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Peter Handke. Portrait des Dichters in seiner Abwesenheit

Mit Fotografien von Lillian Birnbaum und einem Text von Peter Hamm
Virtuelle Ausstellung zum 75. Geburtstag Peter Handkes
1.12.2017-31.1.2018

Peter Handke, geboren am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten), ist Erzähler, Dramatiker, Lyriker, Übersetzer und Filmautor, der mit seinem Werk die deutschsprachige und europäische Literatur seit Jahrzehnten mitprägt.

Das » Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek verzeichnet mit mehreren Beständen und einer großen Bandbreite an Materialien die umfangreichste und vielfältigste Sammlung zum Leben und Werk Peter Handkes. Sie war Ausgangspunkt für die zwischen 2011 und 2015 vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Forschungsplattform Peter Handke: » Handke-Online.

Eine Auswahl an ganz besonderen Stücken aus dem Archiv ist in der » Dauerausstellung und der aktuellen » Sonderausstellung des Literaturmuseums zu sehen, darunter Werkmaterialien, Notizbücher, Korrespondenzstücke, aber auch ein Wanderstock, Wanderkarten und Wanderschuhe, Fotos und Polaroids sowie Filmausschnitte aus Verfilmungen und Theaterstücken.

Am 6. Dezember 2017 feiert Peter Handke seinen 75. Geburtstag. Aus diesem Anlass präsentieren wir hier eine virtuelle Ausstellung mit Fotografien der bekannten Fotografin und Filmproduzentin » Lillian Birnbaum. Die Fotografien sind zwischen 1994 und 2008 entstanden. Birnbaum besuchte den Dichter in diesen Jahren mehrmals in seinem Haus in Chaville, einem Vorort von Paris. Neben den offiziellen Portraits, die sie für ihn anfertigte, entstand eine Reihe an Aufnahmen, die die vielen zerstreuten Dinge im Haus, wie Notizbücher und Bleistifte, aber auch Nüsse, Pilze und Steine, abbilden. Ohne den Dichter direkt zu zeigen, gelang ihr damit eine andere Art von Portrait: ein Portrait des Dichters in seiner Abwesenheit.

Peter Hamm, Autor, Filmemacher und Freund Handkes, verfasste in seinem Text „Ein Haus ist mehr als ein Haus oder Versuch über das Haus des Dichters“ eine eindrückliche Skizze des Hauses.

Der Text und die Bilder wurden veröffentlicht in: Lillian Birnbaum: Peter Handke. Portrait des Dichters in seiner Abwesenheit. Salzburg: Müry Salzmann, 2011.

Ein Haus ist mehr als ein Haus oder Versuch über das Haus des Dichters

von Peter Hamm
aus: Lillian Birnbaum: Peter Handke. Portrait des Dichters in seiner Abwesenheit. Salzburg: Müry Salzmann, 2011

Im Jahr 1990 zog Peter Handke, den die Metropolen inzwischen weit weniger anzogen als deren Ränder, nach Ch. [Chaville], einen Vorort im Südwesten von Paris, den Gedankenlose, die auf dem Weg nach Versailles vielleicht hier durchkommen, gesichtslos nennen mögen; der Handke-Biograph Malte Herwig nennt ihn „trist“ und „unscheinbar“. Dabei hat sich in Ch. fast jedes Haus eine bescheidene Eigenart bewahrt, wie sie Peter Handke auch an den Bewohnern von Ch. schätzt. Als „bescheiden und unbekümmert“ beschreibt er sie in seinem großen Epos Mein Jahr in der Niemandsbucht, das auch eine Hommage an Ch. und seine hügelige und reich bewaldete Umgebung darstellt.

„Wie die Menschen zeigten die Dinge dort in der Vorstadt sich einzeln, doch das hieß bei ihnen, daß sie, mochten ihnen auch die Anmut und der Glanz ihrer Pendants drinnen in der Kapitale fehlen, geradezu morgendlich erschienen.“

Mein Jahr in der Niemandsbucht erzählt auch die Geschichte des Hauses, das Peter Handke in Ch. für sich entdeckte, ein hinter einer großen Hecke verborgenes und fast hundert Jahre altes unverputztes Sandsteinhaus, auf das eine kleine Allee zuführt, ein Haus „weder zu groß noch zu klein“, ein „durchsichtiges Haus“, dessen weite Fenster die Blicke auf die Bäume des Gartens freigeben und auf einen Himmel, der hier die Pariser Bucht mit dem Meer verbindet, ein „edles Haus“, wie Handke es gegenüber dem Freund Alfred Kolleritsch nennt, ein Haus, in dem sich der Dichter, obwohl er es eine Weile lang noch zusammen mit seiner Familie bewohnte, „von Anfang an allein“ sah, so allein, wie er nun schon seit vielen Jahren darin lebt, allein mit der „feinen Pracht der Leere“.

Dass diese Leere stets bedroht und nur schwer zu verteidigen sein würde, solange ihm der Ruhm auf den Fersen blieb, musste dem Dichter von vornherein bewusst sein. Ich erinnere mich mit einem gewissen Schaudern an ein Erlebnis im Jahr 1990, als er gerade sein neues Haus bezogen hatte und sein Versuch über die Jukebox erschienen war. Darüber sollte ich mit ihm ein Gespräch für ein deutsches Fernsehprogramm führen. Als ich, wie verabredet, mit einem kleinen Kamerateam vor seinem Haus anrückte, empfand ich mich sofort als Eindringling und üblen Störenfried und wäre am liebst umgekehrt, während er mir gleichermaßen verlegen wie unwirsch entgegentrat, uns auch nicht ins Haus bat, sondern nur zu einer TV-Aufnahme im Freien bereit war. Ich sehe noch sein ungläubig empörtes Gesicht vor mir, als mein Kameramann, einem dringenden menschlichen Bedürfnis folgend, plötzlich ins Haus des Dichters eilte (offenbar ohne um Erlaubnis gebeten zu haben). Selbst lange Zeit danach konnte sich Handke über diesen Vorfall ernsthaft erregen, und es gelang mir nur schwer, meinen Kameramann bei ihm zu rehabilitieren (immerhin war dieser auf eigene Kosten und Gefahr nach Soria gefahren, um Filmbilder von jenem Ort mitzubringen, der im Versuch über die Jukebox den Schauplatz bildet).

Goethe ließ 1828 ein Bild seines von zahlreichen Menschen begafften Hauses am Weimarer Frauenplan verbreiten, unter dem geschrieben stand: „Warum stehen sie davor, / ist doch Türe da und Tor, / kämen sie getrost herein, / würden wohl empfangen sein“. Soll man dem Dichterfürst das ernstlich abnehmen?

Peter Handke, der sich noch niemals in die Repräsentantenrolle verirrt hat und, statt selbst zu empfangen, lieber Bücher schrieb, von denen sich der Leser empfangen fühlen darf wie von der Stille einer Lichtung im Wald oder dem Brunnen einer Wüstenoase, hat weder ein Repräsentantenhaus bezogen noch, wie Goethe, für entsprechende Einrichtung gesorgt. Handkes Haus ist überhaupt nicht im einschlägigen Sinne ‚eingerichtet‘, sondern wirkt eher ausgerichtet, ausgerichtet auf das Draußen, zum Freien hin, zum Offenen, Hölderlins Komm ins Offene, Freund! könnte sein Türspruch sein. Selbst die Gebrauchsgegenstände in diesem Haus wirken, als wären sie lange im Freien gestanden. Es ist ein Haus, durch das Bewegung geht, das Haus eines besonders beweglichen Menschen. In seinen Aufzeichnungen Am Felsfenster morgens notiert Handke einmal den Satz: „‚Es ist nicht meine Sitte, ein Haus zu betreten, in dem kein Wanderer wohnt‘, sagte der Wanderer.

“Die Insignien und Funde des Wanderers Handke sind es, die das Bild dieses Hauses bestimmen, Hölzer, Blätter, Kräuter, Federn, Steine, Pilze, Nüsse, Kastanien, Früchte, die vom Wohnraum bis zur Küche überall sanfte Stillleben bilden (wie sie jetzt auf den Bildern der Lillian Birnbaum zu sehen sind), daneben und darüber Postkarten und Schnappschüsse von Orten, die in Handkes Kosmos eine Bedeutung gewannen (er selbst beteiligt seine Freunde gern mittels Postkarten an seinem Leben), Bilder und Bildchen der allernächsten Lieben, auch ein vergilbtes Foto des ganz in sich verschlossenen Grillparzers, und überall dazwischen die Bleistifte und Bleistiftstummel, die zur Ausrüstung dieses Wanderers gehören, der aufschreibt und zeichnet, was er sieht. Selbst die auffallend wenigen Bücher, die in diesem Haus zu sehen sind, waren offenbar schon einmal Wind und Wetter ausgesetzt, ihre Einbände krümmen sich, die Blätter tragen Flecken und wirken manchmal wie angefressen, sie wurden tatsächlich meist im Freien gelesen. (Analog zu Nietzsche, der meinte, kein Gedanke, der nicht im Freien gedacht worden wäre, sei etwas wert, ließe sich sagen, ein Buch sei erst, wenn es sich auch im Freien mit Gewinn lesen lässt, etwas wert). Schon auf den wenigen Treppenstufen zum Haus begrüßen den Ankommenden derbes Schuhzeug, ein alter Schirm, im Vorraum des Hauses dann der Kleiderständer mit den vielen Windjacken und Joppen des Wanderers.

Das erste Buch, das Peter Handke in seinem neuen Haus schrieb, war der dritte und letzte der Versuche: der Versuch über den geglückten Tag. Der geglückte Tag ist letztlich allein der Tag, an dem es gelingt, den Versuch über den geglückten Tag zu schreiben. Aber es sind die vielen oft ganz unscheinbaren Dinge, wie sie Handkes Haus bevölkern, die das Schreiben in Schwung bringen, es ist das, was Handke mit einem Wort seines Freundes Hermann Lenz gern das „Nebendraußen“ nennt, das oft eine Schreibbewegung erzeugen kann. „Sein Tag begann vielversprechend“, lesen wir im Versuch über den geglückten Tag: „Auf dem Fensterbrett lagen lanzenförmig ein paar Bleistifte zusammen mit einer Handvoll ovaler Haselnüsse. Sogar die Zahl der einen Dinge wie der andern trug bei zu dem Wohlgefallen.“ Später sind es dann „die Taukügelchen auf einer Rabenfeder“ und die sieben Sprossen der Leiter im Garten, „Inbild des Aus-sich-Heraussteigen-Sollens“, die zum geglückten Tag beitragen.

Dass all diese Dinge auch ein Gefühl der Dauer erzeugen können, lehrte schon Handkes „Gedicht an die Dauer“: „Eigentümlich auch das Dauergefühl / angesichts mancher kleinen Dinge, / je unscheinbarer, desto ergreifender: / Jenes einen Löffels, / der mich durch all die Umzüge begleitet hat, / jenes einen Handtuchs, / welches in den verschiedensten Badezimmern hing, / der Teekanne und des Flechtstuhls, / jahrelang abgestellt in einem Keller / oder irgendwo eingelagert, und jetzt endlich wieder am Platz, / zwar einem andern als dem angestammten, / und trotzdem auf dem ihren.

“Wenn man Handkes Haus betritt, ist es diese Bedeutung, welche alle darin enthaltenen Dinge für ihn besitzen, die einen gleichzeitig freudig stimmt und mit Scheu erfüllt. Ich erinnere mich an einen Sommernachmittag des Jahres 2002, an dem ich mit Peter Handke in seinem Haus in Ch. verabredet war, um in einer Nachaufnahme zu meinem damals bereits abgedrehten Dokumentarfilm Der schwermütige Spieler – Peter Handke noch einige charakteristische Eintragungen aus seinen Notizbüchern aufzunehmen. Als ich an seinem Haus ankam, war der Freund nicht da, doch sein Haus stand offen (auch in seiner ersten Zeit mit dem Haus hatte er dieses oft unverschlossen gelassen, wenn er sich in die Wälder über Ch. aufmachte). Ein kleiner Zettel, den er an die Tür geheftet hatte, forderte mich auf, mich im Innern des Hauses mit allem Nötigen zu bedienen. Auf dem schönen Tisch, an dem er mich schon so manches Mal köstlich bewirtet hatte und unser Zusammensein dabei jeweils zu eines langen Tages Reise in die Nacht geworden war, stand ein riesiger offener Karton, bis obenhin gefüllt mit Handkes kostbaren Notizbüchern aus vielen Jahren und Jahrzehnten.

Es erging mir nun seltsam, so allein in diesem Haus, in dem Handke, wenn auch nur in der Form dieses Hauses, geradezu übermächtig anwesend zu sein schien. So sehr es mich gereizt hätte, mich in die Notizbücher des Dichters zu vertiefen, wagte ich kaum, auch nur eines von Ihnen aufzuschlagen, und genauso wenig wagte ich es, mich frei im Hause zu bewegen, vielmehr blieb ich an den Tisch gebannt, den ich, wie einer geheimen Choreographie gehorchend, nur zwei- oder dreimal umkreiste. Irgendwann griff ich wahllos eines der Notizbücher aus dem Karton, schlug es irgendwo auf und filmte nur einige wenige Seiten – und dann noch mein Blättern in ihnen. Das alles geschah absolut hoch gestimmt. Der Freund kehrte schließlich aus den Wäldern zurück in sein Haus, dessen Geist ihn einen Nachmittag lang wunderbar vertreten hatte.

In seiner Geschichte des Bleistifts notiert Peter Handke: „Als Goethe Grillparzer 1826 an der Hand ergriff (um ihn ins Speisezimmer zu führen), brach dieser in Tränen aus; und Kafka hat dann die Ziegel von Goethes Haus gestreichelt.“ Wenn ich, so Gott will, wieder nach Ch. komme, will ich mich dieses Satzes erinnern und nicht nur den Freund, sondern auch sein Haus freudig begrüßen.

(Juni 2011)

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