Textausschnitt aus dem Beginn des Romans "Aushäusige" von Sabine Gruber, erschienen 1996 im Wieser-Verlag, Klagenfurt (ISBN 3-85129-189-1)

Jetzt, sagt sich Rita, wird der Moment kommen, jetzt beugt er sich über den Tisch, streift das Gedeck, der Teller mit den Fischgräten wird umgekippen, da stüplt Ennio seinen Körper bereits über die Tischplatte, greift nach dem Radio, dreht von einer Frequenz zur anderen, bis er den sonntäglichen Sender empfängt, die Tor - und Abseitsstimmer ihr neuerliches Warten einleiten. Erst nach abgepfiffenem Spiel darf sie ihre Hilfestellung verlassen, sind Gläser und Teller wieder in Sicherheit, wird weitergedreht oder abgeschaltet.
Obwohl sie hofft, er würde den Raum verlassen, bleibt er vor ihr sitzen, die Hände in Betstellung auf  Kinnhöhe, den Kopf auf den Daumenkuppen ruhend, und als gäbe es sie gar nicht, als kehrten die Speisereste von selbst in die vorgesehenen Schränke zurück, starrt er ohne Unterlaß auf die Bierflaschen, die trotz wiederholten Zuschlagens der Kühlschranktür nicht aus seinem Gesichtskreis verschwinden. Rita dreht ihm den Rücken zu, wirft einen Topf ins Spülbecken, legt die Teller laut aufeinander. Mit der Zeit hört sie auf, ihn herauszufordern. Seine Schultern haben etwas Hängendes bekommen, zucken verächtlich, wenn sie ihn anschaut. Ennio kann Fragen und Antworten nicht mehr auseinanderhalten, äußert Zweifel und Befremden, indem er die Augen verdreht, Mund und Wangen bewegt, immer seltener in verständlichen Worten, Sätzen. Er drückt einen Fingernagel ins Holz wippt mit den Beinen auf und ab, bis ihr das Schaukeln, das Rütteln der Bank zuviel wird, sie verärgert nach seinen Beinen greift: Hör auf damit, ich halt' das nicht aus.
Rita bleibt keine Zeit für Vorhaltungen, da steht Ennio schon auf, fällt, als würde er ihrem Blick nicht standhalten, nach vorne, um gleich wieder zurückzufedern, um sich bei ihr abzustoßen, bei ihr Kraft zu holen für die Strecke zwischen Küchentisch und Schlafzimmer, die er nur mit Mühe, die Beine steif hinter sich herziehend, gegen Möbel und Türpfosten schlagend, zurücklegt.
Allein, zwischen den Stühlen, denkt sie daran, wie es wäre, wenn sie statt der Zeit, der Jahre, ihn totschlagen, vorsätzlich und heimtückisch auf ihn einschlagen würde, bis der Kopf auf die Brust fiele, zum letzten Mal zuckte. Sie würde noch einmal, befreit von diesem sich langsam zersetzenden, andauernd nach Fisch riechenden Körper, einen Vorstoß ins Leben wagen. Doch nochwährend Rita Ennio in die Erde denkt, steigt er schnarchend zurück ins Leben ...

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