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George Saiko: Nachlaß - Werk - Wirkung


Projektleitung:
Univ.-Prof. Dr. Wendelin Schmidt-Dengler

Projektmitarbeiter:
Mag. Michael Hansel

Finanzierung: Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF)
Laufzeit: 1. September 2002 bis 31. Oktober 2005

Kurzbeschreibung
Das Jahr 2002 bietet sich an, den vor 110 Jahren geborenen und vor 40 Jahren verstorbenen österreichischen Schriftsteller George Saiko und sein Werk wieder bzw. neu bewertet zugänglich zu machen. Saikos Name, der zum Zeitpunkt seines Todes, im Jahre 1962, der literarisch interessierten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt war, klingt selbst heute noch in seinem Heimatland unvertraut und fremd, trotz einiger Versuche, sein Schaffen dem Publikum zugänglich zu machen, wie beispielsweise durch die fünfbändige Ausgabe sämtlicher Werke des Autors durch den Salzburger Germanisten Adolf Haslinger (1987-1992) oder eine Ausstellung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek zum 100. Geburtstag des Dichters (1992).
In seinen poetischen Texten geht es vielfach darum, vorbewußte und unbewußte Triebregungen mittels Symbolen in der Fiktion zu erfassen. Der Demonstrations-Charakter des psychoanalytischen Schreibansatzes beeinträchtigt jedoch häufig die Qualität der Texte, indem die Intention nicht etwa als Problem des Erzählens thematisch wird oder hinter der Geschichte verschwindet, sondern sich in den Vordergrund schiebt. Diese Technik verlangt einen aufgeschlossenen und aufmerksamen Leser, der den anspruchsvollen Weg zwischen Triebstruktur und Handlungsmuster der Erzählfiguren auch bereit zu gehen ist.
Saikos Texte sind derart diffizil, daß ungeachtet der löblichen Unternehmungen seitens der Literaturwissenschaft, sein Werk zu erschließen, Defizite bestehen. Durch eine Aufarbeitung bzw. einer gründlichen Analyse des Nachlaßbestandes des Autors besteht die Möglichkeit, diese Defizite zu bereinigen und Lücken in der Saiko-Forschung zu schließen.
Projektziele:
1.) Ausgangspunkt des Forschungsprojekts soll der 1997 vom Österreichischen Literaturarchiv erworbene und nun als Ganzes erfaßbare Nachlaß des Schriftstellers darstellen, der in 11 Kisten Saikos literarische und kunsthistorische Arbeiten wie auch Privat- und Verlagskorrespondenzen, Photographien zur Kunstgeschichte und Zeitschriftenbelege enthält. Der Bestand soll nach einer gründlichen Durchsicht nach Fach- und Themenbereichen segmentiert und in einer planmäßigen Darstellung (nach den "Regeln zur Erschließung von Nachlässen und Autographen") erfaßt werden.
2.) Gleichzeitig soll eine Analyse des Gesamtwerkes George Saikos wie auch eine Bewertung der literaturwissenschaftlichen Aufarbeitung des Autors durchgeführt werden, die mit den Ergebnissen der Nachlaßuntersuchung überprüft und in der Folge vergleichend ausgewertet werden soll.
3.) Anhand der Resultate dieser vorab zu leistenden Studie werden folgende Fragen zu beantworten sein bzw. folgende Verfahrensweisen durchgeführt:
a) Es gilt, die Annahme zu begründen, daß die Bedeutung George Saikos und das Verständnis seiner Dichtkunst sich nicht an einzelnen Werken darstellen läßt, sondern einzig aus der Betrachtung des Gesamtwerkes hervorgehen kann. Deshalb muß und wird das Augenmerk verstärkt auf die bislang von der Literaturwissenschaft vernachlässigten Erzählungen und Essays des Dichters gelegt, die seine subtile literarische Methode und poetischen Theorien auch deutlicher zu enthüllen vermögen als die anspruchsvolle Großform seiner Romane und damit Lesern wie auch Kritikern neue Interpretationsmuster eröffnen.
b) Durch die im Rahmen des Forschungsprojekts zu bewerkstelligende Aufarbeitung des Nachlasses und der umfassenden Analyse des Gesamtwerkes werden in diesem Zusammenhang nicht nur neue Erkenntnisse zu Leben und Werk Saikos vielschichtiger erschlossen - im speziellen dürfen Antworten auf die Fragen nach Konvergenzen und Divergenzen zwischen Saiko, Broch, Musil, aber auch Joyce erwartet werden -, sondern auch mit neuen Erkenntnissen bezüglich der literatursoziologisch und gesellschaftspolitisch noch stiefmütterlich erforschten Zwischenkriegszeit ist zu rechnen.
c) Bislang fehlt es immer noch an einer umfassenden literaturwissenschaftlichen Aufarbeitung der Schriften des Autors. Anhand einer "Defragmentierung" von Lücken in der bisherigen Forschung kann Saikos Stellung im literarischen Kanon als ein poetologisches Bindeglied zwischen Autoren der "älteren" Generation wie Musil und Broch und der (auch literarisch) "jüngeren" Generation der frühen Zweiten Republik gefestigt bzw. neu eingepaßt werden. Eine kritische Durchsicht und Aufarbeitung der Forschungsliteratur sowie der nun vollends analysierbare Nachlaß soll diese Defizite beheben.
d) Anhand einer zunächst nach streng empirischen Maßstäben ausgehenden Rezeptionsforschung soll die Frage beantwortet werden, weshalb Saiko bis heute ein weitgehend unbekannter Autor blieb, der sich von der Literaturkritik mißverstanden fühlte und deshalb eigene Interpretationen zu seinen Texten nachlieferte und inwieweit seine diffizile Erzähltechnik dafür verantwortlich zeichnet.
e) Abschließend sollen die Ergebnisse des Forschungsprojekts in einer Monographie zusammengefaßt werden. Eine monographische Studie besitzt den Vorteil, sich der Person George Saikos auf vielfältigem Wege annähern zu können, ihn sowohl als Schriftsteller als auch als Kunsthistoriker greifbar zu machen und auch "äußere" Einflüsse in die Untersuchung einzubeziehen, womit weiters seine Bedeutung für die Entwicklungslinien in der österreichischen Literatur verdeutlicht werden kann.

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