Die Bibliothek als Laboratorium

Forschung

29.11.2018
Digitale Angebote
Screenshot von Website mit Landschaftsbildern
Die Österreichische Nationalbibliothek zählt zu den zentralen österreichischen Gedächtnisinstitutionen, die österreichisches Kulturgut sammeln, dokumentieren, archivieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Ein zentraler Aspekt der Bewahrung dieser Bestände ist deren anhaltende Nutzung. Daher etabliert die Österreichische Nationalbibliothek gezielt Services und Infrastruktur, um die aktive Arbeit auch mit ihren digitalen Sammlungen zu unterstützen und fördern. Zu diesen digitalen Services gehören ab nun auch die ÖNB Labs, die seit 22. November 2018 online zugänglich sind. 

Autorin: Sophie-Carolin Wagner

Ray Oldenburg hat die Bibliothek als "dritten Ort" bezeichnet, einen Ort zwischen dem Privatraum und dem Arbeitsplatz.[1] Ein Ort der Inspiration, der zwischen Frei- und Arbeitszeit steht. Dies ist einer der Gründe, warum Bibliotheken über Jahrhunderte hinweg – bis heute – eine große Anzahl an BesucherInnen anziehen. Trotz dieser Beständigkeit ist ein zentraler Aspekt die Bereitschaft dieser Institutionen zur ständigen Veränderung und Weiterentwicklung, um als solcher Ort auch zukünftig erhalten zu bleiben. Mit der Digitalisierung ist die Menge an verfügbarem Wissen exponentiell angestiegen und der vereinfachte Zugang zu Information verändert auch die Nutzerbedürfnisse und -erwartungen. Sofern man zudem eine Nationalbibliothek als kollektive Gedächtnisstätte versteht, deren Auftrag es u.a. ist, alles, was in einem Land publiziert wird, zu sammeln – so gilt gleichzeitig, dass Gedächtnis nur bewahrt wird, indem es immer wieder abgefragt, genutzt und verwendet wird. Tatsächlich wird Wissen und Kulturgut nur dann wahrlich erhalten, wenn es auch einen Platz in der Gesellschaft hat, es kulturell und wissenschaftlich aktualisiert wird. Die zentralen Aufgaben einer Bibliothek sind das Sammeln, das Bewahren, das Erschließen und Zugänglichmachen von Kulturgut und keine dieser Aufgaben bleibt von der Digitalisierung unberührt. Hinsichtlich des Zugänglichmachens schöpft die schlichte Anzeige von Digitalisaten noch bei weitem nicht alle Möglichkeiten aus. Schon die Volltextdigitalisierung mittels Optical Character Recognition (OCR) bietet bereits deutlich mehr Anwendungsfälle. Machine Learning Technologien haben in den letzten Jahren zur sprunghaften Verbesserung der Qualität von OCR beigetragen.

Generell gewinnen in Hinblick auf den Umgang mit den enorm wachsenden Datenmengen Big Data Technologien, Machine Learning, Artificial Intelligence und algorithmische Analyseverfahren zunehmend an Bedeutung. Die ÖNB Labs sind Teil der strategischen Zielsetzungen der Österreichischen Nationalbibliothek. Digitale Technologien spielen eine entscheidende Rolle innerhalb dieses Strategieplans 2017–2021[2], der die Verwirklichung der Vision 2025[3] unterstützen soll. Die Rollen von BenutzerInnen, sowie auch die des Informationsbereitstellers haben sich, dem Anwachsen der Informationsmenge und dem der steigenden Bedeutung digitaler Methoden entsprechend, verändert und dies ist ein Prozess, der sich weiter fortsetzen wird. Bei den Digital Humanities handelt es sich um einen Forschungsansatz, in welchem sich genau diese Veränderung niederschlägt. Mit “Digital Humanities” wird ein Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften bezeichnet, in dem sich digitale Methoden und Techniken eine zentrale Rolle spielen. Der Bereich der künstlerischen und der kreativen Arbeit ist traditionell empfänglich für neue Methoden und Techniken und insofern ebenfalls prädestiniert dafür, mit digitalen Sammlungen zu arbeiten. Computerunterstützte Analysen spielen in all diesen Bereichen eine Rolle, und um diese zu ermöglichen beziehungsweise zu unterstützen, müssen Daten entsprechend zugänglich gemacht werden.


Abb. 1: Einstiegsseite des Portals

Die ÖNB Labs widmen sich gezielt diesen Benutzergruppen, indem sie auf einer dazu eingerichteten Webplattform digitale Bestände und Metadaten der Österreichischen Nationalbibliothek zum Forschen, Experimentieren und kreativen Verarbeiten zur Verfügung stellen und Tools anbieten, die diese Arbeit unterstützt. Mit ihrem Angebot verhalten sich die ÖNB Labs komplementär zu den Kernaufgaben der Österreichischen Nationalbibliothek. Während etwa die sogenannte Pflichtablieferung eine möglichst lückenlose Dokumentation des publizistischen Schaffens in Österreich durch die Österreichischen Nationalbibliothek regelt, ist das Angebot der ÖNB Labs begrenzt auf offen zugängliche und damit weiternutzbare Bestände. Zudem wird ein Kernangebot der ÖNB Labs die Erstellung von Kollektionen durch BenutzerInnen selbst sein. Durch das Teilen dieser Kollektionen können wiederum andere BenutzerInnen neue Materialien entdecken und diese Sammlungen ergänzen.

Die benutzergenerierten Kollektionen dienen in den ÖNB Labs als Grundlage für diverse weitere Funktionen. Neben dem einfachen Download dieser Kollektion als eine Kernfunktion können sie in naher Zukunft etwa auch in das Service Transkribus[4] exportiert werden, in dem Volltexte händisch sowie mittels erstellter Trainingsmodelle automatisiert verbessert werden können.

In den zukünftig folgenden Ausbaustufen der ÖNB Labs wird BenutzerInnen auch das Teilen von Annotationen und Kommentaren ermöglicht. Diese Ermöglichung des Kommentierens ist gewissermaßen das Wiederaufgreifen einer alten Tradition, wenn man etwa an die Glossen von mittelalterlichen Texten denkt, worunter Kommentare des Lesers verstanden wurden, für die Platz im Schriftspiegel eingeplant wurde und welche damit fixer Bestandteil des eigentlichen Werkes waren.

Ganz konkret findet die Strategie des Teilens im Bereich von Programmcode ihren Niederschlag in sogenannten „Jupyter Notebooks”. Diese ermöglichen das Erstellen und Teilen von Dokumenten (die namensgebenden „Notebooks”), welche Softwarecode, Visualisierungen und auch Text beinhalten können. In den ÖNB Labs werden fertige Codebeispiele inklusive ihrer Dokumentation zum Download zur Verfügung gestellt. BenutzerInnen können diese dann lokal auf ihrem Computer testen und ihren Bedürfnissen gemäß anpassen, bzw. forken. (Unter Forken wird das Kopieren, Weiterverarbeiten oder Verbessern von Programmcode verstanden). Da ein Teil der ÖNB Labs auch eine GitLab-Instanz und somit eine Kollaborationsplattform ist, können BenutzerInnen ihre eigenen Codebeispiele dort wiederum anderen zur Verfügung stellen.

Auch die Möglichkeit zum Arbeiten mit Linked Open Data etwa mittels SPARQL-Lab wird in den ÖNB Labs angeboten. Ziel ist es, Bestände, Tools und Services stetig zu erweitern, Angebote zu machen und womöglich auch wieder zu verwerfen.


Abb. 2: Präsentation der ÖNB Labs am 22. November 2018

Am 22. November 2018 wurden die ÖNB Labs zum ersten Mal einem kleinen Kreis vorgestellt. Neben einer Präsentation der Labs durch das ÖNB Labs Team, Sophie-Carolin Wagner und Stefan Karner, wurden Projekte vorgestellt, die bereits Daten oder Services der Österreichischen Nationalbibliothek nutzen. Rita Klement präsentierte ihre Arbeit zu Inseraten im Wienerischen Diarium. Stefanie Wuschitz und Lale Rodgarkia-Dara sprachen über eine Performance von Mz* Baltazar's Laboratory, bei der Volltextdaten der Österreichischen Nationalbibliothek mittels Processing Patch verarbeitet wurden.[5] Martin Reinhart und Leo Coster zeigten ihr künstlerisches Forschungsprojekt DATA LOAM, welches mittels Linked Open Data semantische Verbindungen von Daten herstellt. Christoph Steindl sprach anschließend über die Arbeit mit digitalen Editionen und Named Entity Recognition. Thomas Wagensommerer zeigte abschließend eine audiovisuelle Performance und beschäftigte sich dabei mit Metadaten der ÖNB Labs.


Abb. 3: Audiovisuelle Performance

Wir danken allen TeilnehmerInnen und vor allem den Vortragenden dafür, dass sie uns dabei unterstützt haben, diesen Abend zu einem Erfolg zu machen.

Ab sofort können Sie unser aktuelles Angebot unter » labs.onb.ac.at abrufen und mit uns unter labs[at]onb.ac.at in Kontakt treten.

Über die Autorin: Dr. Sophie-Carolin Wagner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung von Forschung und Entwicklung der Österreichischen Nationalbibliothek.

[1] Oldenburg, Ray. The great good place: Café, coffee shops, community centers, beauty parlors, general stores, bars, hangouts, and how they get you through the day. Paragon House Publishers, 1989.
[2] » www.onb.ac.at/fileadmin/user_upload/1_Sitemap/Ueber_Uns/OENB_Strategie2017_2021_web.pdf
[3] » www.onb.ac.at/fileadmin/user_upload/1_Sitemap/Ueber_Uns/OENB_Vision2025_20121016.pdf
[4] » transkribus.eu/Transkribus/
[5] » http://www.mzbaltazarslaboratory.org/event/workshop-weltfrauentag-the-media-is-the-massage/