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Pressemeldung


28. April 2021

Wiedereröffnung Papyrusmuseum 
Ein großes Museum in neuem Glanz

 

Ab 4. Mai

Das Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek bietet die weltweit größte Ausstellung antiker Schriftstücke. Nach einem umfassenden Relaunch präsentiert sich das Museum in der Neuen Burg am Heldenplatz in neuem Glanz: Statt der bisherigen Objektpräsentation in dicht aufgestellten Vitrinenreihen werden die rd. 400 Originalobjekte nun in zeitgemäßem Ambiente mit neuem Begrüßungsraum, großflächigen Wandillustrationen und neuem Lichtkonzept vorgestellt. Um ein abwechslungsreiches Museumserlebnis für unterschiedlichste Zielgruppen zu ermöglichen, wurde die Dauerausstellung um mehrere Medienstationen ergänzt, zusätzlich gibt es einen Audioguide in Deutsch, Englisch und für Gehörlose, einen Erlebnisraum zum antiken Totenkult und einen erweiterten Kinderbereich für das Kulturvermittlungsprogramm. Ein eigens konzipierter Medientisch informiert über die Arbeit der PapyrologInnen, den antiken Unterricht, die auf Papyrus vertretenen Sprachen und Schriften sowie das magische Satorquadrat.

Schon vor der Eröffnung des Museums gibt es am Samstag, 1. Mai und Sonntag, 2. Mai kostenlose Online-Führungen mit Dr. Bernhard Palme, dem Direktor des Papyrusmuseums, sowie Dr. Angelika Zdiarsky, der Kuratorin der Dauerausstellung.

Geplant wurde der Umbau durch das renommierte Architekturbüro BWM Architekten.

Papyrusmuseum und Papyrussammlung

Das Ende des 19. Jahrhunderts gegründete und nach mehreren Zwischenstationen 1999 am heutigen Standort feierlich wiedereröffnete Papyrusmuseum ist das Schaufenster der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Mit mehr als 180.000 Objekten zählt diese Sammlung zu den weltweit bedeutendsten Institutionen auf ihrem Fachgebiet. Sie wurde 2001 in ihrer Gesamtheit in das „Memory of the World“-Register der UNESCO eingetragen. Das nun wiedereröffnete Papyrusmuseum kann daher 400 originale Objekte des Weltdokumentenerbes aus 3.000 Jahren Schriftgeschichte präsentieren.

Geplant wurde der Relaunch des Museums vom renommierten Architekturbüro BWM Architekten, die für die Österreichische Nationalbibliothek bereits das Literaturmuseum und das Haus der Geschichte Österreich gestaltet haben. Dafür war das Museum von Oktober 2020 bis Anfang Mai 2021 geschlossen.

Die gezeigten literarischen und dokumentarischen Schriftstücke auf Papyrus, Papier, Pergament, Ton und Holz stammen großteils aus dem antiken und frühmittelalterlichen Ägypten. Die Texte dokumentieren in unterschiedlichsten Sprachen historische Ereignisse, gesellschaftliche und religiöse Werte, zeigen kulturell und sprachlich geprägte Unterschiede auf, betonen kulturunabhängige Gemeinsamkeiten menschlichen Handelns und berichten unmittelbar vom Alltag und den Freuden, Sorgen und Hoffnungen der Menschen. Die Zeugnisse der Ägypter, Griechen, Römer, Byzantiner und Araber stehen dabei gleichberechtigt nebeneinander, ebenso jene zur altägyptischen Religion, zu den griechisch-römischen Kulten, zum Judentum, Christentum und Islam. Präsentiert werden diese vielfältigen Schriftzeugnisse in zwölf Themenkreisen sowohl im Original als auch in mehreren Medienstationen.

Totenkult

Die ägyptische Kultur hat so viele Totengedenken und Jenseitsvorstellungen, Bestattungsformen und Grabgestaltungen hervorgebracht wie kaum eine andere. Die mehrsprachige und multiethnische Kultur des hellenistisch-römischen Ägypten ist durch Totenbücher, Grabstelen und ausdrucksstarke Mumienportraits vertreten. Besonders beeindruckend sind die meterlangen Totenbücher auf Papyri, die im neuen Museum einen eigenen Raum bekommen haben. Diese Schriftrollen versammeln religiöse Texte, die die Verstorbenen mit magischem Wissen ausstatten sollten. Die darin vermerkten Sprüche beinhalten Informationen für ein Leben nach dem Tod – beispielsweise in Form von Anweisungen, mythologische Anspielungen, Hilfestellungen oder der korrekten Bezeichnung göttlicher Wesen.

Das farbig gestaltete Totenbuch des Sesostris ist mehr als 3.400 Jahre alt und somit das älteste Objekt der Österreichischen Nationalbibliothek. Heute sind noch ungefähr sechs Meter seiner ursprünglichen Länge erhalten. Diese Rolle diente einem Mann namens Sesostris als Grabbeigabe; für ihn hat man eine Auswahl an Texten und Bildern aus dem umfangreichen Repertoire der Totenbuchsprüche zusammengestellt und jeden Spruch mit seinem Namen personalisiert. Das Totenbuch der Taruma, einer Musikantin des Gottes Ptah, ist über 2.000 Jahre alt und somit über 1.000 Jahre jünger als das Totenbuch des Sesostris. Dies macht deutlich, wie lange die Menschen im antiken Ägypten auf die Inhalte der Totenbuchsprüche vertrauten, um ihre jenseitige Existenz abzusichern.

Magie und Volksfrömmigkeit

Für die Menschen des Altertums war es Gewissheit, dass sich der Wille einer Gottheit und die vom Schicksal vorherbestimmte Zukunft in Vorzeichen andeuten, die man durch geeignete Methoden ergründen kann. Unter den Papyri finden sich daher zahlreiche, inhaltlich sehr unterschiedliche Dokumente einer Wahrsagekunst, die sich über die Jahrhunderte hinweg großer Beliebtheit erfreute. Eng damit verknüpft war die Magie, also der Versuch, durch bestimmte Kulthandlungen und Sprüche das Schicksal zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen. Amulette, die ihre TrägerInnen vor dem giftigen Stich des Skorpions schützen sollten, oder ein Zauberpapyrus, der den unbekannten Dieb eines gestohlenen Messinggefäßes verfluchte, stehen für ihre Anwendung im Alltag. Auch nach der Christianisierung der römischen Welt lebten manche traditionelle Vorstellungen noch lange weiter und Horoskope haben sich bis heute in Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen gehalten.

Religion

In der klassischen Antike war Ägypten das Ursprungsland der Religion schlechthin. Bereits als die Griechen und dann die Römer nach Ägypten kamen, blickten die ägyptischen Kulte schon auf eine Jahrtausende alte Tradition zurück. Spätestens ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. gab es zudem eine wachsende jüdische Gemeinde in Ägypten. Im Umkreis der alexandrinischen Gemeinde entstand ab 250 v. Chr. die griechische Übersetzung der hebräischen Bibel: die Septuaginta. In der Dauerausstellung ist unter anderem ein Blatt der hebräischen Bibel auf Pergament zu sehen. Während des 4. Jahrhunderts n. Chr. tritt in Ägypten ein dynamisches christliches Gemeinwesen in den Vordergrund, das maßgeblich die dogmatischen Diskussionen der Spätantike beeinflusste, die klösterliche Lebensform entwickelte und die erste Mönchsregel schuf. 641 n. Chr. eroberten die Araber Ägypten und damit begann eine über Generationen dauernde Ausbreitung der arabischen Sprache und des Islam. Die Ausstellung zeigt frühe Handschriften des Koran und die ältesten Dokumente arabischer Herrschaft und Kultur in Ägypten.

Antike Literatur

Viele antike Klassiker der Weltliteratur haben sich auf Papyrus erhalten. Die Bedeutung dieser literarischen Papyri liegt einerseits darin, dass hier Werke überliefert sind, die in der handschriftlichen Tradition des europäischen Mittelalters verloren gingen. Andererseits sind literarische Papyri aufgrund ihres hohen Alters viel näher an den originalen Texten als die frühesten überlieferten Handschriften des Abendlandes. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen authentischen Text ohne Kopierfehler überliefern, deutlich höher als bei späteren Abschriften. Die Ausstellung spannt einen Bogen von der altägyptischen Literatur über die griechischen und lateinischen Klassiker wie Homer bis zu arabischer und koptischer Literatur.

Wirtschaftsleben

Wer von wem ein Stück Weinland pachtete, wann der Nil welchen Stand erreichte und wo welcher Handel betrieben wurde: All das wurde auf Papyri festgehalten. Sie dokumentieren somit die vielfältigen Wirtschafts- und Erwerbszweige in Landwirtschaft, Handwerk und Handel. Besonders der Stand des Nils und die jährlichen Überflutungen wurde penibel aufgezeichnet, nicht zuletzt deshalb, weil diese Berichte die Grundlage für die Berechnung der Steuerforderung waren.

Individuum und Gesellschaft

Die dokumentarischen Papyri ermöglichen jedoch auch einen Blick in das Privatleben ihrer jeweiligen ProtagonistInnen. Menschen aus allen sozialen Schichten und von verschiedener Herkunft kommen so in den Exponaten zu Wort. Anhand der Schriftstücke lassen sich in seltenen Fällen sogar die Schicksale ganzer Familien rekonstruieren wie im Archiv des Aurelios Asklepiades und seiner Mutter Charite aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. Über 70 Texte beleuchten das Leben dieser Familie über drei Generationen. Sie alle gehörten der städtischen Oberschicht von Hermupolis an, bekleideten Ämter und verwalteten große Ländereien – aber sie hatten auch finanzielle Engpässe und juristische Streitigkeiten zu überwinden. In der Ausstellung kann man die eigenhändige Unterschrift von Charite auf einem Papyrus betrachten – ein seit rund 1700 Jahren konservierter Schatz.

Privatbriefe

Aus der Antike haben sich Privatbriefe nur auf Papyrus erhalten, diese authentischen Briefe von einfachen Menschen sind für die Geschichtswissenschaft ein wahrer Glücksfall. Einer dieser Glücksfälle ist im wiedereröffneten Museum zu sehen: Mehrere, an einen gewissen Macedo adressierte Schreiben wurden zu einer Rolle zusammengeklebt, deren Rückseite man später für eine Abrechnungsliste nutzte. Die Briefe an Macedo entstanden in den Jahren 5 bis 2 v. Chr. und sind somit die ältesten im Original erhaltenen Zeugnisse lateinischer Briefkultur. Der Adressat der Briefe könnte entweder ein Freigelassener sein, oder aber – worauf die Anrede „Kamerad“ im zweiten Brief hinweist – ein römischer Soldat. Der Absender eines der Briefe warnt Macedo vor übler Nachrede. Neben diesen Briefen sind auch etwa ein Empfehlungsschreiben und ein Kondolenzbrief ausgestellt.

Amtliche Kommunikation

In Petitionen wandten sich Personen aller Gesellschaftsschichten an Amtsträger, um in juristischen Streitfragen oder Steuerangelegenheiten ihr Recht zu erlangen. Ptolemäische Könige, römische Kaiser und Statthalter, arabische Wesire, aber auch Amtsträger der lokalen Ebene verlautbarten Anordnungen, die als Abschriften in alle Teile des Landes verschickt wurden. So haben sie – unbeabsichtigt – historisch wichtige Zeitdokumente hinterlassen, die ein detailreiches Bild von der jeweiligen Herrschaft und dem Regierungsstil zeigen. Welcher Aufwand damit oft verbunden war, zeigen etwa die Petitionen der Bürger von Antinoupolis, die eine Delegation nach Rom entsandten, um sich die Genehmigung zur Erweiterung des Stadtrates und die Bestätigung alter Privilegien zu holen.

Rechtswesen und Militär, Verwaltung und Steuern

Aus der griechisch-römischen, aber auch aus der früharabischen Epoche liegen tausende Dokumente zur Steuerverwaltung vor, die eine penible Buchführung zeigen. Mit ähnlichem Aufwand sorgten die antiken Staaten für die Sicherheit und Rechtssicherheit – was zahlreiche Schriftstücke zur militärischen Besatzung des Landes und die Akten der Rechtssprechung verdeutlichen.
Die Dauerausstellung im wiedereröffneten Papyrusmuseum präsentiert amtliche Schriftstücke aus einem Zeitraum von über 1.000 Jahren. Unter ihnen befindet sich auch die kaiserliche Anordnung einer Osteramnestie. Osteramnestien wurden von den Kaisern jährlich gewährt. Sie erstreckten sich jeweils nur auf leichte Delikte und Steuerschulden, während Gewaltverbrechen, Staatsverbrechen, Giftmischerei und Schadenszauber sowie Religionsfrevel, Kirchenraub, Grabschändung und Geldfälscherei von der Osteramnestie ausgenommen waren.

Materialkunde und Sammlungsgeschichte

Ein eigenes Kapitel ist natürlich dem Material gewidmet, dem das Museum seinen Namen verdankt: Papyrus. Schon am Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr. wurde in Ägypten ein Verfahren entwickelt, um aus der Papyrusstaude einen langlebigen und leicht zu transportierenden Beschreibstoff herzustellen. Dazu wurde der dreieckige Stängel der Papyruspflanze in Streifen geschnitten, in zwei Schichten quer übereinander gelegt, geklopft, gepresst und getrocknet. Durch Aneinanderkleben einzelner Blätter entstand dann die Papyrusrolle: die typische Buchform der Antike. Erst ab dem späten 8. Jahrhundert n. Chr. wurde Papyrus allmählich vom Papier verdrängt.

Dass sich heute so viele Papyri in Wien befinden, verdankt sich der privaten Sammelleidenschaft des Habsburgers Erzherzog Rainer. Er begann ab 1883 Schriftdokumente anzukaufen, die kurz davor in antiken Müllhalden in Ägypten gefunden worden sind. 1899 schenkte er seine Sammlung Kaiser Franz Joseph zum Geburtstag und dieser wies sie der Hofbibliothek zu, der Vorgängerin der Österreichischen Nationalbibliothek.

Die Verwendung des zur Verfügung gestellten Bildmaterials im Rahmen der Berichterstattung über die Österreichische Nationalbibliothek ist kostenfrei. Copyright, falls nicht anders angegeben: Österreichische Nationalbibliothek.

Pressekontakt:
Mag. Thomas Zauner
Kommunikation und Marketing
Josefsplatz 1
1015 Wien
Tel.: +43 1 53410-270
Mobil: +43 664 2012718
thomas.zauner@onb.ac.at

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