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Das Phänomen Homer
in Papyri, Handschriften und Drucken


Die Geschichte der Menschheit ist seit jeher auch eine der Mythen, Märchen, Fabeln und Religionen. Große Denker, Propheten und Wissenschafter befassten sich zu allen Zeiten mit den verschiedenen Erscheinungsformen der Welt; was sie nicht selbst gesehen und erfahren hatten, wurde durch fantastische Geschichten ergänzt. So entstanden Götterwelten, Heldensagen und Religionen, die Völker, Kulturen und Gesellschaften prägten und deren Entwicklung beeinflußten. Die bedeutendsten Geschichten wurden über Jahrtausende hinweg tradiert, schriftlich festgehalten oder mündlich von Generation zu Generation überliefert. In früheren Zeiten waren diese Quellen oft geheim oder der gesellschaftlichen Oberschicht vorbehalten, die durch den Wissensvorsprung ihre Position festigte. Die große Bedeutung uralter Texte und Weisheiten offenbart sich in der Geschichte ihrer Überlieferung: Wissen zu erhalten ist ein zentrales menschliches Bedürfnis, ebenso wie Erfahrungen an die Nachwelt weiterzugeben, um in deren Tradierung „Unsterblichkeit” zu erlangen. Diese Form der Unsterblichkeit hat der wohl berühmteste Dichter der Antike – Homer – erlangt, er lebt in seinen großartigen Epen weiter.

Rezeption von Ilias und Odyssee

Die Ausstellung im Papyrusmuseum ist eine Hommage an diese phänomenale Erfolgsstory, an die großen Texte und ihren Schöpfer. In der Schau kann man die ersten schriftlichen Zeugnisse der griechischen Geschichte auf ihrer Odyssee durch die Jahrhunderte begleiten.

Beleuchtet wird anhand der verschiedensten Medien – von den frühesten Papyri, Handschriften und alten Drucken bis hin zur aktuellen Literatur – in welch mannigfaltiger Form Homers Epen bis heute überliefert sind. Gezeigt werden Schätze aus der Papyrussammlung, der Sammlung von Handschriften und alten Drucken, der Flugblätter-, Plakate- und Exlibris-Sammlung, der Musiksammlung und dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek sowie der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums.

Ein zentrales Ausstellungsobjekt ist ein Fragment einer der ältesten Buchrollen der Ilias, Buch 22, aus dem 3. Jh. v. Chr. Die Rolle zeigt den Text noch in der ursprünglicheren Form, bevor er von Gelehrten in der Bibliothek in Alexandria philologisch bearbeitet wurde. Enthalten sind etwa Verse, die später aus dem Text entfernt wurden.

Ein weiteres Objekt, Verse aus dem 3. Buch der Odyssee mit Randscholien aus dem 2. Jh. n. Chr., zeigt an den Rändern zahlreiche Eintragungen eines Gelehrten und belegt die intensive Auseinandersetzung mit dem Wortlaut der Texte über die Jahrhunderte.

Ilias und Odyssee als Zentrum der griechischen Kultur

Als sich die griechischen Stämme im östlichen Mittelmeerraum seit dem 8. Jh. v. Chr. immer mehr zu einem Volk vereinten, fanden sie ihr Selbstverständnis in den beiden Texten Homers wieder. Die Kenntnis von Ilias und Odyssee wurde zu einem verbindenden Glied all derer, die sich als Griechen definierten.

Homer in Ägypten

Die frühesten Abschriften der Epen, die in der Ausstellung gezeigt werden, sind Papyri des 3. Jhs. v. Chr. aus Ägypten. Seit frühester Zeit bestanden über Jahrhunderte hinweg wirtschaftliche Verbindungen zwischen den beiden Kulturräumen. Die großen ägyptischen Prosaerzählungen Der Kampf um den Panzer des Inaros und Ägypter und Amazonen zeigen in der Handlung, aber auch im Detail der Darstellung verblüffende Parallelen zur Ilias.

Ein Highlight der Ausstellung ist der Liebesroman Ägypter und Amazonen aus dem 2./3. Jh. n. Chr. in ägyptischer Sprache der zahlreiche formale und inhaltliche Parallelen zu den homerischen Epen aufweist. Am Beispiel dieses Ausstellungsstücks erhebt sich die Frage, ob die ägyptische Literatur von Homer beeinflusst war, oder vielmehr die homerischen Epen durch die ägyptische Literatur inspiriert sind.

Homer in Zeiten des Christentums

Der Siegeszug des Christentums hat die Popularität von Ilias und Odyssee zwar gebremst, die Werke aber nicht in Vergessenheit geraten lassen. Es scheint, dass in den Klöstern Ägyptens auch im 5./6. Jh. n. Chr. immer noch das 1. Buch der Ilias als Übungstext auswendig gelernt wurde. Die spätesten Handschriften auf Papyrus stammen aus dem 6. Jh. n. Chr.

Homer vom Mittelalter bis in die Gegenwart

Das Verhältnis des lateinsprachigen Mittelalters zu Homer war äußerst ambivalent. Auf der einen Seite wurde dem großen Dichter, der gleichsam als Inbegriff eines Poeten galt, Bewunderung entgegen gebracht, auf der anderen Seite galt er als Erfinder einer heidnischen Götterwelt und Verfälscher der historischen Wahrheit. Die Rezeption der Texte hängt wesentlich von deren zeitgenössischer Bewertung ab, die zwischen Ablehnung aus christlich-moralischer Sicht und historio-grafischem Interesse schwankte.

Der Druck der homerischen Werke setzte früh ein; jede bedeutende Bibliothek besaß Drucke der Ilias und Odyssee. Auch auf der Bühne waren homerische Themen populär: 1668 führte man in Wien Il pomo d’oro (Der goldene Apfel) auf; diese Oper behandelt das Urteil des Paris, den Ausgangspunkt des trojanischen Krieges. In der Ausstellung gezeigt wird ein kolorierter Kupferstich des Bühnenbildes zu Il pomo d’oro von Antonio Cesti, das den Olymp mit der Götterversammlung darstellt. Die Oper wurde 1668 anlässlich des 17. Geburtstages von Margarita Teresa von Spanien, der jungen Frau von Kaiser Leopold I. aufgeführt. Thema ist das Urteil des Paris, der unter drei Göttinnen der Aphrodite den goldenen Apfel überreichte, weil sie die schönste der drei sei.

Gerade das vielen, seit ihrer Schulzeit bekannte „Parisurteil” zeigt, dass die Kenntnis der Werke Homers bis heute zur Allgemeinbildung zählt. Übersetzungen der beiden Versepen in alle Sprachen der Welt sind weiterhin populär. Auch in jüngster Vergangenheit wurde die Ilias wieder zum Sujet von Filmen.

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