reihe von Einträgen konnten nicht alle Informationen recherchiert werden, andere Einträge fallen – je nach Quellenlage – üppig aus. Zur leichteren Orientierung innerhalb der Texte wäre es wünschenswert, wenn die Kategorien optisch hervorgehoben wären und das Personenverzeichnis Seitenzahlen und Lebensdaten enthalten würde.

Besonders positiv hervorzuheben ist, dass die biographischen Lexikoneinträge auch online frei zugänglich sind. In der Datenbank biografiA sind diese in einem speziellen Modul für Bibliothekarinnen angelegt und somit auch für diejenigen abrufbar, die den Sammelband gerade nicht zur Hand haben.

Abschließend lässt sich festhalten: Der Sammelband „Bibliothekarinnen in und aus Österreich“ stellt ein Monumentalwerk im Bereich der gendersensiblen Bibliotheksgeschichtsforschung dar und ist in seiner Vielfältigkeit einzigartig im deutschsprachigen Raum. Ein Must Read und Nachschlagewerk für alle, die daran interessiert sind, dass bibliothekarische Frauenerwerbsarbeit ihren Eingang in Geschichts- und Geschlechterforschung findet und ein großer Beitrag gegen das Vergessen österreichischer Bibliothekarinnen und ihrer Arbeit.

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