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Ich bin ein Mädchen aus Wien – Es gibt keinen Abschied

03.04.2020 Bibliotheksblog
Ariadne, Geschichte in Geschichten, Bibliotheksblog
Ich bin ein Mädchen aus Wien – Es gibt keinen Abschied

Autorin: Christa Bittermann-Wille


Abb.1: Gerda Lerner, ca. 1940, Schlesinger Library, Radcliffe Institute, Harvard University

Gerda Lerner (1920-2013) zum 100. Geburtstag am 30. April 2020

Gerda Lerner, in Wien am 30. April 1920 als Gerda Kronstein geboren, ist die amerikanische Pionierin der Frauengeschichtsforschung – mit dieser Wissenschaft erlangte sie weltweite Anerkennung. Weniger bekannt ist ihr Schicksal in jungen Jahren im austrofaschistischen Wien, ihre Inhaftierung als junge Frau nach dem „Anschluss“ Österreichs, ihre Flucht und die ersten Exiljahre in den USA – Themen, die sie in etlichen autobiografischen Werken verarbeitet hat. Damit sollte sie zweifelsohne auch dem Kanon der Exil- und Frauenliteratur zugeschrieben und wieder ins kollektive Gedächtnis gerufen werden.

Ein besonderes Fundstück stellt der erste autobiografische Text dar, den Gerda Kronstein, verheiratete Jensen, in den USA bereits 1941 in englischer Sprache unter dem Titel: „The Prisoner“ verfasste. Er wurde auch in deutscher Übersetzung („Die Gefangene“) in fünf Fortsetzungen 1942 in der Emigranten-Zeitschrift „Freie Oesterreichische Jugend“, der Monatsschrift des „Free Austrian Youth Committee“, in New York publiziert. Ein äußerst rares Exil-Dokument, das an der Österreichischen Nationalbibliothek als Mikrofilm vorhanden ist:


Abb. 2: ÖNB, Typoskript 1942, Sig. MF 179 Neu MIK

Mit dieser Erzählung unternahm sie die ersten Schritte als amerikanische Schriftstellerin und verarbeitete zugleich ihre schrecklichen Erlebnisse im Austrofaschismus und den „Anschluss“ durch die Nationalsozialisten in Österreich. In ihrer Community erhielt sie damit auch den Status als Opfer des Faschismus. Zum Inhalt: Vier Mädchen in eine Zelle gepfercht, wissen nicht, ob sie die nächsten Wochen überleben werden. Verhöre, Schläge, Hunger und Ungewissheit prägen diesen furchtbaren Alltag. Im Mittelpunkt steht Anna, die Fluchthelferin, die den Tod vor Augen, schließlich zu drei Jahren Konzentrationslager verurteilt wird und sogar damit die Hoffnung verknüpft, weiter etwas bewirken bzw. gegen die Nazis kämpfen zu können.

Jugend zwischen Bürgerlichkeit und Auflehnung

Gerda (Hedwig) Kronstein verbrachte ihre Kindheit in Wien in einer wohlsituierten, assimiliert jüdischen Familie – der Vater Robert Kronstein besaß die Rathausapotheke (finanziert von der Mitgift der Ehefrau), die Mutter Ili Kronstein war freisinnige Malerin. Die ersten Jahre verliefen harmonisch. Ihre Jugendjahre erlebte sie mit gesellschaftlicher Anerkennung und künstlerischen Freiräumen, die das Milieu ihrer Mutter mit KünstlerInnen und Intellektuellen boten. Erste unangenehme Einschränkungen erfolgten durch den Austrofaschismus, den sie als politisch interessiertes Mädchen hautnah miterlebte. Gerda las Untergrundzeitungen, hatte kommunistische FreundInnen und engagierte sich in der „Roten Hilfe“ - für die Familien von Opfern der Februarkämpfe. Sie war in einem kommunistischen, intellektuellen Studentenzirkel aktiv – auch ein Aufenthalt in einem sozialistischen Jugendcamp in Wales formte sie dahingehend. Von all diesen marxistischen Aktivitäten ahnte ihre Familie nichts. Diese Jahre prägten Gerda Lerner, machten sie sehr selbstbewusst und legten den Grundstein für ihren lebenslangen politischen (linken) Aktivismus. „Damals wurde ich politisch aktiv, weil die Regierung auf Zivilisten schießen ließ. Ich hörte die Artillerie und Maschinengewehre und gleichzeitig spielte das Radio Wiener Walzer…“ (» zit. Interview mit Gerda Lerner in englischer Sprache, Film von Renata Keller, 2016)


» Abb.3: » Es gibt keinen Abschied, 2017 (Coverbild mit freundlicher Genehmigung Czernin Verlag, Wien)

Inhaftierung und Vertreibung aus Österreich

Nur wenige Tage nach dem Anschluss an Hitlerdeutschland erfolgten mutwillige Hausdurchsuchungen und Beraubung durch marodierende SA-Einheiten. Die Jüdinnen Gerda und Ili Kronstein wurden von der Gestapo verhaftet. Sie waren Geiseln für den bereits in Liechtenstein aufhältigen Vater. Robert Kronstein hatte dort schon 1933 eine Apothekenfiliale eröffnet. Vom antifaschistischen Aktivismus der Tochter hatte die Gestapo glücklicherweise keine Kenntnis. An diese traumatischen Erlebnisse wird sie sich ein Leben lang erinnern. Ihren 18. Geburtstag musste sie in Haft verbringen. Erträglich wurde die Situation durch die Solidarität unter den inhaftierten Frauen und Gedanken an die „Normalität“ draußen: darunter die Sorge, dass sie in diesem Frühling 1938 als Klassenbeste im Gymnasium ihre Matura versäumen könnte. Gerda setzte alle Hebel in Bewegung, wandte sich an die Wärterinnen, schrieb Briefe an FreundInnen und kontaktierte ihre LehrerInnen. Etliche von diesen waren bereits deklarierte NationalsozialistInnen – sie setzten sich trotzdem für die Musterschülerin ein, schließlich benötigten sie sie für die Jahresabschlussfeier. Nach sechs Wochen Haft, diversen Verhören und der schriftlichen Erklärung, dass die Familie sofort ausreisen werde, wurden Gerda und Ili Kronstein aus der Haft entlassen. Nur einen Tag später legte Gerda - vor einer neu einberufenen (Nazi-)Maturakommission ihre Reifeprüfung „magna cum laude“ ab und hielt auch ein viel beachtetes Abschiedsreferat über die deutsche Ballade. Nach weiteren belastenden Schikanen gelang es Ili und Gerda Kronstein sowie der jüngeren Tochter Nora mit vom Vater organisierten Aufenthaltspapieren endlich im September 1938 nach Liechtenstein auszureisen.

(zit. » Gerda Lerner, Feuerkraut 2014, S.169 ff)


» Abb.4: » Gestapogebäude, ehemaliges Hotel Metropol, Morzinplatz, Bildarchiv

Wenige Monate danach wurde die Familie endgültig auseinandergerissen. Sie waren zwar nun im sicheren Exil in Liechtenstein, doch Gerda entschloss sich, mit ihrem Verlobten Bernhard Jensen in die USA zu emigrieren. Die Familie Jensen organisierte die nötigen Affidavits. Es blieben nur mehr wenige Monate, in denen Gerda bei ihrer Familie war, danach sollten sie sich nie wiedersehen. Die Mutter Ili Kronstein kehrte noch 1939 dem sicheren, aber zu langweiligen Vaduz und ihrem Ehegatten den Rücken und verlagerte ihr Künstlerinnenleben in das zunehmend unsicher werdende Südfrankreich. Trotz der prekären politischen Umstände, Angst vor der Gestapo, Inhaftierung in Gurs etc. gelang es ihr, sich künstlerisch zu entfalten; sie avancierte von der Amateurin zur selbstbestimmten, anerkannten Malerin. Für die weit entfernte Tochter Gerda, die natürlich auch mit prekären Lebensverhältnissen zu kämpfen hatte, stieß dieses Beharren und Negieren der politischen Situation auf ziemliches Unverständnis. Sie konnte nicht nachvollziehen, warum die Mutter nicht einfach ins sichere Liechtenstein zurückkehrte, denn das Besorgen von Ausreisegenehmigungen in die USA wurde immer schwieriger – schließlich musste dieser Plan ganz aufgegeben werden. Auch unmittelbar nach dem Krieg ergab sich nicht gleich die Möglichkeit eines Wiedersehens – was die Tochter Gerda Zeit ihres Lebens bereute, denn die Künstlerin Ili Kronstein, starb bereits 1948 im Alter von nur 51 Jahren, zurück in Zürich, an Multipler Sklerose.
(zit. » Gerda Lerner: Ili Kronstein, ein Künstlerleben, 2000)

Verankerung im Exilland – autobiografisches Schreiben

Für die junge Gerda Kronstein, jetzt verheiratete Jensen, und dennoch staatenlose jüdische Immigrantin, begann in den USA die Sorge um das Überleben im Alltag – begleitet von der Furcht über das Schicksal ihrer zurückgeblieben Familie in Europa. Sie nahm alle Jobs an – als Hausmädchen, Sekretärin oder Verkäuferin und machte auch eine Ausbildung zur Röntgenassistentin, um einen Brotberuf zu haben. Bis zu ihrer Einbürgerung 1943 in die USA galt sie als „feindliche Ausländerin“, da ihr ja als Jüdin und Österreicherin bei der Ausreise ein deutscher Pass aufgezwungen wurde. Das änderte sich erst, als die USA Österreich als besetztes Land anerkannten. Trotz vieler Alltagssorgen und auch Krankheiten war sie immer davon beseelt eine amerikanische Schriftstellerin zu werden. Von Anfang an sprach, schrieb, ja dachte und träumte sie auf Englisch – später musste sie sich dazu zwingen wieder Deutsch zu sprechen (zit. » Gerda Lerner, Feuerkraut, 2009, S. 100).

Wie viele andere in der exilierten Community wurde das Schreiben auch für sie eine Methode, Flucht und Vertreibung, den Verlust ihrer Familie und Heimat, literarisch zu verarbeiten. Damit wurde auch sie zu einer wichtigen Zeitzeugin. Nach dem Scheitern der kurzen Ehe mit Bernhard Jensen, lernte sie über ein gemeinsames Theaterprojekt Carl Lerner kennen, einen kommunistischen Theaterregisseur, Filmeditor und Cutter und leidenschaftlichen Gewerkschafter. Sie gründeten eine Familie, bekamen die Kinder Stephanie und Daniel und bauen sich eine Existenz in Hollywood auf. Sie führten von Anfang an eine Ehe auf Augenhöhe und verfolgten gemeinsame Projekte.

Bereits 1941 begann sie – nach ersten Kurzgeschichten (siehe oben) mit ihrem ersten autobiografischen Roman: „No Farewell“ (zit. » Gerda Lerner, No Farewell, 1955). Der Roman umspannt die Zeit des Austrofaschismus in Wien, 1934-1938: Das Leben einer bürgerlichen Familie gerät aus den Fugen, manche engagieren sich im Widerstand, andere sind MitläuferInnen – oder auch MittäterInnen; Frauen übernehmen neue Rollen, die Familienversorgung etc. Gleichzeitig wird den Schauplätzen ihrer Jugend und der Erinnerung an die alte Heimat ein Denkmal gesetzt: „Der blauen Donau“, „Dem Wiener Wald“, „Dem Karl-Marx-Hof“.


Abb.5: » Karl-Marx-Hof beschädigt,1934, Bildarchiv

Gerda Lerner zeichnete ein eindrucksvolles Porträt Wiens und zugleich ein vielschichtiges Stimmungsbild jener entscheidenden Zeit des politischen Wandels. („Einer aus echtem Erleben schöpfenden Dichterin ist es hier gelungen, romanhaft darzustellen, wie die Zeitereignisse tief und unwiderruflich in die Sphäre des Privaten und Privatesten einschneiden und es von Grund auf umwühlen“, (zit. Buchumschlag, » Gerda Lerner, Es gibt keinen Abschied, Ausgabe 1953).

Der Schreibprozess in der neuen Sprache erforderte ihre ganze Kraft – auf der einen Seite die Versorgung der Kinder, ständige Geldsorgen, die Hausarbeit, Umzüge – auf der anderen ihre Bemühungen, im amerikanischen Idiom zu schreiben. Sie war nie mit sich zufrieden; ständig arbeitete sie an Phrasen, Redewendungen, eignete sich spezielles Vokabular an und belegte amerikanische Schreibkurse. Dieser Akribie und den Lebensumständen geschuldet, konnte sie ihren „Wiener Roman“ auch erst Anfang der 1950er-Jahre (nach sieben Versionen und zwölf Jahren) beenden. Der Roman fand zwar positive Beachtung, aber leider keinen amerikanischen Verleger; das Thema des aufkommenden Faschismus in Europa schien zu dieser Zeit in den USA bereits erschöpft zu sein. Es sollte eine Remigrantin und Lektorin des Wiener (kommunistischen) Globus-Verlages sein, nämlich Edith Rosenstrauch-Königsberg, die auf das Manuskript von Gerda Lerner aufmerksam wurde und eine Übersetzung und Überarbeitung ins Deutsche veranlasste. Der Roman „Es gibt keinen Abschied – ein Wiener Roman“ ist bis 1955 unter dem Pseudonym „Margarete Rainer“, in drei Auflagen erschienen und wurde von der Kritik sehr positiv aufgenommen. Die Wahl des Pseudonyms (der Name zum Gedenken einer im Holocaust ermordeten Tante) war sicher den damaligen politischen Umständen in den USA, der sogenannten McCarthy-Ära geschuldet. Die Familie Lerner wurde wegen ihres politischen (kommunistischen) Engagements zunehmend angefeindet und übersiedelte damals auch wieder zurück nach New York. Abermals musste – zwar unter anderen Vorzeichen – ein neues Zuhause gefunden werden. Der Erfolg in ihrer alten Heimat Österreich bestärkte sie, nochmals die englische Fassung („No Farewell“) – dieses Mal unter ihrem Namen Gerda Lerner – zu veröffentlichen. Sie publizierte diese 1955 mithilfe einer Beteiligung an der „Verlagskooperative Associated Authors“ in New York. Sie stellte das Buch bei etlichen Lesungen selbst vor, konnte schließlich 2.500 Exemplare davon verkaufen und damit endlich gebührende Anerkennung erlangen.

Ein neues jüngeres Publikum aus der Frauen- und Geschlechterforschung, dem Gerda Lerner ein ganz anderer Begriff ist, fand die deutsche Wiederauflage des Romans, der 2017 im Wiener Czernin Verlag herausgebracht wurde und dem Marlen Eckl im Vorwort eine „Erfahrung in politischer Lektion“ voranstellt. (zit. » Gerda Lerner, Es gibt keinen Abschied, Ausgabe 2017). Eine ausführliche » Rezension zur Neuauflage von Lucia Gotz findet sich auf der Ariadne-Website.

Erfolg als Wissenschaftlerin

Ab Ende der 1950er-Jahre – in einer schriftstellerischen Krise, etliche publizistische Projekte waren gescheitert – verwirklichte Gerda Lerner im Alter von 38 Jahren einen anderen Traum; sie begann ein Studium der Geschichtswissenschaft, ursprünglich nur um Wissen für einen historischen Roman zu sammeln. Damit startete ihre wissenschaftliche Karriere, die sie schlussendlich als „godmother of women’s history“ etablierte. Ausgangspunkt war wiederum ihr politisches Engagement – hier in der Bürgerrechtsbewegung der USA. Mit ihrer Dissertation 1966 promovierte sie als Erste über ein frauengeschichtliches Thema: Sie beschäftigte sich mit den Schwestern Grimke, die in South Carolina gegen die Sklaverei gekämpft hatten und zugleich für die Rechte von Frauen und Schwarzen in den USA im 19. Jahrhundert eintraten. Diese Darstellung gilt heutzutage als Klassiker: „The Grimké Sisters from South Carolina. Rebels Against Slavery“, 1967. Oftmals in ihrem Leben betonte Gerda Lerner, dass sie ihre Erfahrungen mit Ausgrenzung, Antisemitismus und Faschismus in ihrer Jugend in Österreich zur Frauengeschichte geführt hätten.

1968 wurde sie Professorin am Department of History des Sarah Lawrence College. Dort etablierte sie 1972 das landesweit erste Masterprogramm in Frauengeschichte.

Seit 1980 hatte sie die Robinson-Edwards Professur an der University of Wisconsin inne. Dort richtete sie 1990 den landesweit ersten Promotionsstudiengang für Frauengeschichte ein. Sie unternahm zahlreiche Bemühungen, das Fach an den Universitäten und in der Öffentlichkeit zu etablieren und war erfolgreich damit. In den 1980er- und 1990er-Jahren folgten auch die europäischen Universitäten mit ihren Frauen- und Geschlechterforschungsprogrammen. „Ich schätze mich glücklich, in führender Rolle an einer intellektuellen Revolution teilgehabt zu haben, die den Frauen ihre Geschichte wiedergab und sie vom Rand in die Mitte des intellektuellen Diskurses rückte“. (zit. » Gerda Lerner, Feuerkraut, 2009, S. 13)

Sie ist Autorin von zehn Klassikern zur Frauengeschichte (u.a. „Die Entstehung des Patriarchats“, „Die Entstehung des feministischen Bewusstseins“, Campus-Verlag), die zum weltweiten Kanon der feministischen Grundsatzliteratur gehören.


Abb.6: »Photo by Martha Nelson Hollis Images, Schlesinger Library, Radcliffe Institute, Harvard University

Als emeritierte Professorin nahm sie nochmals ihr autobiografisches Schreiben auf. Aus der Distanz der Jahrzehnte fügte sie alle Puzzlesteine zusammen: Kindheit, Jugend, Familienleben, Austrofaschismus, Exil und beendete diese, wie sie es nannte „Teilbiografie“, mit dem Jahr 1958, als ihr Leben als Historikerin begann (»zit. Gerda Lerner, Fireweed 2002). Aus der Distanz der Jahrzehnte konnte sie endlich mit ihrer eigenen Stimme sprechen. Mit viel Humor und Selbstironie schilderte sie ihre Kindheit in Wien, ihr Leben vor und nach der Vertreibung aus Österreich, die ersten Exiljahre, ihre Ehen, ihre Mutterrolle, ihr politisches und zivilgesellschaftliches Engagement, auch als Kommunistin, ihren Weg als Schriftstellerin und „späte“ Wissenschaftlerin. Nicht zu kurz kommt dabei ihr wacher Geist, was allgemeine Politik, die Rassengesetze und ungerechte Arbeitsverhältnisse und Arbeitnehmerpolitik in den 1940er- und 1950er-Jahren in den USA betraf. Daher war es ihr auch wichtig, ihre Auto- bzw. Teilbiografie als „politisch“ zu bezeichnen. „Ich muss über meine eigene Erfahrung schreiben, weil meine Erfahrung eine politische Lektion beinhaltet. Wenn ich nur gut genug schrieb, dann würden die Leute diese politische Lektion mitbekommen, während sie dabei unterhalten werden.“ (zit. » Gerda Lerner, Feuerkraut, 2014, Seite 316). Der Titel Feuerkraut (engl. Fireweed) war für sie eine Metapher ihres Lebensweges: das widerstandsfähige Weidenröschen blüht auch auf Trümmerfeldern und verbrannter Erde. Die brillante deutsche Übersetzung 2009 durch Andrea Holzmann-Jenkins wurde zur geschätzten Teamarbeit mit der Autorin und konnte u.a. durch WienKultur, den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und das Renner-Institut Wien realisiert werden.


Abb.7: » Umschlag für Lerner, Feuerkraut, mit freundlicher Genehmigung Czernin Verlag, Wien

Es sind die 1990er-Jahre, in denen die Ariadnefrauen (» Ariadne, Österreichische Nationalbibliothek) Gerda Lerner nicht nur als Galionsfigur der feministischen Geschichtswissenschaft wahrnahmen, und deren Werke in den Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek aufnahmen, sondern auch ihr spezielles – in Österreich bis dato negiertes Schicksal – in den Fokus rücken wollten.

Sehnsucht nach der Heimat und Versöhnung – späte Ehrungen und Anerkennung in Österreich

Gemeinsam mit politischen Initiativen, der Stadt Wien, dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, dem Wissenschafts- und Frauenministerium und Renner-Institut Wien etc. gelang es, Gerda Lerner auch in Österreich würdevoll ins Gedächtnis zu rufen:

Als erstes erhielt sie 1995 den » Käthe-Leichter-Preis und ein Jahr später das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst. Weltweit wurden ihr insgesamt 18 Ehrendoktorwürden verliehen, u. a. von der Universität Wien. Für ihr literarisches und publizistisches Gesamtwerk wurde sie 2006 mit dem » Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch geehrt. Damit gelang ein weiterer Konnex zur Österreichischen Nationalbibliothek: Die Ehrung erfolgte im Prunksaal im Beisein von Alfred Gusenbauer (als Bundesparteiobmann der Sozialdemokratischen Partei Österreichs), den ehemaligen Frauenministerinnen Helga Konrad und Johanna Dohnal, der damals amtierenden Präsidentin des Nationalrates Barbara Prammer sowie Generaldirektorin Johanna Rachinger.

Abb.8: Foto 2006 mit freundlicher Genehmigung, Renner Institut/Petra Spiola Wien

Kurz vor ihrem Tod folgte 2012 eine weitere österreichische Ehrung: der » Frauen-Lebenswerk-Preis des Frauenministeriums.

Die kritische Auseinandersetzung Österreichs mit dem Nationalsozialismus, die Förderung und Wiederherstellung jüdischer Geschichte habe es Gerda Lerner ermöglicht, wieder einen Weg nach Wien zurück zu finden. (Nachwort, » Gerda Lerner Feuerkraut, Neuauflage 2014, Seite 517)

 


Über die Autorin: Christa Bittermann-Wille war bis zu ihrer Pensionierung im Februar 2020 Mitarbeiterin von » Ariadne, frauen/genderspezifisches Wissensportal der Österreichischen Nationalbibliothek.



Zum Thema analog:

Lerner, Gerda: Fireweed: a political biography. - Philadelphia, Pa., Temple Univ. Press, 2002, Zitierlink: » http://data.onb.ac.at/rec/AC03581487
Lerner, Gerda: Feuerkraut: eine politische Biografie. - Neuauflage. – Wien, Czernin-Verlag, 2014, Zitierlink: » http://data.onb.ac.at/rec/AC07601389
Lerner, Gerda: Es gibt keinen Abschied. - Wien, Czernin-Verlag, 2017, Zitierlink: » http://data.onb.ac.at/rec/AC13642188
Lerner, Gerda: No farewell. – New York, Associated Authors, 1955, Zitierlink: » http://data.onb.ac.at/rec/AC08231249
Gerda Lerner: Ili Kronstein, ein Künstlerleben, 2000, Zitierlink: » http://data.onb.ac.at/rec/AC05588936
Rainer, Margarete. Es gibt keinen Abschied. – Wien, Globus-Verlag, 1953, Zitierlink: » http://data.onb.ac.at/rec/AC04730418
Gerda Jensen, Die Gefangene, 1942, Bestellung im Lesesaal 6: MF 179 Neu MIK
Hauch, Gabriella: "Es gibt keinen Abschied ..." Gerda Lerner (1920-2013) zum Gedenken. In: L' Homme 24 (2013), Heft 1, Zitierlink: » http://data.onb.ac.at/rec/AC00297940


Zum Thema digital:

» Gotz, Lucia: Rezension: Es gibt keinen Abschied, 2018


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