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Der „Orient“ in Reiseberichten der Frühen Neuzeit

Forschung

27.02.2020
Handschriften und alte Drucke
Karavanen-Brücke bei Smyrna. Stahlstich von G. Troitzsch nach einer Zeichnung von A. Löffler. Aus: Ders. Bilder aus dem Orient. Triest: 1864. ÖNB 175.884-D, Ausschnitt
Welche imaginären Bilder prägten Orientreisen der Frühen Neuzeit? Welche Möglichkeiten eröffnen Methoden aus dem Feld der Digital Humanities für die historische Reiseforschung? Diese und andere Fragen wurden auf einer internationalen Konferenz zu Orientreisen im November 2019 in Wien diskutiert. Ein Konferenz- und Projektbericht.

Autor: Martin Krickl

Das Medium Reisebericht

„Wer eine Reise tut, hat etwas zu erzählen“, besagt ein bekanntes, in der Reiseliteratur wie in der Forschungsliteratur über Reisen oft genanntes, Sprichwort.[1] Im Genre Reisebericht hat sich über Jahrhunderte ein vielseitiges wie wandlungsfähiges Medium für Erzählungen aus der „Fremde“ entwickelt, welches auch heute noch eine breite Leserschaft fasziniert. Auch wenn die Tradition des Reiseberichts weit in die Antike zurück reicht, so führte die Kombination von technischen und kulturellen Entwicklungen der Frühen Neuzeit seit Ende des 15. Jahrhunderts zu einer massiven Steigerung in der Produktion und Rezeption von Reiseberichten. Die technische Möglichkeit der Reproduktion im Buchdruck, die marktwirtschaftliche Organisation des Absatzes gedruckter Bücher, die Kombination von Text und Bild waren wesentliche (kultur-)technische Voraussetzungen für das Erfolgsprodukt Reisebericht. Die Entdeckung neuer Weltregionen vermehrte das Material für die Textproduktion und die durch den Buchdruck beschleunigten Kulturtransfers führten zu einer Zunahme an Übersetzungen. Der Reisebericht kann – trotz divergierender Definitionen – als Medium von Kultur- und Wissenstransfer verstanden werden, zugleich aber auch als Medium der Diffusion von Stereotypen und Klischees.[2] Reisende berichteten nicht nur über ihre Beobachtungen in fremden Ländern und unter fremden Menschen, das heißt von kultureller Alterität, sie nahmen auch einen durch andere Texte und Reiseberichte geprägten Erwartungshorizont auf ihre Reisen mit. Das Medium Reisebericht ist daher nicht nur Diskursivierung (Vertextung) von Erfahrung, sondern stark geprägt durch Intertextualität.[3] Der Produktion von Reisberichten ging meist eine Lektüre von anderen Reiseberichten voraus.

„On the Way into the Unknown?“ – Eine internationale Konferenz

Vom 28. bis 30. November 2019 trafen sich am Institute for Habsburg and Balkan Studies (IHB, vormals INZ) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) Forscherinnen und Forscher unterschiedlicher Fachdisziplinen aus 12 Ländern zu einer internationalen Konferenz über Orientreisen in der Frühen Neuzeit.[4] Unter dem Titel „On the Way into the Unknown? Comparative Perspectives on the ‚Orient‘ in (Early) Modern Travelogues“ wurde über bekannte und weniger bekannte Orientreisende, über Wissens- und Kulturtransfer, über hartnäckige Stereotype und über vielschichtige Formen des Genres Reisebericht genauso diskutiert wie über neuere methodische Ansätze aus dem Feld der Digital Humanities. Veranstaltet wurde die Konferenz im Rahmen von zwei Projekten unter der Leitung des Historikers Arno Strohmeyer (IHB/ÖAW und Universität Salzburg), dem internationalen und interdisziplinären Projekt Travelogues – Perceptions of the Other 1500– 1876 [zum Projekt siehe unten] sowie dem Projekt The Mediality of Diplomatic Communication: Habsburg Envoys in Constantinople in the Mid-Seventheenth Century.[5]   

Programm
Abb 1: Konferenzprogramm

Orientbilder

Der Orient – wie Arno Strohmeyer in einem anlässlich der Konferenz in der Wiener Zeitung erschienenen Gastkommentar verdeutlicht – war für europäische Reisende stets Magnet für Assoziationen, Imaginationen, Faszinationen, aber auch Ängste.[6] Ausdehnung und Grenzen des Orients sind indefinit, sie können von Nordafrika und Spanien über Südosteuropa und den Nahen Osten über Indien bis in den Fernen Osten reichen. Für das Projekt Travelogues etwa wurde die Verwendung des Begriffs Orient an die Extension des Osmanischen und Persischen Reichs gekoppelt. Die Fülle der in den einzelnen Konferenzbeiträgen vorgestellten Reiseliteratur lässt erkennen, dass das Konzept „Orient“ äußerst heterogen war und je nach Einstellungen der Reisenden zwischen der Wahrnehmung von Vielfalt oder Einheit schwankte. Wie der Diskurs über den Orient konstruiert wurde, zeigte Ende der 1970er Jahre das einflussreiche Werk Edward W. Saids (1935–2003) Orientalism, das – darüber waren sich die Vortragenden einig – trotz angebrachter Kritik immer noch den Diskurs über den Orient-Diskurs beeinflusst.[7] In seinem Eröffnungsvortrag spannte Arno Strohmeyer den Bogen von der Frühen Neuzeit über Said bis in die Gegenwart. Das Bedürfnis nach kritischem Bewusstsein über die persistente Tradition der Wahrnehmung des Orients als Raum der Alterität (des kulturell Anderen) ist top-aktuell. „Die historischen Dimensionen“ – so die Historikerin Doris Gruber (IHB/ÖAW) in einem Gespräch gegenüber der Tageszeitung Die Presse – „helfen vielleicht zu verstehen, warum manche Stereotype so stark im kulturellen Gedächtnis präsent sind, aber auch, wie diese entstanden sind und wie sie in Folge überwunden werden können.“[8]

Karavanen-Brücke bei Smyrna. Stahlstich von G. Troitzsch nach einer Zeichnung von A. Löffler. Aus: Ders. Bilder aus dem Orient. Triest: 1864. ÖNB 175.884-D
Abb 2: Karavanen-Brücke bei Smyrna. Stahlstich von G. Troitzsch nach einer Zeichnung von A. Löffler. Aus: Ders. Bilder aus dem Orient. Triest: 1864. ÖNB 175.884-D

Diffusion von Stereotypen und Bildern

Wie Stereotype gegenüber dem Fremden generiert, über lange Zeiträume hinweg tradiert und verwandelt wurden und teilweise weiterhin erschreckend persistent sein können, zeigte beispielsweise Maria Endreva (Universität Sofia) an der abgrenzenden Perzeption der bulgarischen Bevölkerung durch westliche Reisende wie Felix Kanitz. Ausgehend von Kanitz konnte sie das Stereotyp der „rohen, ungebildeten“ Bulgaren bis in Fernsehproduktionen unserer Gegenwart verfolgen. Anna Huemer (Universität Salzburg) ging aus der Gender-Perspektive den Konstruktionen wie Destruktionen von orientalischer Männlichkeit nach. Auch das Bild der Krim-Tataren war über Jahrhunderte negativ geprägt. Das Motiv der Klage über die Verdrängung mongolischer Hochkultur durch rohe Barbaren wurde – wie Johannes Gießauf (Universität Graz) erklärte – als Versatzstück von Text zu Text weitergereicht. Reisende, welche auszogen, das zu finden, was sie sich angelesen hatten, fanden häufig nur unverständliche Fremdheit und Enttäuschung. Die Konstruktion von Fremden war dabei für Reisende oftmals ein Medium ihre eigene kulturelle Identität zu bestätigen. Insofern ist die Konstruktion von Alterität stets relational. Michael Harbsmeier (Universität Roskilde) drehte in seiner Keynote die westliche Perspektive um, indem er Reiseberichte nach und aus dem Nahen und Fernen Osten verglich und so versuchte eine globale Perspektive einzunehmen.

Neben Konstruktion und Diffusion von imaginären Bildern (im Sinne einer Imagologie) vom „Fremden“ und der „Fremde“ widmeten sich mehrere Beiträge den Wanderungen von Bildmaterial etwa in der Druckproduktion von Reiseberichten oder im Falle des Orientreisenden Otto Friedrich von der Gröben von der Darstellung der Grabstätte Christi aus französischen Vorlagen bis auf dessen Haut als Tatoo (Gabriele Leschke, Freie Universität Berlin). Bildmaterial von Tracht wurde im 19. Jahrhundert – wie Irini Apostolou (Nationale und Kapodistrische Universität Athen) darlegte – zunehmend für die Bedürfnisse eines Marktes produziert, als Vorlagen für Künstler und Self-fashioning. An der Produktivität der Familie De Bry in Frankfurt am Main lässt sich exemplarisch erkennen, wie Reiseberichte strategisch für einen Markt produziert wurden (Susanna Burghartz, Universität Basel und Michiel van Groesen, Universität Leiden), mitunter – wie Volker Bauer (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel) an der Serie des Verlegers Renger zeigte – mit eminent politischer Stossrichtung.

Von exemplarischen Lektüren zu digitalen Methoden

Ein Close-Reading von einzelnen Reiseberichten, von Ego-Dokumenten einzelner Reisender oder Vergleiche zwischen ausgewählten Texten liefert weiterhin überzeugende Deutungen (zB. Barbara Haider-Wilson, IHB/ÖAW, mit Bezug auf Anton Prokesch, Konrad Petrovszky, IHB/ÖAW, mit Bezug auf Joseph von Hammer-Purgstall oder Christine Kämpfer, Philipps-Universität Marburg, mit Bezug auf den Botaniker Carl Haussknecht). Dennoch lässt sich die Quantität der Textproduktion kaum mehr intellektuell erschöpfend vergleichen. Nationale oder sprachliche Texttraditionen können anhand signifikanter Beispiele nachgezeichnet werden (wie Markus Keller, Universität Illinois, an französischen, italienischen und deutschen Reiseberichten des 16. Jahrhunderts) oder zunehmend vermittels computergestützer Analysen repräsentativer Korpora.

Genau hier setzen Projekte wie das von Deniz T. Kilincoglu und Jörg Wettlaufer (Georg-August Universität Göttingen) präsentierte Projekt zu Reiseliteratur aus dem Zeitalter des Nationalismus oder das Projekt Travelogues methodisch an.

Travelogues – Perceptions of the Other 1500–1876

In dem von Arno Strohmeyer geleiteten Digital-Humanities-Projekt (FWF- und DFG-finanziert) Travelogues kooperieren die ÖAW, das AIT (Austrian Institute of Technology), das Institut L3S aus Hannover und die Österreichische Nationalbibliothek seit April 2018. [9] Es widmet sich der computergestützten Analyse von deutschsprachigen Reiseberichten der Zeit zwischen 1500 und 1876 aus den Beständen der ÖNB, die im Rahmen des Projekts » Austrian Books Online digitalisiert und als Volltexte für Verfahren des Textminings zur Verfügung stehen. Doris Gruber bot in ihrem Vortrag Einblicke in die bisherige Arbeit des Projekts. Aus dem Gesamtbestand der Österreichischen Nationalbibliohtek wurde zuerst über Suchanfragen in Katalogen und Bibliografien, dann erweitert durch einen über supervised Machine-Learning trainierten (binären) Classifier zur Erkennung von Reiseberichten aus Volltexten, ein Korpus von circa 3.500 Bänden erstellt. Mit dieser Methode konnten mehrere hundert Reiseberichte im Bestand entdeckt werden, die über konventionelle Suchanfragen nicht oder nur aufwendig eruierbar wären.[10] Die Größe und Repräsentativität dieses Korpus an deutschsprachigen Reiseberichten erlaubt quantitative Analysen aus den im Zuge des Projektes wesentlich angereicherten Metadaten, genauso wie – in einem weiteren Schritt geplante – Modellierungen von Intertextualität und Alteritätsdiskurs(en) mit Schwerpunkt Orient. Dem Problem, dass die Performanz des Textminings sehr stark von der Qualität der Volltextauslesung vermittels OCR abhängt, wird im Projekt durch komplexe (auf neuronalen Netzen beruhenden) Modellierungen von OCR-Postcorrection Rechnung getragen. Ziel des Projektes ist es, neben Einsichten zu Interdependenzen zwischen Orientberichten und Einsichten zur diskursiven Konstruktion von Fremdheit die Nützlichkeit von quantitativen Methoden in den Humanities beispielhaft zu erweisen.[11] Die computergestützten Analysen liefern – dessen gilt es sich bewusst zu sein – Hinweise, die es weiterhin durch intellektuelles Gespür zu deuten gilt. Die intellektuell angereicherten Metadaten sind übrigens „on the fly“ über den Katalog » QuickSearch der Österreichischen Nationalbibliothek einsehbar (wobei der lokale Marker „TravelogueD*“ als Suchbegriff benutzt werden kann). Wie der Korpus erstellt wurde, wie er durchsucht und genutzt werden kann, wird in einem Folgebeitrag präsentiert werden. Ein Sammelband zur Konferenz ist in Vorbereitung.

Über den Autor: Herr Mag. Martin Krickl ist seit August 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter/ Datalibrarian im kooperativen Forschungsprojekt Travelogues. 

[1] In einer Variante als Titel zB. bei Agai, Bekim und Stephan Conermann (Hrsg.) (2013): „Wenn einer eine Reise tut, hat er was zu erzählen“. Präfiguration – Konfiguration – Refiguration in muslimischen Reiseberichten. Berlin: ebv.

[2] Unter den zahlreichen Definitionen für den deutschsprachigen Raum prägend war u.a. Brenner, Peter J. (1989): Der Reisebericht: die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Im Projekt Travelogues (s.u.) liegt eine weite Definition von Reisebericht als mediale Repräsentation einer faktisch vollzogenen und damit biografisch nachweisbaren Reise zugrunde. Michael Harbsmeier schlug in seiner Keynote zur hier besprochenen Konferenz eine engere Defintion auf Basis von vier Kriterien vor: (1) eine Übertragung zwischen Kulturen, die er im Modell des Schamanismus fasste, (2) den Wechsel von Deskription und Narration, (3) die Begegnung mit Fremdheit(en) und (4) geographische Distanz.

[3] Pfister, Manfred (1991): Intertextuelles Reisen, oder: Der Reisebericht als Intertext. In: Reisen in den Mittelmeerraum, hrsg. Von Hermann H. Wetzel. Passau: Passavia Universitätsverlag, S. 55-101.

[4] Insgesamt trugen in 9 Panels 28 ForscherInnen vor. Hier findet nur eine Auswahl Erwähnung. Das vollständige Programm findet sich unter: https://travelogues-project.info/intotheunknown/.

[5] diploko.at [online 30.01.2020] FWF P30091.

[6] Strohmeyer, Arno (2020): Der Orient – das unbekannte Bekannte. Eine Spurensuche zwischen Kolonialismus und „Kampf der Kulturen“. Gastkommentar. In: Wiener Zeitung, 05.01.2020.

[7] Said, Edward W. (1978): Orientalism. London: Routledge.

[8] Alte Reiseberichte über den „Orient“. Interview mit der Historikerin Doris Gruber. In: Die Presse 20.12.2019. [online] » www.diepresse.com/5742100/alte-reiseberichte-uber-den-orient [30.01.2020].

[9] FWF I 3795 / DFG 398697847. Für weitere Informationen zum Projekt, bisherigen Vorträgen und Publikationen:  » travelogues-project.info.

[10] Das Paper von Jan Rörden, Doris Gruber, Bernhard Haslhofer und Martin Krickl: Identifying Historical Travelogues in Large Text Corpora Using Machine Learning wird im Rahmen der iConference 2020 präsentiert und publiziert.

[11] Vgl. etwa: Lemercier, Claire and Claire Zalc (2019): Quantitative methods in the Humanities. Charlottesville and London: University of Virginia Press. Graham, Shawn et al. (2016): Exploring big historical data. The historian’s macroscope. London: Imperial College Press. Mit Bezug auf Reiseberichte u.a. Belgum, Kirsten et al. (2018): Mapping travel writing. A Digital Humanities project to visualise change in the Nineteenth-Century published travel texts. In: Studies in Travel Writing 22, no. 3, S. 306-324.

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