„… ein klein bisschen Tischwein …“*

Forschung

08.08.2019
Ausstellungen, Papyri und antike Schriftstücke
Ausstellungssujet "In vino veritas"
Das Papyrusmuseum steht derzeit ganz im Zeichen antiken Weins. Noch bis 12. Jänner 2020 präsentiert die aktuelle Sonderausstellung „In vino veritas. Wein im alten Ägypten“ 75 ausgewählte Exponate zu diesem Thema, vom Anbau bis zum Konsum. Die Schau spannt den Bogen vom alten Ägypten bis in die arabische Zeit und deckt damit rund 2000 Jahre ägyptischer Weingeschichte ab.

Autorin: Angelika Zdiarsky

Obwohl wilder Wein (vitis vinifera sylvestris) in Ägypten keine einheimische Pflanze ist, hat der edle Rebensaft im Land am Nil eine lange Tradition. Er wurde in Ägypten bereits getrunken, bevor die berühmten Pyramiden von Giza errichtet wurden. Zunächst wohl als Importware aus dem vorderasiatischen Raum sind Weintrauben und Wein seit prädynastischer Zeit in Ägypten bekannt. Beeindruckendes Beispiel dafür ist das Grab von König Skorpion I. (ca. 3150 v. Chr.), in dem sich hochgerechnet 4.500 Liter solchen Importweins fanden. [1] Spätestens in der 1. Dynastie (ab ca. 3000 v. Chr.) wurden Weinstöcke in Ägypten kultiviert und es begann die eigenständige Weinproduktion vor Ort. Wein ist im alten Ägypten eher als Luxusgetränk anzusehen, das vornehmlich vom Pharao, der königlichen Familie und der sozialen Oberschicht Ägyptens konsumiert wurde. Darüber hinaus war er auch eine beliebte Opfergabe an die Götter. Angehörige niedrigerer sozialer Schichten kamen mit Wein bei religiösen Festen oder in Form von Bonuszahlungen in Berührung. Vor allem seiner Bedeutung im Totenkult verdanken wir heute viel Wissen über altägyptischen Wein. Seine Spuren finden sich in archäologischen Funden, schriftlichen Quellen und Darstellungen von Weinanbau und -produktion in Gräbern. Natürlich ist die Dokumentation nicht lückenlos, aber so manche Quelle entführt uns in einen altägyptischen Alltag, den man sich auch heute noch lebhaft vorstellen kann. So wie die Darstellung im Grab des Intef (TT 155, 18. Dynastie, ca. 1539–1292 Chr.) [2], die mehrere Männer beim Transport voller Weingefäße zu einem Magazin zeigt:

Der Aufseher auf der linken Seite – deutlich besser gekleidet als seine Leute – treibt die Träger zur Eile an. Er befürchtet nämlich einen Sonnenbrand zu bekommen. Einer der Träger erlaubt sich den Hinweis, dass die Last durchaus schwer sei. Der vorderste Träger hat in der Zwischenzeit sein Weingefäß abgestellt und klopft an die Tür des Weinmagazins. Diese bleibt jedoch verschlossen und so wendet er sich an den Träger hinter sich mit der Vermutung, dass der Wächter wohl schlafe. Der Angesprochene kontert, dass der Wächter eher vom Wein trunken sei. Nun protestiert der (eindeutig dösend dargestellte) Wächter im Inneren des Magazins entrüstet, dass er natürlich nicht schlafen würde.

Das Treffen zweier Weinkulturen

Wein kann zurecht als Bestandteil der altägyptischen Kultur angesprochen werden. Er war ebenso als Genuss- wie als Rauschmittel oder als Zutat medizinischer Rezepturen bekannt. Auch die negativen Auswirkungen von übermäßigem Weinkonsum waren den alten Ägyptern nicht fremd. Die Bedeutung des Weins ändert sich im Laufe der Geschichte. Durch die Hellenisierung Ägyptens in Folge der Eroberung durch Alexander den Großen (332/331 v. Chr.) etablierte sich Wein zusehends in weiten Kreisen der Bevölkerung. Wein wird zu einer wesentlichen Komponente der alltäglichen Kost. So ist es nicht verwunderlich, dass uns Wein in zahlreichen Papyrusdokumenten unterschiedlicher Natur begegnet.


Abb. 1: „Wein“ in » Kat.-Nr. 1 (Hieratisch), » Kat.-Nr. 2 (Griechisch) und » Kat.-Nr. 27 (Koptisch).

Einige der Dokumente verbessern unser Verständnis von den Abläufen und Arbeiten im Weingarten, wie etwa Pachtverträge (z.B. » Kat.-Nr. 2), in denen wir neben den Informationen zum verpachteten Land selbst auch solche über Zwischenpflanzungen, Bewässerungsanlagen, Zubehör oder Produktionsanlagen finden. Aus den Aufzeichnungen, die auf einer Großdomäne im Rahmen der Weinlese angefertigt wurden, erfahren wir, dass der Ertrag von sieben Tagen einem Gesamtvolumen von etwa 8.900 Litern entsprach (» Kat.-Nr. 12). Oder wir lesen, dass zur Weinlese ein Flötenspieler engagiert wurde, der gleichermaßen für Unterhaltung sorgte und den Takt bei der Arbeit vorgab (» Kat.-Nr. 11). Im ausgestellten Vertag wurde übrigens darauf geachtet, den Flötenspieler rechtzeitig zu buchen. Er verpflichtet sich nämlich bereits rund ein halbes Jahr vor seinem Einsatz verlässlich bei der nächsten Weinlese aufzuspielen. Ebenso entnehmen wir den Papyri, dass Wein ein beliebtes Zahlungsmittel war. Ob Arbeiter (z.B. » Kat.-Nr. 34), Handwerker (z.B. » Kat.-Nr. 48) oder Händler (z.B. » Kat.-Nr. 47) – sie alle erhielten für ihre Leistungen mehr oder weniger edle Tropfen. Auch für die Versorgung der Soldaten war Wein ein unverzichtbares Gut (z.B. » Kat.-Nr. 53). Selbst auf Textilien (z.B. » Kat.-Nr. 10 oder » Kat.-Nr. 70) finden sich Reminiszenzen in Form von Weinblättern, Ranken oder Trauben.


Abb. 2: Detail aus » Kat.-Nr. 71.

Wein im ägyptischen Alltag

Auch so manche Sorge, die mit dem Besitz von Weingärten einhergehen kann, hat sich auf Papyrus überliefert (» Kat.-Nr. 69):

Ein junger Mann war ausgeschickt worden, um den mütterlichen Weingarten zu inspizieren. Vor Ort wurde er sofort mit den Klagen der Winzer konfrontiert. Diese hatten nämlich schon längere Zeit keinen Lohn mehr erhalten und drohten nun mit einem Arbeitsstreik. Der junge Mann schrieb daher seinem Vater einen Brief und erkundigte sich nach dem weiteren Vorgehen bzw. ob seine Mutter einer Auszahlung der Löhne vom aktuellen Weinbestand zustimmen würde. Für sein Antwortschreiben nutzte der Vater die Rückseite des Papyrusbriefes – für uns heute ein Glücksfall, da wir nun den weiteren Verlauf dieser Geschichte erfahren.


Abb. 3: Detail aus » Kat.-Nr. 69, Brief eines Sohnes an seinen Vater (Arabisch, Übersetzung L. Reinfandt)

Der Vater ordnete nämlich nicht – wie wir erwarten würden – die sofortige Auszahlung der ausstehenden Löhne an, sondern vielmehr, dass der Sohn ein Boot mieten sollte, um den vorhandenen Wein des Gutes nach Hause zu bringen. Sein Plan war es, den Wein zu verkaufen und mit diesen Einnahmen zunächst die fällige Steuer für das Weingut zu begleichen, und anschließend den Winzern ihre Löhne auszuzahlen. Dieses Dokument ist ein gutes Beispiel dafür, dass Weinproduzenten auch als Weinhändler agierten. Viele Einzelheiten aus dem Alltag eines Weinhändlers erfahren wir in einem Brief in koptischer Sprache aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. (» Kat.-Nr. 68):

Ein gewisser Yazid war mit einem Boot ausgeschickt worden, um bestellten Wein auszuliefern und weiteren Wein zu verkaufen. Seine Reise begann offenbar im Fayum, einer bekannten Region für den Anbau von Wein. Die Oase Fayum wurde erst ab der ptolemäischen Zeit für Weinbau genutzt, entwickelte sich dann aber zu einem der wichtigsten Gebiete für die Kultivierung von Weinstöcken. Noch im 17. Jahrhundert berichtet der Reisende Johann Michael Wansleben über die Weinherstellung in dieser Region: „Den Wein bereitet man auf folgende Art. Die Weintrauben werden entweder mit den Füßen oder mit etwas anderm in einem irdenen Küfen ausgepreßt; sie thun den Most alsdann in einen Sack aus grober Leinewand, und pressen ihn noch einmal in ein andres Gefäß. Alsdann thun sie ihn in Krüge, die inwendig ausgepicht sind und ohngefähr drey Okka’s halten. Die Krüge stellen sie hierauf sieben Tage lang der Sonne aus, und lassen sie dabey offen, damit der Most sich reinige. Alsdann pfropfen sie die Krüge mit Stöpseln aus Palmblättern zu, bekleben sie oben über noch mit nasser Erde, und bewahren ihn so zum Trinken auf.“ [3] Doch zurück zu Yazid und seinen Geschäften. Auf seinem Weg hatte er etliche Ausgaben zu bestreiten, etwa Hafengebühren oder Mautzahlungen. Diese Ausgaben tätigte er ebenfalls in Wein. Die in diesem Papyrus insgesamt genannte Weinmenge beläuft sich auf 2.000 Liter. Doch nicht immer laufen die Geschäfte reibungslos, denn der Brief enthält auch einen deutlichen Vorwurf Yazids an seinen Auftraggeber: „Und wirklich, ich wundere mich über Dich, denn ich habe 40 mit Siegel versehene (Krüge) Wein, der zu Essig wurde, gefunden“. [4] Bei einem Naturprodukt wie Wein konnte so etwas natürlich passieren. Als Konsument von Wein war man daher gut beraten, dem Schreckgespenst der Essigwerdung mit einer Garantieklausel im Kaufvertrag zu Leibe zu rücken. Umso mehr, da man seinen Wein gerne bestellte (und bezahlte!), bevor dieser überhaupt produziert worden war (z.B. » Kat.-Nr. 25). Doch basierten solche Käufe nicht nur auf Vertrauen, sondern wurden schriftlich fixiert und die Details genau geregelt. Da wurde z.B. festgehalten, wer die Gefäße für das Abfüllen des Weins zu stellen hatte oder wie lange der Verkäufer für die Qualität des Weins garantierte. Doch auch der Kauf von Wein auf Kreditbasis ist in den Papyri belegt (» Kat.-Nr. 29).

Die in den ausgestellten Texten angegebenen Weinmengen sind durchaus beeindruckend: ca. 1.350 Liter (» Kat.-Nr. 20), ca. 500 Liter (» Kat.-Nr. 26) oder gar 8.190 Liter (» Kat.-Nr. 22). Allerdings muss hier eingeschränkt werden, dass alltägliche Käufe von kleinen Weinmengen natürlich keiner schriftlichen Dokumentation bedurften und uns daher nicht auf Papyrus erhalten sind.


Abb. 4: Austellungsplakat

Die 75 Exponate der aktuellen Sonderausstellung im Papyrusmuseum bezeugen, dass Wein in der Antike allgegenwärtig war und von den damals lebenden Menschen regelmäßig (mitunter in beachtlicher Menge) getrunken wurde. Ob er auch unseren heutigen Geschmack treffen würde, muss an dieser Stelle freilich offenbleiben.

Zur Autorin: Dr. Angelika Zdiarsky ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek und Kuratorin der aktuellen Sonderausstellung » In vino veritas. Wein im alten Ägypten.

* Zitat aus » Kat.-Nr. 17 (Übersetzung P.J. Sijpesteijn)

[1] U. Hartung, Importkeramik, in: G. Dreyer, Umm el-Qaab I. Das prädynastische Königsgrab U-j und seine frühen Schriftzeugnisse (Archäologische Veröffentlichungen 86), Mainz/Rhein 1998, 92; G. Dreyer, Tomb U-j. A Royal Burial of Dynasty 0 at Abydos, in: E. Teeter (Hg.), Before the Pyramids. The Origins of Egyptian Civilization (Oriental Institute Museum Publications 33), Chicago 2011, 131–133.
[2] T. Säve-Söderbergh, Four Eighteenth Dynasty Tombs (Private Tombs at Thebes 1), Oxford 1957, 18; pl. XV.
[3] » H. E. G. Paulus (Hg.), Sammlung der merkwürdigsten Reisen in den Orient 3, Jena 1794, 271.
[4] M. Hasitzka, » Kat.-Nr. 68, in: Nilus 25, 158.

Literatur:

Begleitbuch: Bernhard Palme, Angelika Zdiarsky (Hg.), In vino veritas. Wein im alten Ägypten, Nilus 25, Wien 2019.
In dieser Begleitpublikation zur Ausstellung finden sich neben der ausführlichen Beschreibung aller Exponate (I. Bogensperger, M. Hasitzka, C. Kreuzsaler, B. Palme, M. Runggaldier, J.G. Schneider, K. Stenzel, M. Streicher, E. Weber & A. Zdiarsky) auch themenspezifische Beiträge zur antiken Weinkultur. Eine allgemeine Einführung zum edlen Rebensaft und seiner Bedeutung in der Antike bietet Getränk für Götter und Menschen: Wein und Weinbau im antiken Ägypten (B. Palme). Den Stellenwert von Wein im pharaonischer Zeit erläutert „Gib mir 18 Schalen Wein ... Mein Inneres ist Stroh“: Wein und Weinproduktion im alten Ägypten (A. Zdiarsky). Dem Wein in griechischen und koptischen Quellen auf der Spur sind die Beiträge Der Winzer und das Ferkel: Aurelios Abraamios pachtet einen Weingarten (C. Kreuzsaler), Die wein- und trinkfreudigen Ägypter: Weinkonsum und seine Kosten (F. Morelli) und Die Produktion, der Handel und der Konsum von Wein in den koptisch-dokumentarischen Texten (E. Garel). Über die Landesgrenzen Ägyptens hinaus führen die Beiträge Einfache Weinbauern oder reiche Winzer? Zum Weinbau bei den römischen Agrarschriftstellern (S. Tost), Römische Feste rund um den Wein, Weinhändler und -trinker und der Kaiser Probus (E. Weber), Das Senatus consultum de Bacchanalibus (E. Weber).

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