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Das Globenpaar von Georg Moritz Lowitz im Globenmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek

21.03.2019 Forschungsblog
Karten

Autor: Jan Mokre

Globen wurden ab der Mitte des 16. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts üblicherweise als Paare hergestellt und vertrieben: ein Erdglobus und ein Himmelsglobus in gleichem Durchmesser und in gleichem Gestell sowie stilistisch aufeinander abgestimmt.

Der renommierte Nürnberger kartographische Verlag Homännische Erben (bis 1730: Verlag Homann)[1] beabsichtigte Mitte des 18. Jahrhunderts zur Erweiterung seiner Produktpalette die Herstellung von Erd- und Himmelsgloben mit unterschiedlichen Kugeldurchmessern. Neben Globen im Standardmaß von einem Pariser Schuh (etwa 32,5 cm) sollte insbesondere ein großes und prunkvolles Globenpaar mit Kugeldurchmessern von jeweils drei Pariser Schuh (etwa 97,5 cm) zum wirtschaftlichen Gedeihen des Verlages beitragen.[2] Diese, den aktuellsten Stand der Geographie und der Astronomie repräsentierenden Objekte wurden in Kooperation mit der vom Geschäftsführer des Verlages, Johann Michael Franz (1700–1761), ins Leben gerufenen und in engem Zusammenhang mit der Firma stehenden „Kosmographischen Gesellschaft“[3] konzipiert. Die Leitung des Projektes übertrug man dem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Verlages, dem Mathematiker, Astronomen und Geographen Georg Moritz Lowitz (1722–1774).[4]

Eine 1746 vom Verlag veröffentlichte Druckschrift kündigte die Herstellung der großen „Welt-Kugeln“ an und diente gleichzeitig als Werbeschrift für die Einladung von Pränumeranten.[5] Als Vorarbeiten, und wohl auch als anschauliche Musterstücke für die geplanten größeren und großen Globen, wurden von Lowitz 1747 ein Erd- und ein Himmelsglobus mit Kugeldurchmessern von jeweils 5 Pariser Zoll (etwa 13,5 cm) angefertigt. Die Segmente der Globuskarten waren mittels Kupferstich gedruckt; es handelte sich also um sogenannte Seriengloben, nicht um Einzelstücke.[6]


Abb. 1: Georg Moritz Lowitz: Himmelsglobus (1747) und Erdglobus (1784)

Das Kartenbild des Himmelsglobus war auf der Grundlage des Himmelskataloges von John Flamsteed (1646–1719) gezeichnet worden und zeigt etwa 2500 Fixsterne.[7] Deren Positionen waren von Lowitz für das Jahr 1762 umgerechnet worden.[8] Den Erdglobus gestaltete er auf der Basis der Karten des Mathematikers und Historikers Johann Matthias Hase (1684–1742), mit dem die Homännischen Erben eine enge Zusammenarbeit pflegten. Lowitz aktualisierte Hases geographische Daten mittels genauerer Koordinaten, die dem Verlag vorlagen, und verarbeitete zusätzlich Informationen aus den Karten des französischen Geographen und Enzyklopädisten Jean-Baptiste Bourguignon d’Anville (1697–1782).


Abb. 2: Detail Himmelsglobus

Nach dem Bekanntwerden der geographischen Ergebnisse der Seefahrten des James Cook (1728–1779) mussten alle bis dahin angefertigten Erddarstellungen als veraltet angesehen werden. Daher gab der Verlag Homännische Erben um 1784 eine überarbeitete Version des Erdglobus heraus.[9] 63 Jahre nach der Erstausgabe, 1810, erfolgte noch einmal eine Neuauflage durch Christoph Fembo (1781–1848), Mitgesellschafter des Verlages, mit leicht veränderter Inschrift.[10]


Abb. 3.: Detail Erdglobus

Diese kleinen Globen sind die einzigen Relikte des ambitionierten „Lowitzschen Kugel-Unternehmens“.[11] Weder das geplante Globenpaar mit einem Kugeldurchmesser von einem Pariser Schuh noch das mehrmals mittels Druckschriften[12] angekündigte größere Globenpaar mit dem Kugeldurchmesser von drei Pariser Schuh wurden fertiggestellt.

Dafür gab es mehrere verlagsinterne, vor allem finanzielle Gründe[13], aber auch Lowitz selbst war wohl nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung, infolge derer die Pränumeranten ihr im Voraus eingezahltes Geld verloren.[14]

„Er warf bessere Dinge weg, als ein Anderer ausgefertigt hatte, so fing er freylich immer wieder von vorne an, und wenn Hindernisse, Ueberdruß u. dergl. dazu kamen, so war umsonst gethan, was manchen verewigt hätte.“[15]


Abb. 4: Porträt Georg Moritz Lowitz [= ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung, Signatur: PORT_00136039_01]

1755 wurde Lowitz als Professor für praktische Mathematik an die Universität Göttingen berufen. Dort beschäftigte er sich unter anderem auch eingehend mit der Konstruktion von Globussegmenten und dem möglichst verzerrungsfreien Aufbringen derselben auf die Kugel.[16]

1768 folgte er einer Ernennung zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg. In Russland beauftragte man ihn unter anderem mit topographischen Vermessungen im Steppengebiet zwischen Wolga und Don. Als Spion der Regierung verdächtigt, ermordeten ihn dort aufständische Kosaken im Verlauf des sogenannten Russischen Bauernkriegs (1773 bis 1775).[17]

Im ersten Raum des Globenmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek mit dem Themenschwerpunkt „Geschichte der Globen“ kann ein von Georg Moritz Lowitz gefertigtes Globenpaar besichtigt werden.[18]


Zum Autor: Mag. Jan Mokre ist Direktor der Kartensammlung und des Globenmuseums der Österreichischen Nationalbibliothek.


[1] Zur Geschichte des Verlags am aktuellsten: Markus Heinz: Die Geschichte des Homännischen Verlages, in: „auserlesene und allerneueste Landkarten“. Der Verlag Homann in Nürnberg 1702—1848. Eine Ausstellung des Stadtarchivs Nürnberg und der Museen der Stadt Nürnberg mit Unterstützung der Staatsbibliothek zu Berlin — Preußischer Kulturbesitz im Stadtmuseum Fembohaus vom 19. September bis 24. November 2002 (Nürnberg 2002) S. 34-47.
[2] Christian Sandler: Die Homännischen Erben, in Zeitschrift für wissenschaftliche Geographie unter Mitberücksichtigung des Höheren Geographischen Unterrichts 7 (1890) S. 333-355 und S. 418-448, S. 349f
[3] Sophus Ruge: Aus der Sturm- und Drang-Periode der Geographie. (Die älteste geographische Gesellschaft und ihre Mitglieder), in: Zeitschrift für wissenschaftliche Geographie unter Mitberücksichtigung des Höheren Geographischen Unterrichts 5 (1885) S. 249-260 und S. 355-364.
[4] Die älteste biographische Darstellung findet sich in: Georg Andreas Will: Nürnbergisches Gelehrten-Lexicon oder Beschreibung aller Nürnberger Gelehrten beyderley Geschlechtes… 2. Bd (Nürnberg/Altdorf 1756) S. 510-513; zuletzt erschien: Regine Pfrepper, Gerd Pfrepper: Georg Moritz Lowitz (1722-1774) und Johann Tobias Lowitz (1757-1804) — zwei Wissenschaftler zwischen Göttingen und St. Petersburg, in: Elmar Mittler, Silke Glitsch (Hg): 300 Jahre St. Petersburg. Russland und die „Göttingische Seele“. Ausstellung in der Paulinerkirche Göttingen… (Göttingen 2004) S. 163-182 [= Göttinger Bibliotheksschriften 22].
[5] [Georg Moritz Lowitz]: Homännischer Bericht zur Verfertigung großer Weltkugeln (Nürnberg 1746).
[6] Zwölf kolorierte Kupferstichsegmente und zwei Polkappen auf Papiermachékugeln, vierfüßiges Gestell aus Holz.
[7] John Flamsteed: Historia Coelestis Britannica (London 1725). Die Sternpositionen dieses Verzeichnisses galten für das Jahr 1690.
[8] Da sich die Sternpositionen aufgrund der Präzession in 72 Jahren um ein Grad verändern, fügte Lowitz Flamsteeds Koordinaten einfach ein Grad hinzu.
[9] Alois Fauser: Ältere Erd- und Himmelsgloben in Bayern (Stuttgart 1964) S. 107-109. Zur Datierung dieser Neubearbeitung: Johannes Dörflinger: Deutsche Erdgloben an der Wende vom 18. zum 19, Jahrhundert, in: Der Globusfreund. Wissenschaftliche Zeitschrift für Globen- und Instrumentenkunde 35-37 (1987) S. 241-258, S. 243.
[10] 1813 kaufte Fembo alle Anteile des Verlages und wurde auf diese Weise Alleingesellschafter. Markus Heinz: Modell eines Werkskataloges des kartographischen Verlages Homann, Homanns Erben und Fembo in Nürnberg (1702-1848). 2 Bde (nicht veröffentlichte Dissertation, Universität Wien, 2002) Bd 1, S. 121.
[11] Sandler: Die Homännischen Erben (wie Anm. 2) S. 349.
[12] Zusätzlich zu der in Anm. 4 angeführten Druckschrift: Georg Moritz Lowitz: Description complete ou Second Avertissement sur les Grands Globes Terrestres et Celestes auxquels la Societé Cosmographique établie à Nurenberg (Nürnberg 1749) und Georg Moritz Lowitz: Troisieme Avertissement sur les Grands Globes ou la Societé des Sciences Cosmographiques de Nurenberg rend compte au Public du Retardment de cet ouvrage (Nürnberg 1753).
[13] [Daniel Friedrich] Sotzmann: Die Lowitzschen Erdgloben, in: Monatsberichte über die Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin NF 7 (1850) S. 27-35, S. 32f.
[14] Nachrichten von dem Professor Lowitz, und von der cosmographischen Gesellschaft, in: Anton Friedrich Büsching (Hg): Wöchentliche Nachrichten von neuen Landcharten, geographischen, statistischen und historischen Büchern und Sachen 3 (1775) S. 55-64 und S. 65-68, S. 68.
[15] Abraham Gotthelf Kästners Berichtigungen einiges von G. Mor. Lowitzens Lebensumständen betreffend, in: Deutsches Museum [2/1] (1777) S. 257-261, S. 261.
[16] Eine Vorlesung von Lowitz zu diesem Thema aus dem Jahr 1756 wurde 1778 (posthum) in den Göttinger Gelehrten Nachrichten veröffentlicht: GE. Mavritii Lowiz Commentatio de figura et divisione segmentorum, quibus magni globi coelestes et terrestres obducantur. Praelecta d. XIV. Aug. MDCCLVI, in: Commentationes Societatis Regiae Scientiarum Gottingensis Vol. 1 / Antiquitores Tom. 1 (1778) S. 1-46.
[17] Siebente und letzte Fortsetzung der Nachrichten von den akademischen Expeditionen, in: Hartw[ig] Ludw[ig] Christi[an) Bacmeister (Hg): Russische Bibliothek, zur Kenntniß des gegenwärtigen Zustandes der Literatur in Rußland 3 (1775) S. 414-416, S. 416.
[18] Himmelsglobus: „Globus Coelestis plusquam 2500 Stellarum ad. A. 1762 ex. Cat. Flamst. calculatarum, designatus a G. M. Lowitz, & edit[us] ab Hom-Hered. 1747“, Signatur: ÖNB/KAR: Gl. 91; Erdglobus: „Globus Marino-Terrestr. ex principiis Delineationum Hasianarum sec. LL evolutionis in ipsum cuprum im[m]ediate desingn. (!) a G M L“, datiert: um 1784, Signatur: ÖNB/KAR: Gl. 92.

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