Textausschnitt aus dem Prosastück "68er Kind; ein Protokoll" von Margit von Elzenbaum, erschienen in der Zeitschrift "Kulturelemente", Nr. 4, September-Oktober 1997, S. 13-14.

Die Uroma Marie hot Friedn ghob zu Lebzaitn. In gonzn Fotoalbum isch koan Gsicht wia ihrigs, nit vun oltn Onkl Leopold sell, nit vu der Touta ihrn Vouter und iberhaup vu koan oanzign Kartheintner und koan Überhöfer.
Sie hot zun Opa, bol er in Kriag gongen isch, gsog:
"Schaug mi nou amol un. Bol zruggkimmsch, bisch an onderer." Und sie hot olle Zachern verheb.
I schaug sie mer nit genua un, sie hot Friedn ghob bis unter ihrn waitn Kittl aini. Es miaßet an Toug fir die hailign Uromen geibn.
Ich weiß, daß mein Vater als Kind eine Mutterschürze groß wie eine Hängematte in Reichweite hatte, und daß er abends beim Lichtlöschen von der einen Ruhe in die andere gereicht wurde.
Wenn mir meine Mutter nur nie die Geschichte vom guten Wolf erzählt hätte.
Er wagt sich kaum noch in die behauste Gegend. Lügenmärchen werden von ihm erzählt. Gekränkt hat er sich zurückgezogen. Unverstanden. Freudlos. Von menschlicher Überheblichkeit getretenes Vieh.
Rotkäppchen ist mir kaputtgegangen.
Das kleinste Geißlein ist mir kaputtgegangen. Ich wollte mir darüber auf den Lippen jede einzelne Träne mit den Zähnen zerbeißen.
Der Großvater hat aber die Geschichte weitererzählt und mich gestärkt: dieser Wolf ist der Fuchswolf, der raffinierteste unter den Wölfen. Meinem Großvater kann ich aufs Wort glauben, er ist bei Jägern und Tieren im Wald groß geworden. Und gute Wölfe leiden an Tollwut, man darf sich nicht mit ihnen befreunden.
Der Opa hot in Kriag Komeroudn ghob, und olle sain Soldoutn gweisn.
Der Tata schamp sich, wail der Opa Soldout gweisn isch. Ear hot isch friahr nou viel meahr gschamp.
Der Opa tuat mitsingen, bol in Radio Komeroudnliadlen sain: Liebes Mädel, darfst nicht weinen. Auf unseren Bergen ist die Freiheit...
[...]
Bol der Opa vun Kriag zruggkemmen isch, hot die Uroma Marie long gwortet ghob, daß der Opa epes sog. Long. Der Opa hot nicht gredt. Af der Fotzorgl hot er gspielt; a Wia in Wold und a Wia in der Stub.
Friahr, vourn Kriag, hot er afn Chour gsungen. Und wenn sie bun Mittougessn nit olm nou in Engl-des-Herrn gebetet hätten, hätt niamets meahr gwißt, wos fir a Stimm ear hot.
Die Uroma Marie hot nachtwais gekopft, wos der Opa, wenn er schun nit redt, gearn hearn meiget. Sie isch draufkemmen, bol sie amol in der Stub in a Zaitung geblattlt hot. "Froah bin i schun, " hot sie gsog, "daß ins nit virrechnsch, wiaviel Hunger ghob hosch, wai oft durchn Lettn gekrochn bisch, und iberhaup, wiaviel Granatn gworfn hosch."
Dernouch hot der Opa wieder ungheb zu reidn.
...

 
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