Textausschnitt aus dem Beginn des Romans "Melancholia" von Bettina Galvagni, erschienen 1997 im Residenz-Verlag, Salzburg, Wien (ISBN 3-7017-1068-6)

In der Zeit nach dem Halbjahreszeugnis wurde ich krank und vom Fieber umspült, und so, zu Hause, schrieb ich wertlose Sachen, weil ich es schon zu dem Zeitpunkt nicht lassen konnte, vom immer denselben Dingen zu erzählen.
Es ist eine alptraumhafte Vision vom Pfleger mit den kakiroten Haaren, die dazu geführt hat, daß ich Schaum von abgestorbenen Wörtern vor dem Mund habe und eine existenzbedrohende Übelkeit im Kopf, die verstohlen aus den Augen schaut, wann immer ich sie öffne. Dabei hat man natürlich Rekreation für den Sommer gewünscht, das Übliche, was eigentlich immer gewünscht wird, ohne daß man sich eines großartigen Wortes von diesem geistigen Format hätte erfreuen können. Das wünschte man uns allen, und nachdem es einen Monat her war, daß der Wunsch mit dem übergeworfenen geistigen Schleier laut geworden war, habe ich das irgendwo vermerkt, es war schon der fünfzehnte Tag eines neuen Monats, dessen Ende früher immer der Anfang einer Reise war, dessen fünfzehnter Tag im letzten Jahr aber Ende war, und Ende einer Reise. Ma hat sich das gewünscht, und ich habe Schwäche geerntet, was ich schon auf der Zunge spürte, auf der das Wort sehr salzig und durchaus unangenehm schmeckte. Ich habe ein paar Früchte von den Bäumen geholt und mich damit auf den Boden gelegt, um nicht zu sterben, mit den glasigen Schalen auf meiner Wange, die ich dann an den Mund preßte wie Wasser, aber keinesfalls, um zu leben, es muß einfach ein Gift um mich herum gewesen sein, das ich mit der Fliegenklappe zu erschlagen suchte und das doch ausgelöffelt und geschluckt werden mußte, was ich von allen Anfang an wußte. Vielleicht waren diese von mir gegessenen Früchte aber einfach zu schwach, um einen schwachen Körper zu ernähren.
Damals, als dieses Rekreationswort noch wie ein Pendel ausschlug, dieses Wort habe ich seinem Inhalt nach jetzt nahezu vergessen, damals auf jeden Fall hatte ich mich auch schon wieder an die Verschliessenheit der alten Buchstaben auf der alten Schreibmaschine gewöhnt, nur haben sich diese alten Buchstaben dann irgendwann wieder erschöpft, ohne daß ich je ihren Geruch vergessen hätte, der mich unweigerlich an alte Dampflokomotiven erinnerte. Das einzige noch vorhandene Bewußtsein von jener Zeit bricht den Zauber der Verwirrung, die damals vorherrschte, hat ihn vielleicht auch schon gebrochen, zu Erinnerungsresten wie Eierschalen, hilflos, noch hilfloser dann der Wunsch, die Bücher endlich zu zertreten wie Ameisen, aber nachts krümmte sich doch das Gespenst aus schwarzen Buchstaben in die Augen, und wann immer es Menschen zuließen, meine Mutter zählt natürlich nicht dazu, habe ich von Krankheit und Tod gesprochen, wobei diejenigen, die es zuließen, trotz akribisch genauer Schilderung meines in der Tat bedrohlichen Zustandes nicht auf die leise Idee kamen, daß zwischen Krankheit und Tod und mir wirklich ein dämonisches Bündnis herrschen könnte, sozusagen eine hypochondrische Dreifaltigkeit.
Ich war vergiftet von Kopf bis Fuß, mit einem Ariadnefaden als einzigem mich am Leben haltenden Gegenstand in der Hand, der mir mein schizophrenes Labyrinth offenhielt. Manchmal, was ich natürlich zugebe, hat mich diese boden- und kopflose Schwäche auch erregt, damals, als mein Vater im Bett lag und ich mit der größten, meinen schwachen Körper wie ein Stromschlag durchzuckenden Anstrengung sinnlose, mich quälende Notizen auf sinnlose Blätter schrieb, und trotz der Krankheit lag auf dem Gesicht meines Vaters die braune Farbe wie ein Stück gefärbter Seide.
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