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Anton Heiller zum 100. Geburtstag

Forschung

13.09.2023
Musik
Person dirigiert sitzend, schwarz-weißes Foto.

Am 15. September jährt sich der Geburtstag von Anton Heiller zum 100. Mal. Sein Nachlass befindet sich in der Musiksammlung der Österreichische Nationalbibliothek.

Autor: Peter Planyavsky

Der Organist, Komponist und Dirigent Anton Heiller wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Die Orgelwelt hat er durch einen Interpretationsansatz für barocke Musik bereichert, der in den 1950er Jahren völlig neu war und gewisse nationale Schulen abgelöst hat (Karl Straube in Deutschland, Marcel Dupré in Frankreich und den USA). Als Komponist ging Heiller in Österreich vor allem mit seiner sakralen Musik neue Wege, aber auch auf anderen Gebieten kamen wichtige Beiträge aus seiner Feder.

Abb. 1 Anton Heiller, Fotografie 1953 – Pf 6952:B (1) POR

Anton Heiller wurde am 15. September 1923 in Wien-Dornbach geboren. Sein Vater, Anton Heiller sen. war musisch interessiert und begabt; dass er viele Jahre im Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien im Chor sang und auch den Kirchenchor der Pfarre Dornbach leitete, war wesentlich für die frühe Entfaltung der Talente seines Sohnes. Anton jun. konnte schon als 12-jähriger erste kleine Chorkompositionen beisteuern. Zu dieser Zeit erhielt er auch regelmäßigen Orgelunterricht beim (zweiten) Domorganisten Wilhelm Mück, der ihn schon bald zu Vertretungen an der großen Orgel des Domes heranzog. Überdies kam er damals auch mit der Welt des Orgelbaues und einigen maßgeblichen Protagonisten in Berührung, denn in der Dornbacher Kirche wurde eine neue Orgel errichtet, die den Halbwüchsigen zur Entwicklung eines neuen, auf Klarheit ausgerichteten Spielstils anregen sollte.

Heillers Lehrer an der Staatsakademie waren Franz Schütz und vor allem Bruno Seidlhofer (Klavier, Orgel, Cembalo), der sich früh mit alter Musik beschäftigte. Mit 19 Jahren schloss Heiller seine Studien mit Diplomen ab und war auch schon als Korrepetitor und stellvertretender Chorleiter im Singverein tätig. In der Stunde Null des Jahres 1945 bot sich Anton Heiller die Chance, rasch und an vorderster Stelle in den Musikbetrieb einzusteigen. Er wurde Professor für Orgel an der Musikakademie – er blieb es bis zu seinem Tod – und konnte als Dirigent großer Werke reüssieren.

Abb. 2 Anton Heiller, Fotografie ca. 1950 (Archiv Bernhard Heiller)

Er wurde auch bald mit der Durchführung einer Lehrveranstaltung „Collegium musicum“ betraut, die den Studierenden die Aufführungspraxis der neuen Musik vermitteln sollte. Dadurch und durch Mitwirkungen bei zahlreichen Aufführungen „moderner“ Musik erweiterte sich sein musikalischer Horizont rasch und nachhaltig; er und einige Gleichaltrige holten gleichsam im Sturm nach, was während des Dritten Reichs an Einflüssen nicht zur Verfügung gestanden hatte.

Die ersten Durchbrüche als Komponist erzielt Heiller mit seiner "Toccata für zwei Klaviere" (1943), deren Bedeutung damals von niemand Geringerem als Francis Poulenc in einem Essay beschrieben wurde. Das Werk erlebte in Kürze eine ganze Reihe von Aufführungen in Europa. Aus der perkussiven Handhabung der Instrumente vermeint man Bartók herauszuhören; die unerbittliche Motorik und die stets präsente Ultra-Chromatik hat aber eher Franz Schmidt zum Vorbild. Dies gilt auch für die Orgelkompositionen der 1940er Jahre; hier schiebt sich aber schon die manchmal unerbittliche Linearität von Johann Nepomuk David nach vorne. Zeitlebens wird Heiller viele kanonische Abschnitte schreiben und Vergrößerungen und Engführungen verwenden. Ein später Kulminationspunkt hierin ist die "Fantasia super Salve regina" (1963).

Der vokale Bereich wird nahezu die Hauptrolle in Heillers Schaffen spielen; da muss zu allererst auf die übermächtige Strahlkraft des gregorianischen Chorals hingewiesen werden. Im 20. Jahrhundert übte er nicht nur auf Komponisten im Umfeld der katholischen Kirche beträchtlichen Einfluss aus; es betrifft die Melodiebildung und die starke Bevorzugung des Modalen. Dies kommt naturgemäß vor allem in Vokalwerken zum Tragen, manifestiert sich aber auch in den Instrumentalwerken Heillers und vieler anderer Komponisten sehr deutlich. Überdies war die Gregorianik seitens der kirchlichen Autorität als Paradigma aller liturgischer Musik hingestellt worden – in diesem Fall vom Papst selbst, in einer Enzyklika im Jahr 1903. Besonders deutlich wird dies – schon im Schriftbild – in Heillers "Messe in Lydisch F" (1948).

Abb. 3. Anton Heiller, Messe in Lydisch, Tenorstimme (Archiv Bernhard Heiller)

Die Vorliebe fürs Modale schlägt sich damals allgemein auch in der etwas einseitigen Wertschätzung älterer Kirchenlieder nieder. Ein frühes Meisterwerk ist Heillers achtstimmige Motette "Ach wie nichtig, ach wie flüchtig" (1949), die von Rudolf Klein, einem der angesehensten Rezensenten, unmittelbar nach der Uraufführung schlichtweg als „das beste Musikstück, das in der Nachkriegszeit in Österreich entstanden ist“, eingestuft wird. Aber schon 1944 legt Heiller die erste einer ganzen Reihe von Messvertonungen vor – "Messe in mixolydisch G" –, von denen jede auffällig Neues auf dem ein wenig erstarrten Sektor der Messkomposition bringen sollte. Hier wirkt das Schaffen von Josef Lechthaler nach, der in der Zwischenkriegszeit als österreichischer Meister der a cappella-Polyphonie hochangesehen war. 

Abb. 4. Anton Heiller, Confirma hoc, deus. Musikdruck - MS50271-8°/197 MUS

Zu all dem kommt dann allmählich der Einfluss von Paul Hindemith, der damals in Wien sehr präsent war; von 1945 bis 1953 gab es 72 Aufführungen Hindemithscher Werke allein im Wiener Konzerthaus. Heillers "2. Orgelsonate und Präludium und Fuge A-Dur" sind beredte Zeugen für diese künstlerische Beziehung. Nach und nach entwickelte sich eine Art respektvoller Freundschaft; 1962 spielte Heiller die Uraufführung (und dann weitere Aufführungen) von Hindemiths „großem“ Orgelkonzert, nachdem Heiller beratend an den Registrierungen mitgewirkt hatte; im selben Jahr dirigierte Hindemith Anton Heillers "Te Deum" in Berlin.

Abb. 5. Fotografie 1947, von links Paul Angerer, Karl Schiske, Wilhelm Keller, Alfred Uhl, Paul Hindemith und Anton Heiller – CRO 9129W POR

In mehrerer Hinsicht untrennbar mit Heillers Leben verbunden ist die holländische Stadt Haarlem und ihre berühmte Orgel in der Grote of Sint-Bavokerk. Nachdem Heiller 1952 den damals singulären Improvisationswettbewerb gewonnen hatte, kehrte er jedes Jahr dorthin zurück – konzertierend, als Juror, aber vor allem als Leiter eines Kurses für Bach-Interpretation, der zwei Jahrzehnte hindurch buchstäblich hunderte Hörer, auch aus Übersee, anzog. Die Sommerakademie in Haarlem war einer der ersten Treffpunkte der verschiedenen Orgelkulturen. Anton Heiller entfernte sich von der Linearität à la Johann Nepomuk David und auch ein wenig von der "Spielfreude" eines Hindemith und machte sich Harmonik und Klanglichkeit aus dem frankophonen Raum zu eigen. Hier sind die unmittelbaren Kontakte mit Marie-Claire Alain und dem Werk ihres früh verstorbenen Bruders Jehan Alain zu nennen, aber selbstverständlich auch die Tonsprache Olivier Messiaens und die weniger komplexen Schreibweisen von Jean Langlais und Gaston Litaize. Überdies kamen nun Einflüsse von Frank Martin ans Tageslicht, die Heiller wohl schon in den späten 1940er Jahren als Ausführender und als Einstudierer aufgesogen hatte, die aber von den Stilelementen Davids und Hindemiths zurückgedrängt waren und jetzt, gleichsam nach einer Phase des inneren Ruhens, an die Oberfläche drängten. Zeugen dieser Entwicklungen sind die Orgelwerke "Tanz-Toccata" (1970) und "Jubilatio" (1976) sowie das "Konzert für Cembalo, Orgelpositiv und Kammerorchester" (1972).

Neben – oder besser: inmitten – dieser verschiedenen Stilismen ist Anton Heiller einen langsamen, eher evolutiven Weg zu einer individuell gehandhabten Zwölftontechnik gegangen. Das beginnt schon sehr früh, indem zunächst traditionell anhebende Themen solange fortgesetzt werden, bis alle Zwölftöne erklungen sind (sehr deutlich im 3. Satz der"2. Sonate für Orgel" oder im "Postludium super Ite missa est XI"). ​​​​​​

Abb. 6. Anton Heiller, Fotografie 1962 - (Archiv Bernhard Heiller)
Abb. 7. Anton Heiller, 2. Sonate für Orgel, 1. Satz, Seitenthema
Abb. 8. Anton Heiller, 2. Sonate für Orgel, 3. Thema

Auch im "Te Deum" (1954) finden sich bereits zahlreiche 10- oder 11-Ton-Gebilde; sie sorgen für ein weitgehend freitonal gespanntes Klima, ohne einer konsequenten Reihentechnik nahezukommen. Heiller operiert übrigens auch in anderem Zusammenhang mit den vier Modi Grundgestalt, Umkehrung, Krebs und Krebs der Umkehrung, etwa in seiner "Missa super 'Erhalt uns Herr, bei deinem Wort'" (1953), wo der Choral in den vier Gestalten am Titelblatt abgedruckt wird. – Vor allem die Umkehrung eines Themas – wie immer es auch geartet sein mag – ist dem Komponisten jederzeit zur Hand (ein „J. N. David-Gen“). Bisweilen laufen die vier Gestalten einer 12-Ton-Reihe nacheinander ab wie auf dem Präsentierteller, so im fünften Abschnitt von Francois Villon (1956) oder an vielen Stellen der Kantate "In principio erat verbum" (1963). Zum überwiegenden Teil sind seine Reihen nicht im Sinne der „reinen Lehre“ entworfen; sie lassen ganz im Gegenteil kleinräumige tonale Zentren erkennen oder sind – bei Vokalwerken – auf leichte Realisierung hin gestaltet. Nur ausnahmsweise wird auch das harmonische Geschehen aus den Reihen gewonnen ("Locus iste", 1959). Kurz gesagt, Heiller erfindet seine Zwölftonreihen a priori als Themen und als thematisches Material. Bisweilen wird eine komplette Reihe in kleinen Notenwerten als Spielfigur verwendet, z. B. in der "Missa super modos duodecimales", Credo (1960) oder im 3. Satz des "Orgelkonzertes" (1963).

Abb. 9. Anton Heiller, Kleine Messe über Zwölftonmodelle, Kyrie

Überhaupt könnte man das Orgelkonzert als eines der reifsten Werke Heillers bezeichnen; es ist ein Kulminationspunkt gelungener Synthese der genannten Einflüsse zu einem eigenständigen, runden Personalstil. Mehrere 12-Ton-Reihen erzeugen das schon erwähnte freitonal-gleichgespannte Klima; die daraus gewonnenen prägnanten Themen lassen an das Vorbild Hindemith denken. Von Frank Martin kommen harmonische Farben, aber auch etwa die Aneinanderreihung von drei B-A-C-H-Gruppen zu einer Zwölftonreihe. Das Werk ist traditionell in der Form und hält auf Grund sehr unterschiedlicher Abschnitte – auch innerhalb der drei Sätze – die Spannung. Für Heillers Doppelkonzert gilt ähnliches, wobei dort der Einfluss Martins noch stärker spürbar ist. Heiller sagt selbst, er sei von Martin sehr beeindruckt, „besonders was die Behandlung von Zwölftonreihen betrifft und die Strukturierung des musikalischen Materials durch sie. Gerade in Martins Werken wurde mir klar, dass Zwölftonreihen nicht unbedingt völlig atonal sein müssen, sondern durchaus auch tonale Funktionen beinhalten können: sie können auf Grund ihrer Konstruktion die tonalen Hauptstufen einschließen (I, IV, V) oder andere Funktionen in zwei oder drei Tonalitäten umkreisen.“

Drei außergewöhnliche Spätwerke müssen noch erwähnt werden. 1970 entsteht die "Adventmusik" (Oberchor, Violine, Oboe, Orgel), 1972 die "Passionsmusik" (Oberchor und Orgel). Heiller hat fast nie „für die Praxis“ geschrieben, aber hier gelingt die so schwierige Balance von Machbarkeit und anspruchsvollem Personalstil auf spektakuläre Weise. Die von ihm selbst besorgte Textgestaltung ist ein kleines Meisterwerk für sich. – Als letztes großes Werk komponierte Heiller 1976 für die Einweihung der neuen Grazer Domorgel seine "Vesper" für Kantor, Chor und Orgel; dem Anlass gemäß bietet der Orgelpart reiche Entfaltung, und dem Chor wird noch einmal viel abverlangt. Während in den zuvor genannten Werken eher milde Harmonik vorherrscht, schreibt Heiller in der Vesper viele gleichsam strahlende Dissonanzen. – Am 25. März 1979 verstarb der Komponist unerwartet in seinem Geburts- und Wohnhaus in Wien.

Abb. 10. Anton Heiller, Fotografie 1973 - (Archiv Bernhard Heiller)

Anton Heiller ist als konzertierender und kursleitender Organist sehr viel gereist, und es ist verblüffend, dass er gleichzeitig eine so große Anzahl von Werken schreiben konnte – nur die wichtigsten wurden in diesem Text erwähnt. Für die jüngere Generation verschieben sich Person und Werk Anton Heillers allmählich in die nähere Musikgeschichte; als stilbildender Organist ist er immerhin noch vielen präsent, und sei es durch Erzählungen von Schülern und Enkelschülern. Zwei neue Gesamtaufnahmen seiner Orgelwerke stehen zur Verfügung; eine CD-Kompilation einiger seiner herausragenden Improvisationen ist in Vorbereitung. Man sollte das Andenken an diesen wichtigen österreichischen Musiker wachhalten – am besten durch Aufführungen seiner Werke.

Abb. 11. Anton Heiller, Choralvorspiel Verleih uns Frieden gnädiglich - F125.Heiller.2063 MUS

Seit 1996 befindet sich der Nachlass Anton Heillers in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Im September 2023 erscheint eine neue Gesamteinspielung der Orgel- und einiger Vokalwerke mit Ludwig Lusser (Ambiente). Eine weitere Gesamtaufnahme der Orgelwerke hat Roman Summereder vorgelegt.

Über den Autor: Peter Planyavsky ist Organist, Pädagoge und Komponist. Er war viele Jahre Domorganist und auch Dommusikdirektor an St. Stephan in Wien.


Literatur

Peter Planyavsky, Anton Heiller. Alle Register eines Lebens. Wien 2009
Peter Planyavsky, Kompositionsprinzipien und Ästhetik im Werk von Anton Heiller. Wien 2023 (= Phil. Diss. an der Universität für Musik Graz, 2017).

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