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Wien wird Weltstadt. Die Ringstraße und ihre Zeit

Vor 150 Jahren, am 1. Mai 1865, wurde die Wiener Ringstraße feierlich eröffnet. Wie kein anderes städtebauliches Vorhaben markiert die Errichtung des Prachtboulevards den Wandel zur Moderne und den Übergang Wiens von einer biedermeierlichen Idylle zu einer europäischen Metropole. Die hervorragendsten Künstler der Monarchie, aber auch begabte Amateure, Fotografen und Lokalschriftsteller waren Zeitzeugen dieses Umbruchs und zeichneten ihn auf vielfältige Weise auf. In der Ausstellung „Wien wird Weltstadt. Die Ringstraße und ihre Zeit“ zeigt die Österreichische Nationalbibliothek im Prunksaal eine beeindruckende Auswahl ihrer umfangreichen Bestände aus der Ära der Ringstraße.

Präsentiert werden mehr als 200 Exponate aus dem Zeitraum von 1823 bis 1930, die damit einen Bogen über ein ganzes Jahrhundert Wiener Stadtgeschichte spannen. Darunter sind einzigartige architektonische und stadtplanerische Dokumente sowie faszinierende Zeugnisse der Menschen von damals, die ein authentisches Bild vom Lebensgefühl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermitteln. Die ArbeiterInnen, die im Hintergrund zum Entstehen dieses unschätzbaren Wahrzeichens Wiens beigetragen haben, kommen dabei ebenso zu Wort wie die StadtbewohnerInnen, die in den Palais, Cafés oder als Flaneure die prunkvolle Promenade belebten.

Originalpläne und Fotos: Ring frei für Wiens glanzvollste Baustelle

„Es ist mein Wille …“ – mit diesen Worten gibt Kaiser Franz Joseph 1857 in einem Handschreiben, veröffentlicht in der „Wiener Zeitung“, den Startschuss für eines der umfangreichsten Bauvorhaben in der Geschichte Wiens. Es geht um nichts Geringeres als die völlige Neugestaltung des Zentrums der Habsburgermonarchie. Wien, so das ambitionierte Ziel, soll Weltstadt werden. Denn im Vergleich zu den anderen großen Hauptstädten Europas präsentierte sich Wien Anfang des 19. Jahrhunderts eher zurückhaltend. Eine biedermeierliche Idylle, umgeben von einer noch aus den Tagen der ersten Türkenbelagerung stammenden und militärisch längst bedeutungslos gewordenen Befestigungsanlage.

 Der passende Ort für mehr imperialen Glanz war daher rasch gefunden: Die Basteien und das davor liegende Glacis, die freien Wiesenflächen vor der Stadtmauer, boten genug Platz für einen außergewöhnlichen Prachtboulevard, die Wiener Ringstraße. Am Anfang des gewaltigen Projekts stand ein Wettbewerb, an dem die renommiertesten Architekten Europas teilnahmen. Unter den 85 Einreichungen war allerdings kein Entwurf, der vollkommen überzeugte. Darum wurden schließlich Ideen aus den drei besten Konzeptionen von Friedrich Stache, Ludwig Förster sowie August von Sicardsburg und Eduard van der Nüll ausgewählt und umgesetzt. Der „Allerhöchste genehmigte Plan der Stadterweiterung“, der als Originaldruck zu sehen ist, zeigt anschaulich, wie diese Entwürfe zum Gesamtensemble der Ringstraße zusammengefügt wurden.

Noch bevor jedoch der endgültige Ausgang des Wettbewerbs feststand, wurde bereits im März 1858 mit der Demolierung der Basteien begonnen. Das Projekt stellte einen unglaublichen Kraftakt dar: Bis zu 18 Stunden betrug die tägliche Arbeitszeit der mit der Abtragung der Mauern beschäftigten ArbeiterInnen, oft wurde bis Mitternacht bei Fackelbeleuchtung abgerissen. Und dennoch: Bei der offiziellen Eröffnung der Ringstraße 1865 war nur der Bereich vom Burgtor bis zum ehemaligen Stubentor fertiggestellt. Die heute bekannten Prachtbauten wie Parlament, Burgtheater, Rathaus und Universität folgten erst später: Die Ringstraße blieb noch 50 Jahre lang eine Großbaustelle. Erst im Jahr 1913 wurde als letzter Bau das k. u. k. Kriegsministerium am Stubenring eröffnet.

Originalbilder vermitteln einen einmaligen Eindruck von der damaligen Atmosphäre. Gezeigt werden beispielsweise Fotografien von der Entstehung berühmter Sehenswürdigkeiten wie der Oper als Baustelle oder der jungen Ringstraße mit kleinen Bäumchen und aus heutiger Sicht seltsam anmutenden Leerstellen dort, wo inzwischen Gebäude stehen, die heute aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken sind.

Stadtpanorama und „Demolirer-Polka“: Nostalgie und Aufbruch

Wie bei allen städtebaulichen Großprojekten fielen auch bei der Ringstraße die Reaktionen gespalten aus. Bei manchen riefen die permanente Belastung durch Baulärm und Staub, aber auch Ängste vor einer Einwanderungswelle die Sehnsucht nach dem „guten alten“ Wien hervor. Eines der letzten bekannten Zeugnisse Wiens vor dem Fall der Basteien ist ein eindrucksvolles Stadtpanorama des Künstlers und Autodidakten Emil Hütter. Eine künstlerische Installation gibt das im Original aus dreizehn Teilen bestehende Rundgemälde im Mitteloval des Prunksaals wieder. Es vermittelt einen faszinierenden Eindruck von einem Wien, das es bald nach Fertigstellung des Aquarells nicht mehr gab.

Der Nostalgie stand aber gleichzeitig eine enorme Aufbruchsstimmung gegenüber. Die Menschen waren sich bewusst, dass sie die bahnbrechende und rasante Entwicklung Wiens zu einer Metropole hautnah miterlebten – und dass das auch so manche Verbesserung des urbanen Lebens bedeutete. So gingen mit dem Bau der Ringstraße und der Stadterweiterung wichtige Infrastrukturmaßnahmen einher wie die Erweiterung des öffentlichen Verkehrs mit Pferdetramway und Stadtbahn oder die Versorgung mit sauberem Trinkwasser durch die Hochquellenleitung. Diese Umbrüche im Herzen Wiens inspirierten nicht zuletzt eine Kulturgröße wie Johann Strauß zur Komposition seiner „Demolirer-Polka“, die ebenfalls im Prunksaal zu sehen ist.

Rasch wurde die Ringstraße auch vom neu entstandenen Großbürgertum entdeckt: als Flaniermeile, auf der man nach dem Motto „sehen und gesehen werden“ entlangspazierte. Kaffeehäuser wie zum Beispiel das heute noch bestehende Café Landtmann, die in die neuen Lokalitäten am Ring einzogen, erlebten eine Hochblüte als beliebte Treffpunkte. Die Gesellschaft der Ringstraße pflegte aber auch in den zahlreichen Salons in den Beletagen der neuen Palais zu verkehren. Einflussreiche Familien wie die Epsteins, die Ephrussis oder die Todescos verewigten sich mit ihren Häusern am Ring und stellten einen wichtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktor dar – ihr Mäzenatentum war ein unschätzbarer Beitrag zur Kunst- und Kulturproduktion einer ganzen Epoche.

Dass Wien sich mit der Ringstraße auf dem Weg zu einer Stadt von Welt befand, zeigte sich schließlich auch mit der Weltausstellung von 1873. Die Hotels auf der Ringstraße rüsteten sich, die zahlreichen Ehrengäste wie den deutschen Kaiser, den italienischen König, den russischen Zar oder den Schah von Persien zu empfangen. Sogar ein eigenes Hotel wurde aus diesem Anlass am Ring errichtet: das geschichtsträchtige Métropole am Morzinplatz.

Absolute Rarität: Dokumente von Augenzeugen

Eine Besonderheit der Ausstellung „Wien wird Weltstadt“ ist, dass sie zahlreiche ZeitzeugInnen zu Wort kommen lässt. Der Bogen spannt sich dabei vom berühmten amerikanischen Schriftsteller Mark Twain, der 1898 mit seinem Essay „Stirring Times in Austria“ von turbulenten Sitzungen des Reichsrats im neu eröffneten Parlament berichtete, bis zum „Mann von der Straße“.

Ein solcher war beispielsweise Friedrich Schindler, ein Wiener Gerichtsbeamter, der im Jahr 1866 ein aus heutiger Sicht einzigartiges Manuskript verfasste. Unter dem Titel „Rundschau von Wien’s Neubauten und Spaziergang durch dessen neue Straßen (kein Fantasiebild)“ entwarf er auf 66 Seiten ein lebendiges Panorama der Ringstraße im Werden. Sein Bericht, der an einen Jugendfreund aus der Steiermark adressiert ist, ist ein sehr persönlicher Blick auf die vielen Veränderungen, die mit dem Bau des Prachtboulevards verbunden waren. Schindler war klar, dass er Zeuge der größten baulichen Umgestaltung der Stadt wurde. Kritik und Unbehagen gehen in seinem Schreiben mit Neugierde und Freude am Aufbruch Hand in Hand. Seine Zeilen unterstrich er mit liebevoll eingeklebten Zeitungsausschnitten. Die absolute Rarität vermittelt auch noch mehr als ein Jahrhundert später das Lebensgefühl der damaligen Zeit und ist in der Ausstellung erstmals im Original öffentlich zu sehen.

Eine Stimme soll in dieser Ausstellung aber auch den Menschen hinter der Ringstraße verliehen werden: Den ArbeiterInnen, die mit ihrer auszehrenden und zumeist unbedankten, harten täglichen Bautätigkeit einen enormen Beitrag zum Aufstieg Wiens zu einer glanzvollen Metropole leisteten, selbst aber unter den prekärsten sozialen Bedingungen leben mussten. So schrieb der Sozialdemokrat Victor Adler 1888 über die Ziegelwerke am Wienerberg: „diese armen Ziegelarbeiter sind die ärmsten Sklaven, welche die Sonne bescheint.“

Der Bauboom der Ringstraßenzeit führte zu einem massiven Zuzug Arbeitssuchender nach Wien, die sich außerhalb des damaligen Linienwalls niederließen. Eine unmittelbare Folge des Aufschwungs Wiens zur Weltstadt war daher auch die Entstehung von Arbeiter- und Armensiedlungen. Sie wurden bei der zweiten Stadterweiterung 1892 eingemeindet, die seit 1873 bestehende Gürtelstraße sollte zur „Ringstraße der Vorstädte“ werden. Damit begann ein neues Kapitel in der Geschichte des zur Weltstadt avancierten Wiens.

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Ausstellungssponsor  „Wien wird Weltstadt“

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