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Bruckner digital

23.03.2017 Forschungsblog
Musik, Forschungsprojekte
Digitale Musikanalyse mit den XML‐Techniken der Music Encoding Initiative (MEI) am Beispiel der Kompositionsstudien Anton Bruckners

Autor: Thomas  Leibnitz

Die umfangreiche Bruckner-Sammlung der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek konnte 2013 durch eine weitere bedeutende Originalhandschrift ergänzt werden, das sogenannte „Kitzler-Studienbuch“, das Bruckners Kompositionsstudien bei dem Linzer Kapellmeister Otto Kitzler im Zeitraum 1861 bis 1863 enthält und damit wichtige Aufschlüsse über sein frühes Schaffen gibt. Die gebundene Handschrift enthält 163 querformatige Blätter verschiedener Größe, die chronologisch geordnet sind und den Zeitraum von Weihnachten 1861 bis zum 10. Juni 1863 umspannen. Die chronologische Ordnung stammt von Bruckner selbst, der den gesamten Band auch eigenhändig durchnummerierte. Enthalten sind Studien zu Schlüssen, Modulationen und verschiedenen Formtypen, der Kopfsatz einer unvollendeten Klaviersonate in g-Moll, die gesamte Partitur des frühen Streichquartetts WAB 111, das Lied „Der Trompeter an der Katzbach“, Vier Fantasien für Klavier, die Instrumentation des 1. Satzes von Beethovens Klaviersonate „Pathétique“, die Orchesterkompositionen „Marsch in d-Moll“ WAB 96, „Drei Orchesterstücke“ WAB 97, Ouvertüre in g-Moll WAB 98 und Skizzen zur Symphonie f-Moll WAB 99. Es handelt sich daher mit einiger Sicherheit um die größte Bruckner-Originalhandschrift, die noch erwerbbar war. Sie befand sich bis zum Ankauf durch die Österreichische Nationalbibliothek in München in Privatbesitz.

Notenblatt, Kompositionsstudien („Kitzler-Studienbuch“)
Anton Bruckner: Kompositionsstudien („Kitzler-Studienbuch“)

Was hatte Bruckner bewogen, sich nach dem März 1861, als er von Simon Sechter ein abschließendes Zeugnis über seine musiktheoretischen Studien erhalten hatte, noch einmal einer mehrjährigen Studienphase zu unterziehen? Offensichtlich war er der Meinung, nunmehr zwar über tragfähiges Rüstzeug in Fragen der Musiktheorie und des Kontrapunkts zu verfügen, aber Nachholbedarf in praktischen Fragen des Komponierens zu haben, in den Bereichen der Formenlehre und vor allem der Instrumentation. Er wählte daher einen Lehrer, der aus der Praxis des Musikbetriebs kam, den Linzer Kapellmeister und Cellisten Otto Kitzler (1834-1915). Die Studien bei Kitzler dauerten bis Juli 1863. Kitzler selbst berichtete über den „Studienabschluss“: „... eines Tages fragte er mich: ‚Wann werde ich denn freigesprochen?‘ Auf meine Antwort‚ das könne jeden Tag geschehen, denn er hätte schon seinen Lehrer übertroffen, der ihm nichts mehr lehren könne‘, wollte er dies nicht so einfach geschehen lassen und lud mich und meine Frau zu einer Wagenpartie ein, die uns nach dem reizend am Walde gelegenen Jägerhause von Kirnberg brachte, wo bei fröhlichem Mahle die gewünschte Freisprechung erfolgte.“ Die Tatsache, dass Bruckner das Studienbuch binden ließ und durchnummerierte, zeigt, dass er diesem Dokument seiner letzten Studienphase durchaus Bedeutung zumaß und es zumindest für sich bewahren wollte, wenn er auch die darin enthaltenen Werke großteils als „Schulaufgaben“ ansah, die noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren.

Zunächst lag der Schwerpunkt auf einfachen Übungen formaler und harmonischer Art. Der Band beginnt mit Schlussaufgaben, danach wird mit Modulationen in verwandte Tonarten fortgesetzt. Zuerst verfasst Bruckner Modulationen und Schlüsse innerhalb einer achttaktigen Periode in zwei viertaktigen Abschnitten. Auf Bl. 8 beginnen Übungen mit zwei verwandten Perioden. Das übliche Schema besteht darin, eine achttaktige Periode mit einer verwandten Periode von gleicher Länge zu kombinieren. Zu Weihnachten 1861 beginnen die Übungen in zweiteiliger und dreiteiliger Liedform, die die folgenden 40 Seiten füllen. Bruckner notiert: „Zwei Perioden, jede zu acht Takten, wovon jede aus einem einzigen Ganzen ohne Wiederholung besteht.“

Notenblatt, Kompositionsstudien („Kitzler-Studienbuch“)
Anton Bruckner: Kompositionsstudien („Kitzler-Studienbuch“)

Von diesen einfachsten Elementen aus arbeitet sich Bruckner zu Aufgaben mit unregelmäßigen Perioden vor. Bald entstehen kleine Werke, die durchaus bereits eine gewisse Selbstständigkeit beanspruchen können: ein Scherzo mit Trio für Streichquartett, Klavieretüden, Themen mit Variationen, ein Rondo. Auf Bl. 79 beginnt Bruckner schließlich mit der Komposition einer Klaviersonate in g-Moll, die jedoch auf den ersten Satz beschränkt bleibt. Vollendet wird das folgende Werk: das Streichquartett in c-Moll, das er am 15. August 1862 mit zwei Rondo-Finale beendet. Bemerkenswert ist, dass im Studienbuch eine Fülle von Formen und Gattungen vertreten ist, deren sich Bruckner später nicht mehr bedienen wird: Variationen, Sonaten, Streichquartett. Auch für das klavierbegleitete Sololied findet sich hier ein Beispiel: „Der Trompeter an der Katzbach“, vollendet am 25. August 1862.

Nachdem Kitzler seinen Schüler neun Monate lang in Formen für Klavier und Streichquartett unterrichtet hatte, führte er ihn in die Welt der Orchesterkomposition ein. Nach einigen Instrumentationsübungen, einschließlich der vollständigen Instrumentierung der Exposition des ersten Satzes von Beethovens Klaviersonate op. 13 („Pathétique“), schreibt Bruckner den „Marsch in d-Moll“ und die kurzen „Drei Orchesterstücke“. Es folgen die Skizzierung der Ouvertüre in g-Moll (die er in einer separaten Handschrift orchestriert) und schließlich das erste Material zur Symphonie f-Moll, auf welche der Psalm 117 folgt. Seine Studien beendet Bruckner am 10. Juli 1863 mit der Anmerkung: „Ouverture – dann Symphonie u. Psalm beschlossen.“

Notenblatt, Kompositionsstudien („Kitzler-Studienbuch“)
Anton Bruckner: Kompositionsstudien („Kitzler-Studienbuch“)

Zur im „Studienbuch“ beobachtbaren Arbeitsweise Bruckners schreibt Paul Hawkshaw, der sich wie kein anderer mit diesem Dokument befasst hat: „Mit den möglichen Ausnahmen Marsch d-Moll, Drei Orchesterstücke, Ouvertüre g-Moll und Symphonie f-Moll, die er von seinem Lieblingskopisten abschreiben ließ, waren die Kitzler-Übungen nie für öffentliche Aufführungen gedacht. Einige wie beispielweise das Streichquartett sind jedoch so weit vollständig, dass sie aufführbar sind. Aus diesem Grund veranschaulichen sie deutlich die Stufen der Arbeitsweise Bruckners.“ Das Charakteristikum dieser Arbeitsweise liegt im Festlegen der Melodie, danach der Vervollständigung der Bass-Linie, der sich sodann die Komposition der inneren Stimmen anschließt; abschließend erfolgen endgültige Korrekturen einschließlich ausführlicher Ausführungsanweisungen. Hawkshaw: „Die Verfahren, die in diesen Aufgaben angewandt wurden, sind auch in den autographen Partituren vieler vollständiger Kompositionen aus der Linzer Zeit sichtbar.

Im Mittelpunkt des zweijährigen Projekts (ÖAW: go!digital) steht die Übertragung des kompletten Inhalts des Studienbuches, zuerst mit dem Notensatzprogramm Sibelius, dann nach XML-MEI. Auf Basis der MEI-Daten wird zum einen versucht, eine automatisierte Harmonieerkennung durchzuführen. Zweiter Schwerpunkt ist die Visualisierung von Streichungen, Varianten etc.

Die Ergebnisse werden auf » bruckner-online publiziert.

Bei MEI (Music encoding initiative) handelt es sich um eine wissenschaftliche Gemeinschaft zur Codierung von Musiknotation mit wissenschaftlichem Anspruch. MEI wurde bereits bei einer Vielzahl von musikwissenschaftlichen Projekten eingesetzt.

 

Projekttitel

Digitale Musikanalyse mit den XML‐Techniken der Music Encoding Initiative (MEI) am Beispiel der Kompositionsstudien Anton Bruckners

Finanzierung

go!digital-Programm, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Laufzeit

März 2017 bis Februar 2019

Projektleitung

Robert Klugseder

Projektpartner außerhalb der Österreichischen Nationalbibliothek

Österreichische Akademie der Wissenschaften, ZENMEM Detmold-Paderborn, RISM Schweiz (Verovio), Music Encoding Initiative

Projektteam

Paul Gulewycz (und andere)


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