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Rezension: Es gibt keinen Abschied

04/18/2018 Ariadne
Gerda Lerner (1920–2013), US-amerikanische Historikerin und Pionierin der Frauengeschichtsforschung, wurde in eine wohlhabende jüdische Familie in Wien geboren. Mit diesem Roman, der erstmals 1953 erschien, wollte sie sich – noch vor ihrem Geschichtestudium – in Amerika als Schriftstellerin etablieren. Rezension von Lucia Gotz

 

Gerda Lerner schrieb ihren Roman „No farewell“ auf Englisch, und wollte damit die Grundlage für ihr Dasein als amerikanische Schriftstellerin schaffen. Den VerlegerInnen in den USA, wohin sie nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland emigriert war, gefiel ihr Buch zwar, allerdings sahen sie den Buchmarkt von Faschismus-Romanen gesättigt. Deswegen erschien „No farewell“ 1953 in deutscher Übersetzung im kommunistischen Globus Verlag in Wien und unter dem Titel „Es gibt keinen Abschied. Ein Wiener Roman“ Lerner verwendete dabei das Pseudonym Margarete Rainer. Aufgrund der politischen Situation in den USA und ihrer Mitgliedschaft in der Kommmunistischen Partei befürchtete sie Repressionen. „Es gibt keinen Abschied“ wurde jetzt vom Czernin Verlag mit einem ausführlichen Vorwort von Marlen Eckl, das ausführliche Hintergrundinformationen zu Roman und Autorin bietet, neu verlegt. 

Der Roman, der zweifellos stark autobiographisch geprägt ist, wie die Lektüre von Lerners Autobiographie „Feuerkraut“ bestätigt, erzählt episodenhaft über die Zeit des Austrofaschismus der Jahre 1934 bis 1938 in Wien. Von Anfang an befinden sich die Lesenden mitten im politischen Geschehen dieser Jahre und erleben die Ereignisse mit den Romanfiguren mit: Dr. Bergschmidt versucht vergeblich Unstimmigkeiten zwischen der sozialistischen Führung und der Basis auszugleichen, Gustl beteiligt sich an den Februarkämpfen im Karl-Marx-Hof, Leni widerspricht der Ignoranz ihrer bürgerlichen Familie gegenüber den Kämpfen der SozialistInnen, Marie arbeitet leidenschaftlich für die sozialistische Hilfe, Franzl leidet wie so viele andere unter der Not der Familien der FebruarkämpferInnen, Agi erlebt die Anfeindungen gegenüber JüdInnen mit, und vieles mehr. 

Die einzelnen Kapitel, die neben historischen Ereignissen, deren Endpunkt der Anschluss Österreichs an das NS-Regime ist, auch immer wieder auf zwischenmenschliche Beziehungen, Familienstreitereien und Ehekrisen eingehen, bieten dabei keine durchgängige lineare Handlung. Vielmehr springen sie von einem Ereignis zum nächsten, Lücken müssen von der Vorstellungskraft der Lesenden gefüllt werden. Neben diesen Erzählsträngen gibt es immer wieder kursiv gesetzte Passagen, die außerhalb der Handlung stehen und Orten oder Zeitabschnitten gewidmet sind. So wird etwa der Karl-Marx-Hof vor und nach dem Bürgerkrieg beschrieben – einmal als Ort der Vision einer ArbeiterInnenzukunft, einmal als Ort der Niederlage, der von der faschistischen Diktatur okkupiert wird.

Diese unterschiedlichen Zugänge zu historischen Ereignissen werden von Gerda Lerner mit einer erstaunlichen Leichtigkeit zu einem in sich schlüssigen und spannend zu lesenden Roman verpackt. Die poetische Sprache, die sich immer wieder aufs Neue den inhaltlichen Begebenheiten anpasst, macht es Lesenden leicht, sich in die Ereignisse und die Figuren hineinzuversetzen. Dabei kann der literarische Anspruch den politischen Anspruch nie zudecken, der auch in „Feuerkraut“ von Lerner thematisiert wird. Ihre feministische und kommunistische Haltung ist auch Programm ihres literarischen Schaffens. Explizit will sie mit „Es gibt keinen Abschied“ nicht nur unterhalten, sondern auch aufklären, sensibilisieren, Zeugnis ablegen und zum Denken und Handeln anregen. Alles das gelingt ihr auf augenöffnende Weise.

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Ariadne
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